Lernen aus der Geschichte

Robert-Havemann-Gesellschaft: Erinnerung an die vergessenen Helden

Widerstand in der DDR; © Robert-Havemann-GesellschaftWiderstand in der DDR; © Robert-Havemann-GesellschaftIn Frühjahr 2009 verwandelt sich ein Teil des Berliner Alexanderplatzes in eine Ausstellungsfläche: Die Open-Air-Ausstellung „Friedliche Revolution 1989/90“ dauert vom 7. Mai bis zum 14. November und will durch Originaldokumente und Filme an die Atmosphäre der Umbruchzeit in der DDR erinnern. Mit-Initiator ist die Berliner Robert-Havemann-Gesellschaft, die seit 1990 gegen das Vergessen der DDR-Oppositionsbewegung kämpft.

„Vielleicht werden viele irgendwann der vielen Berichte zum 20. Jahrestag des Mauerfalls überdrüssig sein“, mutmaßt Uwe Richter, der Pressesprecher der Robert-Havemann-Gesellschaft. Aber der ganze Erinnerungsmarathon, der 2010 mit den Festlichkeiten zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung in die zweite Runde geht, könne natürlich auch die „Initialzündung“ für eine langfristigere und tiefere Beschäftigung mit der deutsch-deutschen Geschichte sein. Das wäre ein Anliegen der Robert-Havemann-Gesellschaft, die 1990 von der Bürgerbewegung „Neues Forum“ als Bildungsverein gegründet wurde und seitdem alles sammelt, was der Oppositionsbewegung in der DDR zuzurechnen ist: von Flugblättern und Transparenten bis zu Filmen und Radiosendungen.

Schlüsselszenen, die emotional bewegen

Auf dem Tisch vor Uwe Richter steht ein Modell, das den eigenen Beitrag zu den Erinnerungsfeierlichkeiten darstellt: Im Zusammenschluss mit Unterstützern wie der deutschen Lotto-Stiftung oder dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien hat man einen Pavillon in Auftrag gegeben, der derzeit am Alexanderplatz, direkt neben der Weltzeituhr, Formen annimmt. Seine Außenhülle besteht aus beweglichen Trennwänden, die mit Fotomotiven und wichtigen Zitaten der Zeit bedruckt sind. Wer in das Innere des Pavillons tritt, kann sich auf Monitoren Reportagen und Schlüsselszenen aus dem Jahr 1989 ansehen.

„Wir werden versuchen, auf dem Alex eine emotionale Atmosphäre zu schaffen“, betont Uwe Richter und glaubt, dass eben jene weltbewegende Stimmung von damals auf den unwirklichen Alexanderplatz abfärben wird. Etwa wenn die Besucher nochmals jene Szenen vor der Prager Botschaft vorgespielt bekommen, die sich im Spätsommer 1989 vor der Prager Botschaft abspielten, als der Außenminister der Bundesrepublik, Hans-Dietrich Genscher, vor lauter Jubeleuphorie seine Mitteilung über die baldige Ausreise der anwesenden DDR-Bürger nicht zu Ende bringen konnte.

Erinnerung an den größten Massenprotest zu DDR-Zeiten

Berlin Alexanderplatz im Frühjahr 2009; © HempelDer Alexanderplatz wurde nicht zufällig als Ausstellungsort gewählt: Hier hatte am 4. November 1989 die größte Demonstration der DDR statt gefunden. An die 500.000 Demonstranten, die damals den Alexanderplatz bevölkerten, erinnert die Ausstellung mit den aus Aluminium gefertigten Konstruktionen, die Transparente nachahmen. Am 7. Mai 1989 hatte sich auf dem „Alex“ erstmals eine Schar Mutiger zusammengefunden, die gegen das gefälschte Ergebnis der DDR-Kommunalwahlen demonstrierte. Man entschied, sich an jedem 7. des Monats wieder zu treffen: Am 7. Juni waren es 30 Protestler und am 7. Oktober bereits 3.000, die dann vom Alex zum Palast der Republik marschierten.

Den eigenen Protest archivieren und zugänglich machen

Wichtige Anstöße zur Gründung der Havemann-Gesellschaft gaben prominente Oppositionelle wie Katja Havemann, Bärbel Bohley oder Freya Klier, die direkt nach der Wende ihre Stasiunterlagen in die Hand bekamen, und die ins Grübeln kamen ob der Aussicht, dass zukünftig lediglich nüchterne und zynische Spitzelberichte über die Existenz der DDR-Oppositionsbewegung informieren sollten. So war die Idee geboren, das eigene Wirken zu archivieren und öffentlich zugänglich zu machen.

Mittlerweile beherbergt die Havemann-Gesellschaft drei Archive: das Matthias-Domaschk-Archiv, das aus den Beständen der Ost-Berliner Umweltbibliothek hervorgegangen ist, das Archiv GrauZone mit seinen Beständen zur ostdeutschen Frauenbewegung – und schließlich das Robert-Havemann-Archiv: Dieses umfasst im Wesentlichen den Nachlass von Robert Havemann und Materialien, die die Aktivitäten des Neuen Forums dokumentieren. Wenngleich Robert Havemann vielleicht die prägendste Figur des DDR-Widerstands gewesen ist, droht der Chemiker doch zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Dabei war er als Anlaufstelle und Bezugspunkt für andere Oppositionelle wie Jürgen Fuchs, Wolf Biermann, Rainer Eppelmann oder Bärbel Bohley über viele Jahre von großer Bedeutung – eine Persönlichkeit mit einer äußerst wechselvollen Biografie. Überzeugter Antifaschist, staatstragender DDR-Wissenschaftler und kurze Zeit sogar Stasi-Mitarbeiter war Havemann gewesen, bevor er zum Dissidenten und schließlich zu einer Ikone von Opposition und Widerstand wurde.

Fünf Panzerschränke voller Stasi-Unterlagen

Berlin Alexanderplatz im Frühjahr 2009; © HempelRobert Havemann starb 1982 in Grünau bei Berlin, 1992 vermachte Katja Havemann den gesamten Nachlass ihres Mannes dem Archiv. Der besteht aus einem mit Dokumenten gefüllten Panzerschrank, der jenen fünf Panzerschränken gegenübersteht, die im Havemann-Archiv für die Stasi-Berichte über Robert Havemann reserviert sind.

Wer diese und weitere Schriften einsehen möchte, muss ein unscheinbares Hinterhaus in Berlin Prenzlauer Berg besuchen. Die Räume der Gesellschaft verteilen sich auf mehrere umfunktionierte Mietwohnungen, gerne würde man so etwas wie eine Dauerausstellung ins Leben rufen, doch dazu fehlen derzeit der Raum und vor allem das Geld. Die Finanzierung läuft zu einem kleinen Teil über Spenden und zu einem großen Teil über kulturelle Projekte wie die bald beginnende Ausstellung auf dem Alexanderplatz. Auch Bücher zur DDR-Geschichte publiziert die Gesellschaft und lädt regelmäßig zu Diskussionsveranstaltungen.

Derzeit bemühen sich die „Havemänner“ um eine staatliche Dauerförderung, um den Bestand der Gesellschaft zu sichern. Aber um an die begehrten Fördermittel heranzukommen, müsste man erfolgreich Lobbyarbeit betreiben und andere Institutionen, die bislang Gelder beziehen, von ihren Plätzen verdrängen. Ein bisschen erinnert das Archiv darin an die politischen Aktivisten des Neuen Forums, die zunehmend von anderen, die beherzt ihre Ellenbogen zur Hilfe zu nehmen wussten, ins Abseits gedrängt wurden. Es wäre zu hoffen, dass gerade ihnen, den vergessenen Helden und ihren Unterstützern, die Erinnerung an die Ereignisse von 1989 Mut und Selbstvertrauen gibt.

Lasse Ole Hempel
ist Kulturwissenschaftler und Journalist. Er arbeitet als Redakteur und Lektor in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2009

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