Bücherkommentare

Was lasen die 68er, bevor sie selber zu Autoren wurden?

Eine kommentierte Bibliographie ausgewählter Schriften für den Wiedereinstieg

Viele der Schriften, die für die 68er-Generation eine einflussreiche Bedeutsamkeit erlangten, mussten regelrecht ausgegraben werden, weil sie in den Buchläden nicht mehr verfügbar waren. Sie mussten mühsam antiquarisch besorgt und – wie etwa Georg Lukàcs’ Geschichte und Klassenbewusstsein (1923) oder Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus (1933) – im Raubdruck vervielfältigt werden, damit sie einer größeren studentischen Leserschaft zugänglich gemacht werden konnten. Andere Schriften – wie etwa die Dialektik der Aufklärung (1944) von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno – lagen wiederum schon vor. Von Marcus HawelMehr ...

Marxismus und Materialistische Geschichtsauffassung

Ökonomisch-philosophische Manuskripte (Karl Marx)

Karl Marx Cop: picture-alliance / united archivesDer antiautoritäre Mehrheits-Flügel der Studentenbewegung ließ sich im Wesentlichen von Marxens Frühschriften, aber natürlich auch von seiner Kritik der politischen Ökonomie inspirieren. Aber es sind vor allem die frühen Schriften von Karl Marx, die einen Einfluss auf die antiautoritären 68er ausübten, weil in diesen ein emphatischer Humanismus zum Ausdruck kommt, der in Marxens späteren Schriften einer sachlichen Analyse und kühlen Systematik weicht, ohne allerdings zu verschwinden.

Insbesondere Marxens Pariser Manuskripte aus dem Jahre 1844 werden in der Protestbewegung sehr bedeutsam. Das liegt daran, dass diese Manuskripte erst verschollen, dann wieder aufgefunden und erst 1932 veröffentlicht, aber dann zunächst kaum zur Kenntnis genommen wurden. In dieser Schrift findet bei Marx die entscheidende historisch-materialistische Wendung statt, insbesondere in Bezug auf die Hegelschen Begriffe der Arbeit und Entfremdung. Die Begrifflichkeiten und die Sprache sind noch sehr philosophisch (hegelianisch) geprägt. Aber Hegel wird „vom Kopf auf die Füße“ gestellt, wie Marx den Übergang vom Idealismus zum Materialismus umschreibt. Vor allem ist die Methode noch nicht streng systematisch. Letzter Punkt erklärt die Faszination seitens der antiautoritären, spontaneistischen und situativen linken Studenten aus der 68er-Generation.

Erich Fromm hatte 1963 in seinem Buch Das Menschenbild bei Karl Marx die wichtigsten Teile der Frühschriften ausgewählt und einer breiten kritischen Öffentlichkeit der Neuen Linken wieder zugänglich gemacht. Ein Jahr später legte Siegfried Landshut eine umfangreichere Zusammenstellung der Frühschriften im Kröner-Verlag vor, die 2004 in der siebten Auflage von Oliver Heins und Richard Sperl neu eingerichtet sowie mit einem neuen Vorwort von Oskar Negt versehen wurde; der renommierte Marx-Spezialist hatte 1996 in der Reihe Philosophie Jetzt! im Diedrichs-Verlag schon einen Band mit Textpassagen von Marx zusammengestellt, die er nach leitenden Oberbegriffen sortiert und jeweils mit einer Einleitung versehen hat. Das Buch ist für einen Einstieg in eine undogmatische Lesart sehr gut geeignet, auch wenn es sich immer empfiehlt, nicht nur Auszüge zu lesen. Wer gleich an die vollständigen Texte herangehen möchte, ist auf die berühmten blauen Bände der Marx-Engels-Werke (MEW) verwiesen, die in keiner linken Privatbibliothek fehlen durften und heute in Antiquariaten zu kostengünstigen Preisen kursieren, aber auch beim Dietz-Verlag druckfrisch erworben werden können.

Marxismus und Philosophie (Karl Korsch)
und Geschichte und Klassenbewusstsein (Georg Lukàcs)

Die nach der Erfahrung des Ersten Weltkriegs und des Versagens der Sozialdemokratie der II. Internationale erschienenen Schriften Marxismus und Philosophie von Karl Korsch und Geschichte und Klassenbewusstsein von Georg Lukàcs (beide 1923) sind die allerersten Versuche der methodischen Selbstreflexion im Rahmen der Marxistischen Theorie. Sie zählen zu den bedeutendsten Schriften des kritischen Neomarxismus und als Grundlage einer kritischen Theorie, wie sie dann von Max Horkheimer programmatisch ausformuliert wurde. Die beiden Schriften haben auch für die theoretischen Suchbewegungen der 68er-Generation eine sehr wichtige Rolle gespielt.

Nach den gescheiterten proletarischen Revolutionen in Europa konnte nicht bedingungslos an die Marxsche Theorie und ihren Geist der Revolution angeknüpft werden (erst Recht nicht nach dem Faschismus und der Gleichschaltung der Arbeiterklasse). Sowohl Lukàcs wie auch Korsch erneuerten die Marxsche Theorie, indem sie die materialistische Geschichtsauffassung auf die Geschichte des Marxismus selbst anwandten. Beiden Autoren ging es ausdrücklich um die Wiederherstellung der materialistischen Dialektik in Form einer Aktualisierung der Marxschen Theorie. Diese Form der Aktualisierung wurde von der marxistischen Orthodoxie der III. – kommunistischen – Internationale, die ihrerseits den Marxismus zu einer Legitimationswissenschaft zu verkürzen begann und woraus der autoritäre Sowjetmarxismus entstand, entschieden abgelehnt. Während Lukàcs sich von seiner Schrift distanzierte, blieb der konsequente Antistalinist Korsch standhaft und wurde dafür aus der Komintern ausgeschlossen.

Die antiautoritäre Studentenbewegung der späten 1960er Jahre wiederum versucht, an eine undogmatische Auslegung des Marxismus anzuknüpfen und findet damit einen Weg, um sich zugleich gegen den real existierenden autoritären Sowjetmarxismus und zugleich gegen den Kapitalismus des Westens abzugrenzen. Diese doppelte Abgrenzung ging von vielen westlichen Marxisten aus, stellvertretend sei hier die Schrift Humanismus und Terror (frz. 1947) und Die Abenteuer der Dialektik (frz. 1955) des Philosophen Maurice Merleau-Ponty aus dem Umfeld von Jean-Paul Sartre genannt. Die Schriften lagen in den 1960er Jahren auch in deutscher Übersetzung vor.

Auch in den osteuropäischen Staaten, vor allem in der Tschechoslowakei zur Zeit des Prager Frühlings, wurden die Schriften des westlichen Marxismus gelesen und als Kritik der altstalinistischen Nomenklatura in Anschlag gebracht. Der westliche Marxismus inspirierte die konkreten Visionen eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“.

Geschichte und Psychologie (Max Horkheimer)
und andere seiner Schriften aus den 1930/40er Jahren

Cover 'Dialektik der Aufklärung' von Marx Horkheimer und Theodor W. Adorno Cop: S. Fischer VerlagDie Schriften von Max Horkheimer aus den 1930er Jahren übten auf die 68er-Generation eine große Anziehungskraft aus. Horkheimer stand diesen Bezugnahmen skeptisch gegenüber. Seiner Ansicht nach waren seine sehr marxistisch verfassten Schriften der 30er Jahre nicht nahtlos in die Zeit der späten 60er Jahre übertragbar. Der Zeitkern der Wahrheit sei verblichen.

Nahtlos geschah die Übertragung allerdings keineswegs. Insbesondere im undogmatisch-marxistischen Umfeld des SDS gewann man ein sensibles Gespür für die neuralgischen Anknüpfungspunkte der frühen kritischen Theorie. Wenigstens gehörten Horkheimers Texte zum Repertoire, das man gelesen und zur Kenntnis genommen haben musste. Dazu gehörte etwa seine programmatische Antrittsvorlesung als Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung) aus dem Jahr 1931, Traditionelle und kritische Theorie (1937) oder auch der nicht minder kanonische Aufsatz Die Juden in Europa aus dem Jahr 1939 sowie Autoritärer Staat (1940/42) und Vernunft und Selbsterhaltung (1942).

Zu den wichtigen kanonischen Aufsätzen zählte insbesondere auch Geschichte und Psychologie aus dem Jahr 1932. Darin geht Horkheimer der Frage nach, warum die Menschen in einer revolutionären Situation, statt die Revolution zu machen, ihren eigenen Henkern – dem Faschismus – den Weg zur Macht geebnet haben. In seiner Antwort begründet er, warum die materialistische Geschichtsauffassung fortan nicht mehr ohne die Psychoanalyse als Hilfswissenschaft auskommen kann: Der Faschismus setzte sich aufgrund einer „das Bewusstsein verfälschenden Triebmotorik“ durch, die für falsches Bewusstsein verantwortlich ist und revolutionäres Klassenbewusstsein allgemein verhindert hat. Horkheimer zieht daraus den Schluss, dass jede Form von Geschichtsteleologie und Automatismus überholt ist. Das Telos müsse aus der Geschichte in die Geschichtswissenschaft verlegt werden. Damit bleibt der Umgang mit Geschichte normativ, aber es gibt nur so viel Sinn in der Geschichte, wie von den Menschen selbstbewusst in ihr verwirklicht wird.

Dialektik der Aufklärung (Max Horkheimer / Th. W. Adorno)

Im Frühjahr 1948 erschienen in einem kleinen Verlag in Amsterdam und in einer geringen Auflage die im amerikanischen Exil verfassten philosophischen Fragmente der Dialektik der Aufklärung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in deutscher Übersetzung. In englischer Sprache erschien der Essayband bereits 1944 unter dem Titel Philosophische Fragmente im Verlag Social Studies Association, Inc. in New York. Das Buch war bald vergriffen, zeitigte aber zunächst keine nennenswerte Wirkung. Es wurde dennoch zu einem der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts; dies jedoch auf Umwegen: Horkheimer und Adorno bezeichneten ihren Basistext kritischer Theorie als „Flaschenpost“, deren Bedeutung erst in ferner Zukunft erkannt werden möge, wenn die Flasche von einer entfernten Generation gefunden, entkorkt und die Botschaft entziffert wird. – Als dies 20 Jahre nach Erscheinen des Buches durch die rebellierenden Studenten der späten 60er Jahre tatsächlich der Fall war, zeigten sich die beiden Autoren überrascht. In der Dialektik der Aufklärung formulieren die beiden Autoren eine radikale Vernunftkritik und diagnostizieren ein grundlegendes Versagen der Aufklärung in der Moderne, dessen Ursprung in der Verstrickung mit instrumenteller Vernunft von Anbeginn angelegt gewesen sei.

Im Jahr 1946 erschien von Max Horkheimer das Hauptwerk Kritik der instrumentellen Vernunft auf Englisch (Eclipse of Reason). Es enthält noch einmal die Kernthese der Dialektik der Aufklärung: Die Vernunft ist instrumentell geworden; sie steht nicht im Dienste der Menschheit, sondern hat sich als Instrument der Herrschaft angedient, um die Natur des Menschen zu unterdrücken.

Das Prinzip Hoffnung (Ernst Bloch)

Im Jahr 1917 beendete Ernst Bloch in Locarno sein Werk Geist der Utopie, das gleichsam als das Herzstück des im amerikanischen Exil (1938-1947) während des Faschismus in Europa entstandenen Hauptwerks Das Prinzip Hoffnung angesehen werden kann, das erst 1959 im Suhrkamp-Verlag erschien. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits ein berühmtes Werk, obwohl es davor noch nicht vollständig publiziert worden war.

Bloch ist ebenfalls wie Lukàcs und andere der Tradition des westlichen Marxismus zuzuordnen. Auf ihn geht der Begriff der konkreten Utopie zurück. Den utopischen Vorrat als Antizipation der Zukunft eines Noch-Nicht und dem „Träumen nach vorwärts“ spürt Bloch in sämtlichen Überlieferungen und menschlichen Regungen auf: zum Beispiel in Tagträumen, Alltagshandlungen und Märchen. Er spricht vom Unabgegoltenen und von einem utopischen Überschuss im Menschen, das im gesellschaftlichen Sein nicht aufgeht (Nochnicht-Sein) und nach Realisierung, das heißt: über sich hinaus drängt.

Die Studentenproteste hat Bloch kritisch solidarisch begleitet. Jedoch nur ein kleiner Teil der 68er hat Blochs Prinzip Hoffnung zunächst rezipiert. Zu ihnen gehörte der Studentensprecher Rudi Dutschke, mit dem Bloch eng befreundet war. Blochs Hauptwerk erzielte erst später in der 68er-Generation, ab Mitte der 70er Jahre, große Wirkung. Es spiegelt das Lebensgefühl einer ganzen Generation wider und wurde weltweit rezipiert und in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Eine philosophische Schule, die sich auf Bloch beruft, gibt es allerdings nicht.

    Faschismusanalysen

    Der Doppelstaat (Ernst Fraenkel),
    Behemoth (Franz Neumann)
    und Der SS-Staat (Eugen Kogon)

    Ernst Fraenkel 'Der Doppelstaat' Cop: Europäische VerlagsanstaltDie politikwissenschaftlichen Faschismus-Analysen von Ernst Fraenkel Der Doppelstaat (1941) und von Franz Leopold Neumann Behemoth (1942) sowie von Eugen Kogon Der SS-Staat (1946) gehören zu den klassischen Analysen der ersten Stunde, die Maßstäbe gesetzt haben und auch heute zu den lesenswertesten Büchern zählen, die über das Unrechts-Regime des Nationalsozialismus geschrieben wurden.

    Fraenkel unterscheidet im Doppelstaat zwischen einem „Maßnahmenstaat“ und einem „Normenstaat“, die als Doppelstruktur im nationalsozialistischen Deutschland parallel existiert haben. Der „Maßnahmenstaat“ benennt die Sphäre, in der die Nazis ein Herrschaftssystem der unbeschränkten Willkür errichtet haben, dessen Gewalt durch keinerlei rechtliche Garantien mehr kontrolliert werden konnte und hauptsächlich gegen Juden, aber auch Kommunisten, Sinti und Roma, Homosexuelle u.a. gerichtet war, die aus der so genannten Volksgemeinschaft ausgeschlossen und in Konzentrations- oder Vernichtungslager deportiert wurden. Der „Normenstaat“ bezeichnet wiederum die Sphäre, in der nach Fraenkel die bürgerliche Rechtordnung weitgehend aufrechterhalten blieb. Mit einer solchen Unterscheidung ist es möglich, differenziert die Rolle der Justiz und des Rechts im „Dritten Reich“ zu untersuchen.

    Franz Neumann charakterisiert – im Unterschied zu Fraenkel – das „Dritte Reich“ als einen Unstaat, in dem ein komplettes Chaos herrschte und die Rechtssphäre vollständig dem Zustand der Gesetzlosigkeit gewichen ist. Eugen Kogon, der sechs Jahre seines Lebens im KZ Buchenwald verbrachte, untersucht in seinem Buch Der SS-Staat das System der deutschen Konzentrationslager.

    Alle drei Bücher markieren den Beginn der Faschismus-Analyse, die ihren Höhepunkt dann in den 1970er Jahren erfahren hat.

      Aufarbeitung der Vergangenheit

      Die Unfähigkeit zu trauern (Alexander und Margarete Mitscherlich)

      Alexander und Margarete Mitscherlich 'Die Unfähigkeit zu trauern' Cop: Piper VerlagDer Umgang mit den Verbrechen des Nationalsozialismus sowie mit Schuld und Verantwortung der Deutschen war in der Nachkriegszeit eher von Verdrängung und Projektionen geprägt. Zugleich kamen im Zuge der Restauration viele Nazis wieder in Amt und Würden. Allzu oft wurde ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen, noch bevor überhaupt mit einer Aufarbeitung begonnen wurde. Das änderte sich erst mit den Auschwitz-Prozessen, die 1963 begannen und sich bis in die 70er Jahre hinzogen.

      22 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Niederschlagung des deutschen Faschismus veröffentlicht das Ehepaar Alexander und Margarete Mitscherlich ihr Werk Die Unfähigkeit zu trauern (1967). Alexander Mitscherlich war Mitbegründer der Humanistischen Union und in der Zeit von 1959 bis 1976 Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt. Margarete Mitscherlich war Mitarbeiterin am selben Institut.

      Das Buch wurde umgehend zu einem Bestseller und beeinflusste die Studentenbewegung in der Auseinandersetzung mit der Elterngeneration in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit. Der Titel des Buches ist bis heute ein stehender Begriff; er benennt die Unfähigkeit dieser Elterngeneration, die eigene Schuld und Verstrickung in die Verbrechen des Nazi-Regimes aufzuarbeiten und um die Opfer der Verbrechen zu trauern.

        Kritik des Spätkapitalismus und der Konsumgesellschaft

        Triebstruktur und Gesellschaft,
        Der Eindimensionale Mensch
        und Repressive Toleranz
        (Herbert Marcuse)

        Herbert Marcuse ‘Eros and civilization’ Cop: Beacon PressDer Sozialphilosoph Herbert Marcuse hat auf die westliche Protestgeneration der späten 1960er Jahre den größten Einfluss genommen. Er ist der Kritische Theoretiker der fortgeschrittenen Industrie- und spätkapitalistischen Konsumgesellschaft.

        1955 erschien in den USA Eros and Civilization (dt. 1957: Eros und Kultur, in späteren Ausgaben dann: Triebstruktur und Gesellschaft). Darin untersucht Marcuse das Verhältnis zwischen individueller Freiheit und zivilisatorischem Fortschritt in der kapitalistischen Moderne. Der Untersuchung liegt Sigmund Freud These aus Das Unbehagen in der Kultur zugrunde: Das Lustprinzip, gemäß dessen das Individuum eine freie Befriedigung von Triebansprüchen begehre, werde unter dem gesellschaftlich durchgesetzten Realitätsprinzip zwar notwendig in Schranken verwiesen, diese Sublimierung aber erzeuge zugleich ein Potential an Unbehagen, das der Gesellschaft bedrohlich werden kann. Unter der Herrschaft des Realitätsprinzips komme es, so Marcuse, über das notwendige Maß an Triebsublimierung hinaus zu einer überschüssigen Unterdrückung, die Marcuse „repressive Entsublimierung“ nennt. Diese müsse abgewehrt werden. Neben Reimut Reiche war Marcuse mit diesem freudomarxistischen Ansatz einer der wichtigste Theoretiker der sexuellen Revolution, die von den 68er ausging.

        Eros und Kultur knüpft aber auch unmittelbar an die Dialektik der Aufklärung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno an. Die beiden allerdings sahen in Marcuses Schrift – vielleicht etwas missbilligend wegen der einschlägigen Wirkung auf die protestierenden Studenten – eine „Vergröberung“ dessen, was sie selbst in der Dialektik der Aufklärung geschrieben haben.

        Neun Jahre später, 1964, erscheint in den USA The One Dimensional Man (dt. 1967: Der eindimensionale Mensch). Das Buch, obwohl es weitaus düsterer die Handlungsoptionen einer an Emanzipation orientierten Praxis der Beherrschten in der bestehenden spätkapitalistischen Gesellschaft bewertet, übte noch größeren Einfluss auf die 68er-Generation aus. Marcuse analysiert in dem Buch den Zusammenhang von kulturindustrieller Bewusstseinsmanipulation und dem Konformismus im Verhalten der Menschen. Der Konformismus als kulturindustrielles Produkt, verdinglichte Bedürfnisstrukturen sowie die Einübung kapitalistischer Verhaltensweisen diene der Stabilisierung, d.h. der passiven Anerkennung eines ansonsten antagonistischen und deshalb stets erodierenden Gesellschaftssystems. Lediglich den Randgruppen, den Außenseitern, sei es noch möglich non-konformistisches Bewusstsein auszubilden. Von diesen gehe zwar Protest aus, dieser aber bleibe ohne tief greifende Wirkung.

        Dennoch plädiert Marcuse für Aufklärung und sympathisiert mit den Revolten der Unterdrückten. In seinem viel rezipierten und den Studenten der Brandeis University gewidmeten Essay Repressive Toleranz aus dem Jahr 1965 spricht Marcuse sogar von einem „Naturrecht auf Widerstand“, das unterdrückten Minderheiten zukomme und ihnen das Recht gebe, „außergesetzliche Mittel anzuwenden, sobald die gesetzlichen sich als unzulänglich herausgestellt haben“. Marcuse kritisiert die bestehende Praxis der herrschenden Toleranz in der Öffentlichkeit demokratischer Staaten, die eine aggressive Politik billige: Aufrüstung und Krieg, Chauvinismus, Rassismus und Diskriminierung gegenüber Minderheiten und Ausbeutung der Dritten Welt. Dagegen gelte es intolerant zu sein. Der Zweck der Toleranz könne nur die Wahrheit sein und dem Ziel dienen, eine befreite Gesellschaft herbeizuführen.

          Antiimperialismus und antikoloniale Befreiungsbewegungen

          Die Verdammten dieser Erde (Frantz Fanon)

          Frantz Fanon 'Die Verdammten dieser Erde' Cop: Suhrkamp Verlag„Europäer, schlagt dieses Buch auf, dringt in es ein. (...) Habt den Mut, [Fanon] zu lesen, aus diesem ersten Grund, dass er euch beschämen wird, und weil die Scham, wie Marx gesagt hat, ein revolutionäres Empfinden ist.“ Diese Zeilen stammen aus dem Vorwort von Jean-Paul Sartre zu dem Ende 1961 in französischer Sprache erschienenen Buch Die Verdammten dieser Erde (dt. 1966), verfasst von dem 1924 in Martinique geborenen Bauernsohn Frantz Fanon, der 1953 nach Algerien ging. Zuvor hatte er in Frankreich Philosophie und Medizin studiert und im Zweiten Weltkrieg als Partisan gegen die Nazis gekämpft.

          Die Verdammten dieser Erde schlägt nach seiner Veröffentlichung ein wie eine Bombe. Man bezeichnete das Buch als das „kommunistische Manifest der antikolonialen Revolution“. Der Titel ist ein Zitat aus der ersten Strophe der Internationale („Wacht auf, Verdammte dieser Erden!“). Die Kernaussage des Buches ist laut Sartre eine Rechtfertigung befreiender Gewalt als Reaktion auf ein bestehendes System unterdrückender Gewalt: den Kolonialismus. Fanon schreibt: „Dieses Volk, dem man immer gesagt hat, dass es nur die Sprache der Gewalt verstehe, beschließt, sich durch Gewalt auszudrücken. Im Grunde hat der Kolonialherr ihm seit jeher den Weg gezeigt, den es wählen muss, wenn es sich befreien will.“

          Das „Manifest“ ist in der Sprache der Kolonialherren geschrieben. Aber es richtet sich nicht an die Europäer, sondern an Fanons „Brüder“ im algerischen Befreiungskampf und auf dem afrikanischen Kontinent, denen er die europäische Kultur erklären möchte, damit sie sich von ihr befreien können.

          Und Sartre: „Als Europäer stehle ich einem Feind sein Buch und mache es zu einem Mittel, Europa zu heilen. Profitiert davon!“ Für die 68er-Generation wird dieses Buch zum Basistext der antikolonialen Befreiungsbewegung, die in Algerien bereits 1962 mit der Unabhängigkeit des Landes erfolgreich beendet worden war und in den späten 60er Jahren hauptsächlich in Vietnam, aber auch in Biafra, Palästina und anderswo anzutreffen war. In den westlichen Zentren der Studentenproteste: in West-Berlin, London, Paris, Chicago, New York und San Francisco, fand die antikoloniale Befreiungsbewegung ihre Solidarität im Kampf gegen den Imperialismus.

            Literaturliste kommentierter Literatur

            • Karl Marx: Die Frühschriften, hrsg. von Siegfried Landshut, 7. Auflage, neu eingerichtet von Oliver Heins und Richard Sperl, Geleitwort von Oskar Negt, Stuttgart 2004, ISBN: 3-520-20907-1.
            • Erich Fromm: Das Menschenbild bei Marx: mit den wichtigsten Teilen der Frühschriften von Karl Marx, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-548-34487-9.
            • Karl Korsch: Marxismus und Philosophie, Korsch Gesamtausgabe, Bd. 3: Schriften zur Theorie der Arbeiterbewegung 1920 – 1923, hrsg. und eingeleitet von Michael Buckmiller, Amsterdam 1993, S. 299-367, ISBN: 90-6861-079-1.
            • Georg Lukàcs: Geschichte und Klassenbewusstsein. Studien über marxistische Dialektik, Darmstadt 1976, ISBN: 3-472-61011-5 (vergriffen).
            • Max Horkheimer: Geschichte und Psychologie, in: ders, Gesammelte Schriften, Bd. 3, hrsg. von Alfred Schmidt und Gunzelin Schmid Noerr, Frankfurt am Main 1988, ISBN: 3-10-031813-7.
            • Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main 1992, ISBN: 3-596-27404-4.
            • Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, 3 Bände, Frankfurt am Main 1982.
            • Ernst Fraenkel: Der Doppelstaat, hrsg. und eingeleitet von Alexander v. Brünneck, Hamburg 2001, ISBN: 3-434-50504-0.
            • Franz Neumann: Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933 – 1944, Hrsg. und mit einem Nachwort von Gert Schäfer, Frankfurt am Main 1984, ISBN: 3-596-24306-8.
            • Eugen Kogon: Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager, München 1998, ISBN: 3-453-02978-X.
            • Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens; München 1991, ISBN 3-492-10168-2.
            • Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Frankfurt am Main 1995, ISBN: 3-518-01158-8.
            • Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Darmstadt 1984, ISBN: 3-472-61004-2.
            • Herbert Marcuse: Repressive Toleranz, in: Robert Paul Wolff, Barrington Moore, Herbert Marcuse: Kritik der reinen Toleranz, Frankfurt am Main 1973, ISBN: 3-518-00181-7.
            • Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde, Vorwort von Jean-Paul Sartre, Frankfurt am Main 1981, ISBN: 3-518-37168-1.

            Unkommentierte erweiterte Literaturliste

            • Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus, Köln 1986, ISBN: 3-462-01794-2.
            • Max Horkheimer u.a.: Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung, Frankfurt am Main, Reprint der Ausgabe Paris 1936, 3-924245-08-8.
            • Peter Brückner: Sozialpsychologie des Kapitalismus, Gießen 2004, ISBN: 3-89806-260-0.
            • Maurice Merleau-Ponty: Humanismus und Terror, Frankfurt am Main 1990, ISBN: 3-8108-0017-1.
            • Maurice Merleau-Ponty: Die Abenteuer der Dialektik, Übersetzung von Alfred Schmidt und Herbert Schmitt, Frankfurt am Main 1974, ISBN: 3-518-07705-8.
            • Jean-Paul Sartre: Kritik der dialektischen Vernunft, Reinbek bei Hamburg 1967.
            • Wolfgang Abendroth: Aufstieg und Krise der deutschen Sozialdemokratie. Das Problem der Zweckentfremdung einer politischen Partei durch die Anpassungstendenz von Institutionen an vorgegebene Machtverhältnisse, Köln 1978.
            • Jürgen Seifert: Kampf um Verfassungspositionen. Materialien zur Bestimmung von Grenzen und Möglichkeiten der Rechtspolitik, Köln 1974, 3-434-20061-4.
            • Johannes Agnoli / Peter Brückner: Die Transformation der Demokratie, Hamburg 2004, ISBN: 3-89458-232-4.
            • Peter von Oertzen: Betriebsräte in der Novemberrevolution. Eine politikwissenschaftliche Untersuchung über Ideengehalt und Struktur der betrieblichen und wirtschaftlichen Arbeiterräte in der deutschen Revolution 1918/19, Berlin 1976, 3-8012-1093-6.
            • Michael Vester: Die Entstehung des Proletariats als Lernprozess. Die Entstehung antikapitalistischer Theorie und Praxis in England 1792 – 1848, mit einem Vorwort von Alfred Krovoza und Thomas Leithäuser, Dissertation Hannover 1968, Frankfurt am Main 1972, ISBN: 3-434-45024-6.