Kulturelles Gedächtnis

Die Geschichte gewinnt im Netz viele Facetten – Interview mit Thomas Krüger

Thomas Krüger; © bpbThomas Krüger; © bpbDas Internet verändert das öffentliche Gedächtnis. Historische Quellentexte stehen neben Webseiten von Hobby-Historikern, Online-Lexika bieten nicht immer zuverlässiges Wissen und Suchmaschinen führen ohne jede Qualitätskontrolle in Sekundenschnelle tausende willkürlich sortierte Fundstellen auf. Doch welche Rolle können Wissenschaft und politische Bildung im digitalen Zeitalter des Erinnerns spielen? Goethe.de hat sprach darüber mit dem Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Thomas Krüger.

Herr Krüger, Wie verändert das Internet unsere Erinnerungskultur?

Das Erinnern wird multiperspektivisch – zu einem historischen Ereignis stehen auf einmal die unterschiedlichsten Deutungen, Dokumente, Fotos und Filme zur Verfügung. Im Internet kann sich jeder an der Geschichtsschreibung beteiligen. Es bietet neben Banalem, Kitsch und Fehlerhaftem auch die Möglichkeit, Geschichten, die in der öffentlichen Debatte keine Rolle spielen, einen Platz zu schaffen. Unerwartete Perspektiven, eine Art „Gedächtnis von unten“ entstehen, wie zum Beispiel in unserem Internetarchiv www.wir-waren-so-frei.de, das über 7.000 Fotos und mehr als 100 Filme aus der Umbruchzeit von 1989/90 zeigt.

Leitplanken im Strom der digitalen Informationen

Screenshot www.chotzen.deAber die Gatekeeper verschwinden, Geschichtsdeutung wird beliebig, wer gibt da noch Orientierung?

Das stimmt, aber ich sehe darin mehr Chancen als Risiken. Demokratisierung, in dem Fall von Geschichtsschreibung, ist nie ungefährlich. Auf youtube tanzt ein Holocaust-Überlebender in Auschwitz mit seinen Enkelinnen zu dem Song „I will survive“ – so etwas kann nur er sich leisten, und es ist ein starkes Stück Erinnerungskultur. Das Internet bietet viele neue Möglichkeiten, es stellt die Deutungsmacht wissenschaftlicher und nationaler Geschichtsauffassungen in Frage und die Daseinsberechtigung einzelner Meinungen und Standpunkte zur Diskussion. Öffentliche Erinnerungsformen müssen sich im Kampf um Aufmerksamkeit der Debatte stellen – die politische Bildung begleitet diesen Prozess. Wir gehören zu den Institutionen, die selbst im Internet aktiv werden, wir bieten Orientierung und ziehen dem Strom der digitalen Informationen Leitplanken ein.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Die multimediale Chronik der Familie Chotzen (www.chotzen.de). Hier können die User die Schicksale einer Berliner Familie von 1914 bis heute begleiten, anhand der persönlichen Aufzeichnungen, die von einer historischen Zeitleiste unterlegt sind.

Das Internet macht neugierig

Welche Rolle spielen in Zukunft Museen, Bibliotheken, Archive, Geschichtsbücher und Lehrwerke für Schulen? Werden alle Dokumente in Online-Archive abwandern?

Zunächst einmal: So viele Zugänge zu Archiven und Bibliotheken wie heute hat es dank des digitalen Zeitalters noch nie gegeben. Durch das Internet lässt sich Interesse wecken, der Besuch eines Archivs, eines Museums vorbereiten. Wie zum Beispiel beim Anne-Frank-Haus in Amsterdam. Die Internetseite bietet einen virtuellen Rundgang und zeigt ein 3D-Modell des Hauses. Man hat gemessen, dass die durchschnittliche Verweildauer auf dieser Site (www.annefrank.org/de) 17 Minuten beträgt – das ist für einen Internetsurfer ungeheuer viel.

Werden diese digitalen Archive kostenlos zugänglich bleiben?

Da gibt es unterschiedliche Auffassungen. Ich bin der Ansicht, dass geschichtliches Wissen ein öffentliches Gemeingut und frei zugänglich bleiben muss. Die deutsche Bibliothek digitalisiert zum Beispiel alle ihre Bestände und macht sie frei zugänglich. Es gibt andere Bibliotheken, die ihre Bestände etwa über Google-Books ins Internet stellen – das ist ein Weg, der irgendwann in die Kommerzialisierung führt.

Open source – vereinfachtes Urheberrecht

Creative-Commons-LogoWer bestimmt, wer Zugriff auf die digitalen Archive hat? Wie ist das mit den Urheberrechten?

Da beginnen sich gerade die Einstellungen zu wandeln: im anglo-amerikanischen Raum gilt das „Open-Source-Prinzip“, das wesentlich leichtere Zugänge erlaubt. Neue lizenzrechtliche Modelle wie die „Creative Commons“ (CC) bringen eine gewisse Dynamik in die Bildungs- und Kulturpolitik. CC ist eine Non-Profit-Organisation, die vorgefertigte Lizenzverträge in verschiedenen Ausführungen für die Veröffentlichung digitaler Medieninhalte anbietet, mit denen Autorinnen und Autoren auf einfache Weise der Öffentlichkeit Nutzungsrechte an ihren Werken einräumen und damit freie Inhalte schaffen können.

Entstehen neue Formen der Geschichtsvermittlung?

Heute haben Sie für den Geschichtsunterricht den Zeitzeugen „on demand“, Sie haben Interviewdatenbanken, Fotoarchive, Dokumentationen – alles ist greifbar nahe. Laut der aktuellen Shell-Studie sind 96 Prozent der Jugendlichen online. Fast alle Jugendlichen zwischen zwölf und 25 nutzen das Internet auch als Informationsquelle für Schule, Ausbildung oder Studium. Das verändert natürlich die Unterrichtspraxis. Die neue Herausforderung, vor der wir stehen, ist der richtige und kritische Umgang mit den zur Verfügung stehenden Informationen. Hier muss die politische Bildung reagieren. Nur wer Informationen einschätzen, quellenkritisch hinterfragen und vermitteln kann, wird sich in der digitalen Gemeinschaft mit Erfolg einbringen können.

Was wird aus den traditionellen Geschichtsbüchern?

Das Internet ersetzt nicht das Museum oder das Geschichtsbuch, es bietet einen ergänzenden Zugang zur Geschichte. Ich bin der Meinung, dass die digitalen Angebote die analogen Erinnerungssorte, seien es Bücher oder Gedenkstätten, nicht verdrängen werden. So wie das Fernsehen nicht das Kino und das Radio nicht die Zeitung verdrängt hat.

Die App als Erinnerungsort

MemoryLoops-Logo; © Michaela MélianWelche digitalen Erinnerungsorte gibt es bereits?

Einige habe ich schon genannt. Virtuelle historische Stadtrundgänge gibt es zum Beispiel bei www.memoryloops.net, wir haben die Webseite www.jugendopposition.de eingerichtet, die vom Widerstand in der DDR handelt. Aber einer unserer größten Erfolge ist die App zur Berliner Mauer für das Iphone, die man kostenlos herunterladen kann. Man kann sich an dem historischen Verlauf der Mauer orientieren, es gibt Tourenvorschläge, an markanten Stellen wird Wissen präsentiert. Diese App wurde seit Anfang August über 50.000 Mal heruntergeladen.

Wie geht es weiter?

Die Entwicklung im Internet schreitet voran, in der bpb hat der Online-Bereich längst die Print-Abteilung überholt. Jetzt ist Social Media da, die Bildung neuer Gemeinschaften und virtueller Communities wird möglich. Das Netz bietet Herausforderungen und Chancen. Wichtig ist, dass wir diese neuen Formate begleiten – und weiterentwickeln.

Thomas Krüger ist seit 2000 Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Er ist außerdem Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, Mitglied der Kommission für Jugendmedienschutz sowie des Kuratoriums für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. 1991 bis 1994 war er Senator für Jugend und Familie in Berlin, 1994 bis 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages.

Volker Thomas
stellte die Fragen. Er ist freier Journalist in Berlin und Leiter der Agentur Thomas Presse und PR.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
September 2011

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