Theodor W. Adorno
Radikaler Denker des Nicht-Identischen
Der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno ist neben Max Horkheimer und Herbert Marcuse der Hauptvertreter der Kritischen Theorie. Mit seinen gesellschaftskritischen Positionen beeinflusste er die studentischen Proteste der späten 60er Jahre maßgeblich. Er selbst hatte zwar große Sympathien für die Proteste, aber zugleich eine große Skepsis. Theodor W. Adorno wurde am 11. September 1903 als Einzelkind jüdischer Eltern in Frankfurt am Main geboren. Bereits während der Gymnasialzeit machte er Bekanntschaft mit dem 14 Jahre älteren Intellektuellen Siegfried Kracauer, dessen Freundschaft ihm wichtige philosophische Impulse gaben. Nach dem Abitur studierte er an der Universität Frankfurt Philosophie, Psychologie, Soziologie und Musiktheorie. Nur drei Jahre später, Ende 1924, wurde er mit einer Arbeit über Edmund Husserl promoviert. In den Studienjahren lernte er Max Horkheimer und Walter Benjamin kennen, mit denen enge Freundschaften entstanden.
Mitte der zwanziger Jahre studierte Adorno Kompositionslehre und Musiktheorie in Wien bei den Avantgardisten Alban Berg und Arnold Schönberg, dessen Zwölftonmusik fortan für Adornos Überlegungen zu einer Philosophie der neuen Musik, die er 1949 veröffentlichte, eine ganz entscheidende Rolle spielte. 1931 habilitierte er sich bei dem evangelischen Theologen Paul Tillich mit einer Arbeit über Kierkegaard. Bereits zwei Jahre später wurde er von den an die Macht gelangten Nazis aus dem Professorenamt gejagt.
Wissenschaftliche Erfahrungen in Amerika
Adorno emigrierte zunächst nach Oxford, bis ihm Max Horkheimer eine Stellung am Institut für Sozialforschung anbot, das inzwischen in die USA umgezogen war. 1938 siedelte Adorno ins amerikanische Exil und wurde Mitarbeiter am Institute for Social Research in New York. Er leitete zudem den musikalischen Teil des von Paul Lazarsfeld gegründeten Princeton Radio Research Projects. In diesem Zusammenhang lernte Adorno die amerikanischen Methoden der empirischen Sozialforschung kennen. Seine "wissenschaftlichen Erfahrungen in Amerika“ wie ein Aufsatz von ihm betitelt ist, belegen, mit welcher Skepsis sich der Philosoph der Empirie annäherte, deren quantitativen und qualitativen Methoden, kritisch reflektiert und mit Theorie fundiert, schließlich so maßgeblich für die empirischen Studien der Kritischen Theorie wurden – etwa für Die autoritäre Persönlichkeit, in der der Zusammenhang von Autoritätsgläubigkeit und Faschismus untersucht wurde.
1942 zog Adorno nach Kalifornien seinem Freund Horkheimer hinterher, um mit ihm an der Dialektik der Aufklärung zu schreiben. In der 1947 in einem kleinen Verlag in Amsterdam erschienenen und schnell vergriffenen Schrift gehen die beiden der Frage nach, „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“.
Frankfurter Schule
Im Herbst 1949 kehrte Adorno nach Deutschland zurück und leitete zunächst zusammen mit Horkheimer das nach Frankfurt zurückgeführte Institut für Sozialforschung. Die Stadt Frankfurt richtete für Adorno zudem – allerdings erst 1953 – eine außerordentliche Professur für Sozialphilosophie ein. Ab 1956 bis zu seinem Tod war er Ordinarius für Soziologie und Philosophie in Frankfurt.
Durch die Erfahrungen des amerikanischen Exils hatte sich die Kritische Theorie verändert. Der Begriff der Kulturindustrie und überhaupt: Kulturkritik nahm einen zentralen Stellenwert ein. Diese Veränderungen machten sich auch in der Schreibweise bemerkbar: Kritische Theorie wurde fortan groß geschrieben, war nicht mehr bloß ein Tarnname für Marxistische Theorie, sondern zu etwas eigenständigem stilisiert. Kritische Theorie war im Kern nunmehr eine Kritik an der spätkapitalistischen, bürokratisierten und technisierten Überflussgesellschaft nach Auschwitz.
In den Hauptwerken Adornos steht die Kritik der Totalität und der Identität im Zentrum. Er arbeitet sich an der Hegelschen Identitätslogik ab. Sein Diktum „Das Ganze ist das Unwahre“ aus den 1951 veröffentlichten Minima Moralia steht deshalb im Zentrum seines Denkens. Adornos Herangehensweise ist anti-systematisch; er bedient sich des Essays als nach seiner Auffassung einzig noch möglicher Form nach Auschwitz.
In der Negativen Dialektik, 1966 erschienen, schreibt Adorno die Dialektik der Aufklärung weiter, spürt das Ideologische bis in den philosophischen Grundbegriff der Identität auf und begründet ein antisystematisches Denken, welches das Nichtbegriffliche als Nicht-Identisches zu seinem Recht zu verhelfen versucht. Man kann es als Nonkonformismus und Absage an das herrschaftsförmige Ganze, als anarchische Verweigerung verstehen, nachdem die Aufklärung versagte und die bisherige Kultur mit Auschwitz zusammenbrach. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, heißt es in den Minima Moralia.
Adornos an Benjamin geschultes Denken in Konstellationen, das er der totalitären Systematik entgegensetzte, seine an Hegel abgearbeitete negativ gewordene Dialektik, sein an Marx orientiertes ideologiekritisches und schonungsloses Verfahren der immanenten Kritik: diese ganze Radikalität machte Adornos Kritische Theorie für die anti-autoritäre Protestbewegung der späten 60er Jahre so attraktiv – vor allem das in der Negativen Dialektik formulierte Diktum, welches die Einheit radikaler Theorie und Praxis nach Auschwitz zu begründen schien: „Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“
Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail?
Adorno hatte große Sympathien für die studentischen Proteste; er selbst aber hatte auch große Skepsis gegenüber der Praxis der 68er. Überhaupt hatte er eher ein indirektes Verhältnis zur Praxis, das eng verbunden war mit seiner akademischen Arbeit: Er engagierte sich in der APO gegen die Notstandsgesetzgebung auf öffentlichen Veranstaltungen, redete in Mikrophone, aber nicht in Megaphone. Die Straße gehörte nicht zu seinem Medium. Ihm kam es darauf an, dass Motive der Aufklärung in das Bewusstsein übergehen und die Wirklichkeit verändern; seine Praxis war der Aufklärung verschrieben. Die Möglichkeit einer revolutionären Praxis schien ihm dagegen verstellt.
Als sich die studentischen Proteste radikalisierten, schien es so, als würden die Studenten ihre praktischen Konsequenzen ziehen. „Ich habe ein theoretisches Denkmodell aufgestellt. Wie konnte ich ahnen, dass Leute es mit Molotow-Cocktails verwirklichen wollen“, soll Adorno 1969 gesagt haben.
Die Proteste richteten sich in den späten 60er Jahren nun auch gegen Adorno. Ende Januar 1969 wurde das Institut besetzt. Adorno rief die Polizei. Das Verhältnis zu seinen Studenten schien zerrüttet: seine Vorlesungen wurden mehrere Male von Aktivisten „gesprengt“. Im Juni 1969 sagte Adorno seine Vorlesung endgültig ab. Gegen seinen vermutlich begabtesten Schüler, den Doktoranden und SDS-Aktivisten Hans-Jürgen Krahl, der wegen Hausfriedenbruch angeklagt war, musste er vor Gericht am 18. Juli als Zeuge aussagen.
Tod am Matterhorn
Einen Tag später reiste Adorno, sichtlich erschöpft, an seinem schweizerischen Urlaubsort im Kanton Wallis. Nach einer Auffahrt zu seinem geliebten Matterhorn erlitt er am 6. August 1969 einen Herzinfarkt. Sein Schüler Krahl schrieb am Tage der Beerdigung in der Frankfurter Rundschau, Adornos theoretische Leistung habe darin bestanden, die emanzipative Dimension der Marxschen Theorie wieder freigelegt und an die Tradition des undogmatischen westlichen Marxismus angeknüpft zu haben. Jedoch habe er der „Waffe der Kritik“ nicht die „Kritik der Waffen“ folgen lassen.
„Die Meriten der Studentenbewegung bin ich der letzte zu unterschätzen: sie hat den glatten Übergang zur total verwalteten Welt unterbrochen. Aber es ist ihr ein Quäntchen Wahn beigemischt, dem das Totalitäre teleologisch innewohnt“, hatte Adorno kurz vor seinem Tod noch in einem Brief an Marcuse geschrieben.
Literatur:
Claussen, Detlev: Adorno. Ein letztes Genie, Frankfurt/Main 2003, ISBN 3-596-15960-1.
Jäger, Lorenz: Adorno. Eine Politische Biographie, München 2003, ISBN 3-421-05493-2.
Schütte (Hg.), Wolfram: Adorno in Frankfurt. Ein Kaleidoskop mit Texten und Bildern, Frankfurt/Main 2003, ISBN 3-518-58379-4.
ist Publizist, Soziologe und Mitherausgeber der Online-Zeitschrift Sozialistische Positionen. Zurzeit arbeitet er als Lehrbeauftragter am Institut für Politische Wissenschaft der Leibniz Universität Hannover.
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Februar 2008








