Zeitzeugen erinnern sich

Nirgendwo und überall zu Haus. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust.

Buchcover
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Dieses Buch kommt spät. Es versammelt intensive Gespräche, die Martin Doerry, der stellvertretende Chefredakteur des Spiegel, mit Überlebenden des Holocaust geführt hat: mit dem Schriftsteller Aharon Appelfeld, dem Kulturwissenschaftler Peter Gay, dem Kunstsammler Heinz Berggruen, der Germanistin Ruth Klüger, dem Schriftsteller Ivan Klima, dem Soziologen Alfred Grosser, dem Historiker Arno Lustiger, der Musikerin Anita Lasker-Wallfisch, dem Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt, mit dem Wirtschaftwissenschaftler Albert O. Hirschmann und dem Historiker Saul Friedländer.

Sie kommen aus vielen Ländern. Der Terror der Nazis hat sie über den ganzen Globus getrieben und ihnen die Heimat genommen. „Meine Identität findet sich in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und dem Holocaust.“, sagt der Historiker Saul Friedländer. Er wurde 1932 in Prag geboren und überlebte den Terror versteckt in einem katholischen Internat in Frankreich. Die Trennung von den Eltern beschreibt er als die Wunde seiner Kindheit und die daraus folgende zunehmende Paralyse bewirkte, dass er nicht mehr emotional auf das Erlebte und Zugemutete reagieren konnte. Forschung wurde sein Leben. Gerade ist der zweite Band seiner großen Geschichte der Jahre der Vernichtung erschienen.

Unrecht mitten in Europa – trotz Integration

Die meisten Gesprächspartner stammen aus assimilierten und integrierten Elternhäusern. Sie wurden durch die Rassengesetze der Nazis erst zu Juden gemacht, d.h. erst ausgegrenzt, dann auf schlimmste Weise mit barbarischen „Gesetzen“ drangsaliert und anschließend deportiert oder zur Emigration oder in den Untergrund gezwungen. Die Tatsache ihrer Integration konnte sie vor dem Unrecht nicht schützen. Immer wieder liest man mit einem Gefühl der Fassungslosigkeit, dass solches Unrecht mitten im zivilisierten Europa stattgefunden hat.

Die ausgewählten Personen haben fast alle in der einen oder anderen Weise bereits in Büchern Auskunft über das Erlebte gegeben. Die Rekonstruktion der eigenen Biografien spielt deshalb in den Gesprächen nicht die alleinige Hauptrolle. Die meisten von ihnen haben ihr Leben der Erinnerung und der Warnung vor jeglichem Staatsterrorismus gewidmet. Sie sprechen aus der Notwendigkeit Zeugnis geben zu wollen für die, die diese Möglichkeit nicht hatten.

Rückblick aus der Distanz

Es geht um den Rückblick aus der Distanz von mehr als 60 Jahren. Überraschend, fast beschämend für den Leser, ist dabei die überlegte und ruhige Form in der die Befragten denken und sprechen. Nirgendwo ist der Ungeist der Rache oder gar Hass zu spüren. Ernst und reflektierte Trauer bilden den Hauptton. Immer wieder kommt der Hinweis, dass der pure Zufall das eigene Überleben bedingt hat, Willkür, die zum Glück umschlug. Mehrmals fällt die Bemerkung, die eigentlichen Zeugen, seien die Namenlosen, die das Erlittene nicht überleben konnten. Imre Kertesz formuliert es am drastischsten. Als von Steven Spielbergs großem Interviewprojekt mit Holocaust-Überlebenden die Rede ist, stellt er fest, ihn würde das Projekt mehr überzeugen, wenn es auch Interviews mit den zahllosen namenlosen Toten enthalten könnte. Diese Bemerkung ist so grundsätzlich, dass man sie natürlich auch als Einwand gegen den vorliegenden Band lesen könnte.

Edgar Hilsenrath oder Imre Kertesz haben die literarische Form für das historisch Erlebte gewählt. Kunst und Darstellung des Erlebten hängen unauflösbar zusammen und bedingen einander. Am eindringlichsten stellt Kertesz die Problematik dar, vom eigenen Leben zu berichten und die Zeit und die ausgelöschten Leben der anderen nicht zu vergessen. Bei ihm kommt noch die Erfahrung hinzu, dass eine Diktatur von einer anderen abgelöst wurde, die noch dazu auch nicht immun gegen das Gift des Antisemitismus war. Tief sitzt der Zweifel, ob die Erfahrung des Erlebten überhaupt an Menschen weitergegeben werden kann. „Das wird dir niemand glauben“, sagt der Historiker Arno Lustiger. Er konnte Jahrzehnte lang seiner Familie und seinen Kindern nicht vom eigenen Schicksal berichten.

Manchen Formulierungen merkt man an, dass es sich um „erinnerte Erinnerungen“ handelt, das heißt die Tatsache, dass das Erleben öffentlich und wiederholt berichtet wurde, hat die Formulierung mitgeprägt. Aber immer wieder verdichten sich die Berichte zu Passagen, in denen man den Atem anhält, weil man nicht glauben kann, was berichtet wird. So etwa, wenn Agnes Sasson erzählt, wie die vermeintlich freundliche Geste einer Wachperson sich unvermittelt in extreme Aggression verwandelt, oder wenn Aharon Appelfeld beschreibt, wie er seinen längst tot geglaubten Vater Jahre nach dem Krieg in Israel in einer Orangenplantage bei Erntearbeiten wieder findet. Das sind Momente, in denen sich eine erlebte Szenerie zu einer mythischen Kraft verdichtet. Man versteht, dass es damals beiden für Stunden die Sprache verschlagen hat.

Es ist ein Buch, das zu einer weitergehenden Beschäftigung anregt. In seinem Einleitungstext hat Martin Doerry die Bücher der von ihm interviewten Personen angeführt. Liest man dort weiter, dann verdichtet sich bald der Eindruck, dass kein Gespräch mit einem Fremden, so einfühlsam in der Fragehaltung es sein mag, die Tiefe erreichen kann, die die Selbstbefragung über Jahre und über lange Perioden des Schweigens hinweg erzeugen kann.

Hervorragende Zeitzeugenfotografien

Das Buch enthält Fotografien der Gesprächspartner, die Monika Zucht aufgenommen hat. Jeweils eine Nahaufnahme und ein situatives Foto begleiten die Texte. Es ist aufregend zu sehen, wie unterschiedliche Facetten die Fotografie einer Person in den gewählten Posen zeigen kann. Manchmal meint man in der Nahaufnahme Gesichtszüge zu erkennen, in denen sich ein typischer Charakterzug niedergeschlagen hat, der in der situativen Aufnahme wieder in den Hintergrund tritt. Die Fotografien des Buches sind hervorragend. Sie tragen wesentlich dazu bei, sich ein Bild des Sprechenden zu machen. Sie berichten auch davon, dass niemand, der den Holocaust überleben konnte, nur in der Rolle des Opfers lebte.

Es wird nicht mehr lange Bücher dieser Art mehr geben. Die hier angesprochenen Personen waren allesamt Kinder oder Jugendliche als das Schicksal sie ergriff. Bald wird es – allein aus Altersgründen – Zeugen wie sie nicht mehr geben. Das steigert den Wert und die Bedeutung dieses Buches noch einmal. Es ist – so wie es ist – auch ein Zeugnis, dessen, was werden kann.

Martin Doerry und Monika Zucht (Fotografien): Nirgendwo und überall zu Haus. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust, DVA, München, 2006
Jan Thorn-Prikker,
ehemals Mitglied der Online-Redaktion des Goethe-Instituts

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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Februar 2007

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