Zwischen Aufklärung und Geschichtspornographie – Teil 1

Fernsehen und Vergangenheitsbewältigung sind in der Bundesrepublik Deutschland untrennbar miteinander verbunden. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF erreichten Anfang der 1960er Jahre zum ersten Mal ein Massenpublikum und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als sich die bundesrepublikanische Gesellschaft wieder intensiver und kritischer mit der nationalsozialistischen Geschichte beschäftigte. So ist es nicht verwunderlich, dass historische Aufklärung seit vielen Jahrzehnten zu den Kernaufgaben der (west)deutschen Fernsehsender gehört.
Wichtige Rolle bei Entwicklung eines Geschichtsbewusstseins
In dem halben Jahrhundert seit der Etablierung des Fernsehens als Massenmedium haben die öffentlich-rechtlichen Sender, die bis in die frühen 1980er Jahre ein Fernsehmonopol besaßen, den Umgang mit der Vergangenheit in zweierlei Hinsicht entscheidend geprägt. Zum einen sind ARD und ZDF immer wieder durch nationale und internationale Medienereignisse hervorgetreten, an die sich die Zuschauer auch noch nach vielen Jahren gut erinnern können. Man denke in diesem Zusammenhang nur an die Berichte vom Eichmannprozess 1961, die Ausstrahlung von Holocaust 1979 oder die Erfindung des Geschichts-Infotainments durch Guido Knopp in den 1990er Jahren. Zum anderen haben beide Anstalten seit den 60er Jahren eine beeindruckende Fülle von zeitgeschichtlichen Sendungen ausgestrahlt, die zwar nicht immer besondere Aufmerksamkeit erfahren haben, die aber für die Entwicklung des bundesrepublikanischen Geschichtsbewusstseins wahrscheinlich noch bedeutsamer waren als die schon erwähnten herausragenden Medienereignisse.
Kulturpolitische Funktion
Die kontinuierliche Darstellung nationalsozialistischer Geschichte und die fortwährende Kommentierung des Prozesses der Vergangenheitsbewältigung, die viele Programmsparten betreffen und in mehreren tausend eigenständigen Programmen thematisiert worden sind, illustrieren die kulturpolitische Funktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in der Bundesrepublik. Der diffuse, aber erhebliche Einfluss politischer Eliten auf die Programmgestaltung und Personalpolitik der Fernsehsender hat die Fernsehmitarbeiter dazu veranlasst, sich bei potenziell kontroversen Themen, wie z.B. dem Thema Nationalsozialismus, an den realen oder vermeintlichen politischen Vorgaben dieser Eliten zu orientieren. Eine Analyse des Geschichtsfernsehens der gibt folglich nicht nur Auskunft über geschichtliche Identifikationsangebote, mit denen sich viele Bürger auseinandergesetzt haben, sondern auch über die Geschichtspolitik der bundesrepublikanischen Führungseliten, die in diesen Sendungen besonders deutlich reflektiert wird. Beide Aspekte des bundesdeutschen Geschichtsfernsehens, d.h. seine Breitenwirkung und seine Elitennähe, erfordern eine umfassende, strukturelle Analyse der Darstellung von Drittem Reich, Weltkrieg und Holocaust im Fernsehen. Erst eine solche systematische Analyse verdeutlicht, welche Aspekte der Vergangenheit im Fernsehen besonders betont worden sind und welche Themen auf dem Bildschirm selten oder nie behandelt wurden.50er und 60er Jahre: Geschichtspolitische Entschärfung
Die erste Welle von Programmen zur NS-Geschichte aus den 1950er und 1960er Jahren muss dem heutigen Zuschauer recht befremdlich erscheinen. Das liegt zum Teil an der ungewohnten Fernsehästhetik des damals noch jungen Mediums. Die langsamen, schwarz-weißen Bilderfolgen und didaktisch schwerfälligen Dokumentarsendungen und Fernsehspiele der Nachkriegsjahrzehnte lassen sich nur schwer mit unseren heutigen Vorstellungen vom Dritten Reich in Einklang bringen, die durch die rasanten, farbenfrohen und visuell komplexen Geschichtsdarstellungen der 1990er Jahre geprägt worden sind. Aber unser Befremden ist auch der Tatsache geschuldet, dass die Sendungen der frühen Bundesrepublik die psychologischen und geschichtspolitischen Interessen der damaligen Fernsehmitarbeiter und Fernsehkonsumenten widerspiegeln. Nach dem Fernsehprogramm zu urteilen, verlief das Leben im Dritten Reich in starren, narrativen Bahnen, die den Zeitgenossen nur eine begrenzte Zahl von stereotypen Handlungsmöglichkeiten boten. Die NS-Fernsehwelt war in den 50er und 60er Jahre hauptsächlich von fanatischen Nazis, eifrigen Widerständlern, hilflosen Mitläufern, tapferen Soldaten und edlen Opfern bevölkert. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier im Nachhinein das vielschichtige Universum des Dritten Reiches, in dem so viele Deutsche moralisch gescheitert waren, geschichtspolitisch aufgeräumt und entschärft wurde. Diese ‘Aufräumarbeiten’ waren in der Hinsicht besonders problematisch, dass sie die Widerstandshandlungen der alten und neuen Führungseliten in Kirche und Militär herausstrichen, ohne deren viel häufigere, oft begeisterte Unterstützung des Nationalsozialismus zu erwähnen. Trotz dieser problematischen Tendenzen, die sich auch in der zeitgenössische Darstellung des Nationalsozialismus in anderen bundesrepublikanischen Medien finden, kann man im Geschichtsfernsehen der frühen BRD einige beeindruckende Programme ausfindig machen, die genau und selbstkritisch über die Untaten des Dritten Reiches aufklärten. Zu diesen Ausnahmen gehört z.B. die ARD-Dokumentarserie Das Dritte Reich von 1960 und Egon Monks Fernsehspiel Ein Tag von 1965, in dem der Autor den mörderischen Alltag in einem KZ schildert
Wulf Kansteiner
ist Professor für Neueste Deutsche Geschichte, Mediengeschichte und Geschichtstheorie an der Binghamton University (SUNY)
ist Professor für Neueste Deutsche Geschichte, Mediengeschichte und Geschichtstheorie an der Binghamton University (SUNY)
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Januar 2008









