Alexander KlugePraktiker des Eigensinns

Der Rezeptionskünstler Alexander Kluge nimmt im Unterschied zu seinem Lehrer Th. W. Adorno eine optimistische Haltung gegenüber der Möglichkeit einer gesellschaftsverändernden Praxis ein und setzt auf gesellschaftliche Teilhabe in Anknüpfung an die Tradition von Bertolt Brecht und Walter Benjamin. Kluge hat sich allerdings zu keiner Zeit im Gegensatz zu vielen 68ern der Illusion hingegeben, dass sich gesellschaftliche Strukturen kurzfristig und abrupt nachhaltig verändern lassen.Alexander Kluge, geboren am 14. Februar 1932 in Halberstadt, studierte in Marburg Jura, Geschichte und Kirchenmusik, promovierte und trat in die Kanzlei des Bildungspolitikers Helmut Becker ein. Er war Justiziar des Instituts für Sozialforschung an der Universität Frankfurt am Main und beriet Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in Rechtsfragen.
1960 debütierte er – nach einem Volontariat bei Fritz Lang – mit dem Kurzfilm Brutalität in Stein, 1962 als Schriftsteller mit dem Prosaband Lebensläufe und als Medienpolitiker mit der Proklamation des Oberhausener Manifests, in dem 26 Nachwuchsregisseure den erstarrten Strukturen der bundesdeutschen Filmpolitik den Kampf ansagten. Seither galt Kluge als Vordenker eines deutschen Autorenfilms, als juristisch geschulter Lobbyist, der sich für eine andere Filmförderung und Ausbildungsstätten für Film einsetzte. 1972 erschien das Buch Öffentlichkeit und Erfahrung, ein Basistext der Neuen Linken, in dem Kluge gemeinsam mit dem Sozialphilosophen Oskar Negt das Konzept einer kritischen Gegenöffentlichkeit vortrug. Nach der Einführung des dualen Rundfunksystems gelang es Kluge Mitte der 1980er Jahre in den Programmen der privaten Anbieter RTL(plus) und SAT.1 unabhängige Programmfenster zu besetzen, in denen seit 1988 wöchentlich die von ihm allein verantworteten Kulturmagazine 10 vor 11, News & Stories und Primetime/Spätausgabe ausgestrahlt werden.
Gegenöffentlichkeit
Kluges kontinuierlich wachsendes multimediales Werk ist als „work in progress“ zu verstehen, als eine breit angelegte Versuchsanordnung ganz in der Tradition einer skeptischen Aufklärung, wie sie von der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule vertreten wurde. Doch im Unterschied zu seinem Lehrer Adorno, der jede Möglichkeit einer gesellschaftsverändernden Praxis als „verstellt“ ansah, setzt Kluge – wie vor ihm Walter Benjamin und Bertolt Brecht – nach wie vor auf gesellschaftliche Teilhabe. Ansatzpunkt seiner Kritik sind die Einteilungen der Gesellschaft in Ressorts, die sich gegenüber der einzelmenschlichen Erfahrung abdichten. Kluge schreibt: „Bundestagswahlen, Feierstunden der Olympiade, Aktionen eines Scharfschützenkommandos, eine Uraufführung im Großen Schauspielhaus gelten als öffentlich. Ereignisse von überragender öffentlicher Bedeutung wie Kindererziehung, Arbeit im Betrieb, Fernsehen in den eigenen vier Wänden gelten als privat. Die im Lebens- und Produktionszusammenhang wirklich produzierten kollektiven gesellschaftlichen Erfahrungen der Menschen liegen quer zu diesen Einteilungen.“ Negts und Kluges Konzept einer Gegenöffentlichkeit spekuliert auf eine freie Assoziation der menschlichen Subjekteigenschaften, die sich protestförmig organisieren und gegen die Trennung zwischen Öffentlichkeit und Privatheit zur Wehr setzen: „Das Motiv für Realismus ist nie Bestätigung der Wirklichkeit, sondern Protest“, schreiben die beiden in Öffentlichkeit und Erfahrung. Dieser Protest bezieht seine Energie aus einem erweiterten Vorstellungsvermögen, das der normativen Kraft des Faktischen ebenso wenig vertraut wie der rationalen Logik des Diskurses. Kluge spricht in diesem Zusammenhang vom „Anti-Realismus des Gefühls.“
Selbstregulation und Phantasie
Kluges Geschichten, Filme und die assoziative Praxis seiner Fernsehinterviews können als Modelle einer selbstregulierten Phantasietätigkeit verstanden werden. Nie folgen sie einem roten Faden, der doch nur eine Ordnung fingieren würde, die es real gar nicht gibt. Stattdessen setzen sie auf einen Dialog mit den Erfahrungen von Zuschauern und Lesern. Denn Filme und Texte können Menschen stärken oder schwächen, sie können ein Mehr an Selbstbewusstsein produzieren oder aber es mindern. Kluges Option ist klar: seine Arbeiten sollen eine Kraftreserve bilden, die dazu beiträgt, im Rezipienten ein Bewusstsein und ein Gefühl für die eigenen Ausdrucks- und Handlungsmöglichkeiten zu erzeugen. Um dies zu vermögen, dürfen sie sich nicht hermetisch gegen die Erfahrungen des Zuschauers abschließen, dürfen sie weder vor den harten Fakten der Wirklichkeit ausweichen, noch dürfen sie diese wie ein Schicksal behandeln. Deshalb erzählt Kluge seine Geschichten in lückenhafter Form. Leser und Zuschauer müssen mithin eigenen Sinn („Eigensinn“) beisteuern, damit ein Zusammenhang entsteht. Kluge ist davon überzeugt: Nur durch Kooperation entsteht jenes Selbstbewusstsein, das Menschen brauchen, wenn sie Autor ihres Lebens sein wollen.
Warten auf Utopie: heute wie 1968
Protest, Selbstbestimmung und Emanzipation sind zentrale Motive in Kluges Werk, in dem das Hoffungspotential von „1968“, die bald danach einsetzende Zersplitterung der Studentenbewegung und die Entstehung der RAF immer wieder aufs Neue durchgearbeitet werden. Gleichwohl hat Kluge sich nie der Illusion hingegeben, dass sich gesellschaftliche Strukturen innerhalb kürzester Zeit nachhaltig verändern ließen. Das Jahr 1989 hat zwar gezeigt, dass ein System unerwartet implodieren kann, aber ebenso wurde deutlich, dass die innere Ökonomie des Menschen, seine Erfahrungsbildung längere Zeitmaße braucht, um diese Veränderungen zu adaptieren. So lautet denn auch das Motto von Kluges erstem Langfilm Abschied von gestern aus dem Jahr 1966, der das Verhältnis von Kontinuität und Bruch nach 1945 untersucht: „Uns trennt von gestern kein Abgrund, sondern nur die veränderte Lage.“ Und in Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos hieß es zwei Jahre später: „Die Utopie wird immer besser, je länger wir auf sie warten.“ Diese nüchterne Einschätzung der realen Kräfteverhältnisse hat in gewisser Weise Recht behalten, wobei die Utopie nicht einmal besser wurde, sondern ganz verloren ging. Ein trostloser Realismus, der in Kluges Werk als Trauerarbeit vernehmbar wird.Literatur:
- Negt, Oskar / Kluge, Alexander: Öffentlichkeit und Erfahrung: zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit, Frankfurt am Main 1972, ISBN 3-518-00639-8 (im Buchhandel vergriffen)
- Negt, Oskar / Kluge, Alexander: Geschichte und Eigensinn, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-518-11700-9.
- Kluge, Alexander: Lebensläufe, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-518-01911-2.
- Kluge, Alexander: Lernprozesse mit tödlichem Ausgang, Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-518-00665-7.
- Schulte, Christian (Hg.) / Stollmann, Rainer: Der Maulwurf kennt kein System: Beiträge zur gemeinsamen Philosophie von Oskar Negt und Alexander Kluge, Bielefeld 2005, ISBN 3-89942-273-2.
- Schulte (Hg.), Christian / Siebers, Winfried: Kluges Fernsehen: Alexander Kluges Kulturmagazine, Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-518-12244-4.
- Schulte (Hg.), Christian: Die Schrift an der Wand: Alexander Kluge: Rohstoffe und Materialien, Osnabrück 2000, ISBN 3-932147-57-X.
- Dr. Christian Schulte (Hg.), Christian: In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod: Texte zu Kino, Film, Politik / Alexander Kluge, Berlin 1999, ISBN 3-930916-28-2.
Dr. Christian Schulte
ist Privatdozent am Institut für Kulturwissenschaft der Universität Bremen. Er lehrt an den Universitäten Potsdam und Wien und hat verschiedene Bücher über Alexander Kluge, Walter Benjamin und Heiner Müller veröffentlicht.
ist Privatdozent am Institut für Kulturwissenschaft der Universität Bremen. Er lehrt an den Universitäten Potsdam und Wien und hat verschiedene Bücher über Alexander Kluge, Walter Benjamin und Heiner Müller veröffentlicht.
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Februar 2008








