„Hier gab es so ziemlich alles – außer Freiheit.“

Interview mit Marcelo Araujo, dem Direktor der „Estação Pinacoteca do Estado de São Paulo“ und Leiter des Museumsprojektes „Memorial da Resistência São Paulo“.
Der zwanzigste Jahrestag des Mauerfalls in Deutschland und die Feierlichkeiten zur Umbenennung des „Memorials des Widerstandes“ in der Estação Pinacoteca do Estado de São Paulo, der ersten und einzigen Gedenkstätte der Militärdiktatur in Brasilien, waren der Anlass zu einem Expertenaustausch über unterschiedliche Konzepte für Gedenkstätten beider Länder.
Ulrike Prinz: Welche Überlegungen standen hinter der Umbenennung des Memorials und was versucht man damit zu bewegen?
Marcelo Araujo: Die Umbenennung war von ehemaligen politischen Häftlingen gefordert worden, die den Namen „Memorial der Freiheit“ für einen Ort, an dem so viele Grausamkeiten begangen worden waren, nicht hinnehmen wollten: hier gab es so ziemlich alles – außer Freiheit. Außerdem war es vor allem ein Ort des Widerstandes, so dass der Mitarbeiterstab auch hinter diesem Vorschlag stand. Daher die Umbenennung.
Das Memorial arbeitet an drei wichtigen Themen: an der Kontrolle, der Unterdrückung und am Widerstand – und zwar nicht nur unter autoritären Regimen sondern auch in Zeiten der Demokratie. Wir sind bestrebt, diese Fragen durch systematische pädagogische und kulturelle Arbeit zu vergegenwärtigen und somit zur Bildung einer bewussten und kritischen Bürgerschaft beizutragen. Es ist notwendig, über unsere Zeit nachzudenken; darüber, wie wir daran mitwirken können, dass die Grundrechte der Menschen respektiert werden, und wie solche Werte, wie die Achtung vor dem Anderssein, die Ausübung von Demokratie und die Praxis der Solidarität, dazu beitragen, dass Grausamkeiten durch autoritäre Regime sich nicht wiederholen können.
Die Räume der Estação Pinacoteca haben in der Vargas-Ära (1930–1954) und während der Militärdiktatur (1964–1985) Gefängniszellen beherbergt. Das gibt diesem Ort eine hohe, nicht nur symbolische Aufladung und macht die Vergangenheit für den Besucher direkt erfahrbar. Hilft diese Unmittelbarkeit, die Gegenwart des Vergangenen, das kollektive Gedächtnis wachzuhalten?
Ich bin der Meinung: ja und daher ist es auch besonders wichtig, solche Orte der Erinnerung zu erhalten. Wir haben immer wieder beobachtet, dass dies einerseits diejenigen, die gekämpft haben und weiterkämpfen, sich in ihren Werten bestätigt fühlen; andererseits wird die Geschichte konkreter (greifbarer) für die Jüngeren, und auch für die nicht mehr ganz Jungen, die diese Zeit nicht miterlebt oder nicht unmittelbar die Folgen – vor allem der Militärdiktatur – erlitten haben.
„Nur die Wahrheit macht uns frei“, sagt Joachim Gauck, ehemaliger Beauftragte für die Stasi-Unterlagen in Deutschland. Dazu wäre ein freier Zugang zu den Geheimarchiven notwendig; diese sind aber in Brasilien nach wie vor unter Verschluss. Wie entwickelt sich konkret Ihre Museumsarbeit bezüglich der Rekonstruktion von Vergangenheit und der noch ausstehenden Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit?
Wir arbeiten vor allem mit Dokumenten und Gegenständen aus dem Archiv des Amtes für politische und soziale Ordnung des Bundesstaates São Paulo (Deops/SP), das sich in der Obhut des Öffentlichen Archivs des Bundesstaates São Paulo befindet, mit dem das Memorial kooperiert. Diese Unterlagen bildeten die Grundlage für die Dauerausstellung im Schaukasten des Referenzzentrums und für Sonderausstellungen. Der pädagogische Dienst des Memorials bedient sich gleichfalls dieser Materialien für Führungen von Schulklassen oder sich spontan bildendede Gruppen und hat didaktisches Material entwickelt, das als Grundlage für die Behandlung des Themas im Unterricht dient. Diese didaktischen Handreichungen gehen von der Lektüre der Dokumente aus, die sich mit den drei oben genannten Begriffen befassen. All diese Aktionen tragen dazu bei, ein Bewusstsein zu schaffen für die Notwendigkeit, sämtliche Archive in vollem Umfang zugänglich zu machen, damit die Wahrheit zu Tage kommt und Gerechtigkeit geschehen kann. Das haben die Eintragungen in das Besucherbuch, die Kommentare in den Auswertungsbögen und auch unsere Gespräche mit den Besuchern gezeigt.
Welche neueren Ansätze der künstlerischen Verarbeitung der Vergangenheit gibt es Brasilien?
Ich glaube die wichtigsten Beiträge kommen aus den visuellen Künsten, aus dem Filmbereich, dem Theater und vor allem aus der Literatur. Es gibt intensive Bestrebungen seitens der Forscher und von Menschen, die durch das Militärregime verfolgt worden sind, darunter viele ehemalige politische Häftlinge. Und das Memorial führt verschiedene Veranstaltungen durch, die sich all der genannten Mitteln bedienen, beispielsweise szenische Lesungen, Filmvorführungen, Buchvorstellungen und Seminare, immer mit anschließender Diskussionsrunde. In diesem Zusammenhang ist besonders die Partnerschaft mit der Arbeitsgruppe zur Erhaltung des politischen Gedenkens beim Fórum Permanente der ehemaligen politischen Häftlinge und Verfolgten des Bundesstaates São Paulo hervorzuheben, die von Anfang an, seit der Einrichtung des Memorials, mit uns zusammenarbeitet.
führte das Gespräch. Sie ist Kulturwissenschaftlerin und Redakteurin der Zeitschrift „Humbold“.
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Dezember 2009
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