In der Bundesrepublik verlorenSzenen aus einer anderen Zeit

Der junge Mann, der im Frühjahr 1967 verlegen in der Küche von Rudi Dutschkes Wohnung in Berlin steht und beobachtet, wie er die Bücher vom Küchentisch wegräumt, bin ich. Es gilt die vierzig Jahre, die dazwischen liegen, zu überspringen. Ich erkenne mich in dem großen, dunkelhaarigen, schüchternen Studenten nicht wieder. Ich kenne ihn nur noch von den vielen Photos, die es von ihm gibt. Es fällt mir leichter, mir Rudi Dutschke zu vergegenwärtigen. Ihm gehörte jene Zeit. Und gewiss nicht nur, weil er jung starb. Mein abgeklärter Blick wandert auf die venezianische Lagune. Seit dreißig Jahren lebe ich, ein Chilene italienischer Abstammung, nun hier und bin als Schriftsteller tätig. Weder die Emigration nach Venedig, noch die Wahl der Deutschen Sprache waren beabsichtigt. Achtzehn Jahre sind vergangen, seit ich nicht mehr im Exil bin. Meine Gedanken führen jetzt, da ich mir vornehme, alte Berliner Spuren vor dem Verschwinden zu bewahren, zur Ponte dell’umiltà vor meinem Haus. Unsere Bewegung war keine Revolution.
Rudi Dutschke räumt seine Berliner Küche auf. Nicht er ist ein Gespenst, ich bin es.
Der Berliner Monat November verlässt die Stadt erst im Frühling. Die Tage waren noch sehr kurz. Es war gerade dunkel geworden. Eine nackte Birne hing über dem Küchentisch. Wie Rudi Dutschke studierte ich seit über einem Jahr an der Philosophischen Fakultät. Ihn kannten alle. Ich war ein Gesicht in der Menge. Seit neuestem fanden unentwegt Vollversammlungen an der Universität statt. Der Rektor hatte eine Ausstellung mit Fotos aus Vietnam verboten. Bei dem darauffolgenden Sit-in, das war in Berlin neu, hatte die Polizei eingegriffen und die streikenden Studenten unsanft aus der Halle des Henry-Ford-Baus weggetragen. Che Guevara versuchte unterdessen vom bolivianischen Wald aus, eine Revolution im ganzen Subkontinent zu entfesseln. In Bonn regierte die SPD zusammen mit der Union. Mit jedem Tag wurde auf dem Campus der Ruf nach antiautoritären Studentenreformen lauter. Es hieß: „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren.“
Rudi Dutschke meldete sich bei den Versammlungen häufig zu Wort. Von hinten beobachtete ich, wie er mit gesenktem Blick sprunghaft das Rednerpult erreichte. Erst als der drahtige, kleine Student mit dem übergroßen buntgestreiften Pullover zu reden begann, sah er schließlich mit seinen tiefen, exaltiert funkelnden Augen die Zuhörer an. Dutschkes heisere Stimme war mir aufgefallen. Selbst wenn er leise sprach, schien er zu rufen. Seine radikale Kritik am Imperialismus und am Spätkapitalismus mutete in Berlin noch fremd an. Es herrschte noch Ruhe in Deutschland. Aber nicht für Rudi Dutschke.
1967 – Anfang einer Freundschaft mit Rudi Dutschke
Rudi hatte die Küche verlassen. Ich hörte die verschlafene Stimme einer Frau. Gretchen war schwanger. Rudi Dutschke kannte ich erst seit rund einer Stunde persönlich. Nach einem langen Seminar am Nachmittag war ich gerade dabei gewesen, zusammen mit vier Freunden aus Lateinamerika in meinen Käfer einzusteigen. Wir sahen Rudi Dutschke auf uns zukommen. Meine Fahrgäste kannten ihn gut, denn sie besuchten die Kurse für politische Bildung, die Dutschke im Studentendorf hielt, wo er über revolutionäre Strategien in unseren Ländern dozierte. Als Mitglied der chilenischen sozialistischen Partei fand ich das unmöglich und nahm an den Kursen nicht teil. Etwas missmutig blieb ich an der Wagentür stehen, während Dutschke die anderen um Hilfe bat. Wir erfuhren, dass er einen politischen Verlag mitgegründet hatte. Die Druckerpresse sollte mit dem Ertrag künftiger Veröffentlichungen bezahlt werden. Es war vorgesehen, dass das erste Buch schon am nächsten Morgen in Druck ginge. Nur gab es dieses Werk an jenem Spätnachmittag noch gar nicht. Rudi Dutschke holte Che Guevaras Rede Schaffen wir zwei, drei, viele Vietnam aus seiner Ledertasche, die wir bereits im spanischen Original gelesen hatten, während Dutschke sie nur aus einem Zeitungsbericht kannte. Er hatte sich nun vorgenommen, sie mit Hilfe seiner Studenten über Nacht zu übersetzen und mit einem Nachwort versehen frühmorgens der Oberbaumpresse abzuliefern. Das Vorhaben war extrem unrealistisch. Die anderen seilten sich einer nach dem anderen ab. Ich war nicht gefragt worden. Aber ich schämte mich für meine Kommilitonen. Ich fand es einfach nicht richtig, ihren politischen Lehrer im Stich zu lassen. Ich höre mich noch heute sagen: „Ich helfe Ihnen“.Die ungewaschenen Teller im Spülbecken bildeten einen Turm. Die Essensreste sahen inzwischen grünlich aus. Die Teller stanken. Ich fing an zu spülen. Rudi Dutschke tauchte wieder auf und stellte eine alte Schreibmaschine auf den Küchentisch. Er sah mich an und lachte dabei ungeduldig. Ich klemmte Ches Text zwischen Wand und Wasserhahn und übersetzte, während ich weiterspülte. Im Morgengrauen waren Übersetzung und Vorwort fertig. Die Gewalt in der Dritten Welt hatte unausweichlich auf Berlin übergegriffen. Als es hell wurde, war auch ich davon überzeugt.
Auf diese Nachtarbeit habe ich in diesen vierzig Jahren keinen Blick gewagt. Sie war der Anfang einer großen Freundschaft.
Poltische Aktionen, aber kein Umsturz
Am Montagabend war im SDS am Kurfürstendamm immer Beiratssitzung. Jeder durfte daran teilnehmen. Jeder durfte reden. Die Meisten waren zu schüchtern, um von diesem Recht Gebrauch zu machen. Wer schwieg, wirkte konzentriert oder bekümmert. Die Redner waren immer dieselben. Aber es war sehr laut im Raum. Einige Genossinnen hatten es auf die Genossen abgesehen. Sie beklagten, dass der SDS in Wirklichkeit bloß ein Männerverein sei. Sie fühlten sich benachteiligt und sie hatten Recht. Den Feminismus gab es in Berlin noch nicht. Die Rednerinnen machten den Männern die wüstesten Vorwürfe. Eine Liste zirkulierte. Die Genossinnen sollten die Namen ihrer Genossen eintragen, die entmannt gehörten. Es musste alles „ausdiskutiert“ werden. Ein Begriff, der damals im SDS geprägt wurde. Der Vietnamkrieg, die amerikanischen Deserteure, deren Flucht organisiert werden sollte, die Hilfe für die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt und die Verleumdungen der Bildzeitung nahmen jeden Montag die meiste Zeit in Anspruch.Rudi Dutschke war er der Mann, auf den es ankam. Er war der Einzige, der im SDS die Eigenschaften eines geborenen Volkstribuns besaß, obwohl er nur ein Beiratsmitglied war.
Bernd Rabehl, der wie Dutschke aus dem Osten stammte, äußerte wiederholt die Befürchtung, dass Dutschkes Ansichten über den Straßenkampf unvermeidlich zur Kriminalisierung der Studenten führen würden.
Christian Semler erinnerte mit seiner dicken Brille und der düsteren Miene stark an einen Terroristen aus dem späten neunzehnten Jahrhundert. Dieser Eindruck täuschte. Genosse Semler war die Gutmütigkeit in Person. Zu seiner besonnenen Intelligenz hatte Dutschke volles Vertrauen. Rudi, Bernd, Christian und ich wurden unzertrennlich. Tagsüber rasten wir von einer Veranstaltung zur anderen. Bis tief in die Nacht planten wir die nächsten politischen Aktionen. Bei Rudi lernten wir, die Müdigkeit zu verdrängen. Gemeinsam strebten wir eine demokratische Rätegesellschaft an. Jede Form von Diktatur war uns verhasst. Das verbürokratisierte DDR-Regime war für uns kein Vorbild. Der real existierende Sozialismus stellte in der Mauerstadt eine große politische Belastung dar. Die Demonstranten waren in keiner Hinsicht Staatsumstürzler, vielmehr gingen wir auf die Straße, um den deutschen Rechtsstaat zu verteidigen. Wer am 2. Juni 1967 vor der Berliner Oper an der Kundgebung gegen den Schah von Persien teilgenommen hat, wird es schwerlich vergessen. Persische Geheimpolizisten kamen ihren Berliner Kollegen zur Hilfe. Die Repression hatte eine bedenkliche Stufe erreicht. Leider geschah an diesem 2. Juni noch weit Schlimmeres. In der menschenleeren Krummestraße am Hohenzollerndamm erschoss ein Polizist namens Kurras den zweiundzwanzigjährigen Studenten Benno Ohnesorg. Er hatte keinen Widerstand geleistet. Es war Mord. Dieses heillose Verbrechen war in meinen Augen der wahre Anfang der Studentenbewegung. In seiner Rede in unserem Büchlein sprach Che Guevara über die „Propaganda der Schüsse“. Auf tragische Weise bekam der Revolutionär am 2. Juni vor der Berliner Oper Recht. Selbst in Berlin konnte man bei einer Demonstration in Lebensgefahr geraten. Rudi Dutschke hatte für dieses Phänomen eine seiner länglichen Bezeichnungen, er nannte es „Sinnlicher Bewusstwerdungsprozess willkürlicher Staatsgewalt.“
Mit unvorsehbarer Kraft breitete sich der Protest im ganzen Land aus. Über Nacht war jeder zweite Student ein Linker geworden. Über Nacht bildeten die Gymnasiasten „Rote Garden“. Es tauchten überall sozialistische Kinderläden auf. Frauengruppen machten sich stark. Altkommunisten und enttäuschte SPD-Mitglieder marschierten auf der Straße mit.
Kampagnen
Wir mussten lernen, wie man mit den Massenmedien, auch mit den ausgesprochen feindlich eingestellten, umgeht. Ohne ihre Mitarbeit auf dem Gebiet einer zugegeben sehr zweideutigen Propaganda wäre es undenkbar gewesen, die gesamtgesellschaftliche Relevanz, die wir nun erreichten, noch zu vergrößern. Wir bildeten uns ein, die Medien „umfunktionieren“ zu können.Ohne irgendeine Struktur wäre die Bewegung trotz ihrer großen Breite unvermeidlich auf Sand gelaufen. Wir entschieden uns für vier unterschiedliche politische Plattformen. Vier Hauptkampagnen sollten in die Wege geleitet werden: die Erste galt der Dritten Welt, die Zweite strebte die Enteignung Springers an, die Dritte erzielte die Gründung einer „kritischen Universität“, die Vierte sollte gegen die „Klassenjustiz“ angehen. Rudi Dutschke und ich entwarfen diese Kampagnen während der Semesterferien. Nun stand unser Vorhaben auf dem Papier. In jenen Sommertagen zitierten wir häufig einen Satz von Lenin und mußten besorgt dabei lachen: „Wer die Gelder hat, bestimmt die politische Richtung“.
Che Guevara wurde gefangen genommen und in einer bolivianischen Zelle ermordet. Für Rudi und mich war es so, als hätten wir einen großen Bruder verloren.
Eines Morgens bestellte uns Giangiacomo Feltrinelli, ohne einen Grund anzugeben, in eine Wohnung in der Uhlandstraße. Rudi trug seinen neugeborenen Sohn Hosea Che in einer festen Baby-Tragetasche. Feltrinelli stand mitten im sonst leeren Wohnzimmer mit einem mittelgroßen roten Koffer. Wir standen vor ihm. Zwischen uns lag Hosea Che in seiner Wiege. Giangiacomo lächelte verschmitzt unter seinem großen Schnurrbart. Er benahm sich merkwürdig und redete sehr leise, als hätte er Angst, abgehört zu werden. Schließlich öffnete er feierlich sein Gepäck. Wir trauten unseren Augen nicht. Vor uns lag eine große Rolle Plastikexplosiv mit einer Schachtel voller in Watte eingebetteter Zünder. Damit hatten wir nicht gerechnet und waren entsetzt. In letzter Zeit fand eine fragwürdige Diskussion in der Bewegung statt. Auf die Frage, ob wir Gewalt anwenden sollten, hatte Dutschke wiederholt geantwortet, dass nur Gewalt gegen Sachen, nie gegen Menschen zulässig sei. Die gewalttätigen Aktionen sollten nur symbolischer Natur sein. Ein gängiges Beispiel für die Gewalt gegen Sachen war das Anzünden von Gerichtstüren oder das Abstechen von Reifen der Springerlieferwagen. Wir waren nicht sehr weit damit gekommen. Steine hatten die Scheiben des Amerika-Hauses kaputtgeschlagen, einigen Springer-Abonnement-Büros war es ähnlich ergangen. Heimlich überlegten wir aber, ob die Lahmlegung der Springer-Druckerei etwa durch eine Überschwemmung der Kanalisation oder durch die Einführung von Sand ins Räderwerk möglich wäre. Keiner von uns hatte Feltrinelli um den Sprengstoff gebeten. Hosea Che meldete sich lautstark aus seiner Tragetasche. Giangiacomo war an den Grenzen ein hohes Risiko eingegangen und verständlicherweise stolz auf seinen eigenen Mut. Es fiel uns unendlich schwer, uns für den Zündstoff zu bedanken. Gewiss wurden Rudi und ich ständig von der Polizei überwacht. Wir konnten nicht einfach mit dem roten Koffer auf die Straße treten. Es blieb uns nichts anderes übrig, als den Sprengstoff unter Hosea Ches dünner Matratze zu verstauen. Es begann einer der längsten Tage meines Lebens. Abwechselnd trugen Rudi und ich die schwere Ladung durch Berlin. Wir hatten kein Versteck, wo wir die Explosive in Sicherheit bringen konnten. Stundenlang lag die Wiege vor uns auf dem Vorstandstisch einer Veranstaltung in den Räumen der Technischen Universität. Wir gingen damit essen, nahmen an mehreren Besprechungen teil. Erst am Abend fiel Rudi ein befreundetes Ehepaar ein, dem wir Feltrinellis Geschenk anvertrauen konnten.
Das Jahr näherte sich dem Ende. Der internationale Vietnam-Kongress war für den 17.-18. Februar 1968 vorgesehen. Die Stimmung in Berlin war bleiern. Rudi Dutschke rechnete fast mit einem Anschlag auf sein Leben. 1967 endete beunruhigend. Rudi Dutschke unterbrach den Weihnachtsgottesdienst in der Gedächtniskirche. Er bemächtigte sich der Kanzel und predigte über die Verbrechen der Amerikaner im Vietnamkrieg. Als er dabei war, die Kirche wieder zu verlassen, schlug ihn ein verärgerter Rentner mit seinem Gehstock auf den Kopf. Blutüberströmt wurde Dutschke mit einer Platzwunde ins Krankenhaus eingeliefert.
1968
Dutschke wohnte mit seiner Familie in Enzensbergers Haus in der Fregestraße. Er war verreist. Wir saßen ganze Nächte in der Küche, um unsere Gegner innerhalb der Bewegung zu besänftigen. Sie waren fest davon überzeugt, dass wir bei der Kongressdemonstration die genehmigte Marschroute verlassen würden, um die Anlagen der Amerikaner an der Clayallee anzugreifen. Falls wir das täten, dann hätten wir mit einem nicht vorhersehbaren massiven Eingriff der Polizei zu rechnen. Wenn sich außerdem die amerikanische Militärpolizei daran beteiligte, würden wir Westberlin in eine ernste internationale Krise stürzen. Unermüdlich beteuerten wir, dass wir nichts dergleichen vorhätten. Doch unsere Widersacher schenkten uns keinen Glauben.
Der Vietnam-Kongress war der absolute Höhepunkt der deutschen Bewegung. Damit beendeten Rudi Dutschke und ich unsere politische Arbeit in Deutschland. Er wollte mit Gretchen für eine Zeit nach Amerika ziehen und ich hatte vor, nach Chile zurückzukehren. Wer uns deswegen der Desertion bezichtigte, dem antwortete Rudi Dutschke: „Man versucht nicht zweimal dieselbe Revolution.“ Es war zum Teil ein Witz. Eine Revolution findet erst dann statt, wenn in einem Land die Frage der Macht gestellt wird. Rückblickend war uns in der Bundesrepublik lediglich eine Kulturrevolution halbwegs gelungen. Wir trugen, ohne es zu wissen, zu der vorübergehend endgültigen Demokratisierung des Landes bei. Auch wenn es uns damals nicht bewusst war, so haben wir objektiv eine Zeitlang Deutsche Geschichte geschrieben.
Am Gründonnerstag kam ich von Gesprächen mit der kubanischen Botschaft aus Prag zurück. Ich wollte Rudi Dutschke bei Professor Gollwitzer abholen, da wir einen Termin in der Kanzlei von Horst Mahler hatten. Gegen uns lief ein Prozess wegen schweren Landfriedensbruchs. Bei einer Demonstration hatten wir die Polizeibarrieren vor dem Moabiter Gericht entfernt und es war vermeintlich zu einer Straßenschlacht gekommen. Dabei hatte es sich um eine Flucht gehandelt. Uns beide hielt man für die Rädelsführer.
Rudi hatte nicht auf mich gewartet und war mit dem Fahrrad zum SDS gefahren. Als ich dort eintraf, hatte Josef Bachmann Dutschke gerade niedergeschossen. Eine Ambulanz brachte ihn ins Spandauer Krankenhaus. Zwei der Schüsse steckten im Kopf. Ich betete. Gretchen erwies sich als eine der tapfersten Frauen, denen ich je begegnet bin. „Er lebt“, sagte der Chirurg nach der siebenstündigen Operation. Mehr konnte er nicht sagen.
Rudi Dutschke überlebte. Außer Gretchen konnte er zunächst nur mich erkennen. Er litt unter einer schweren Amnesie. Einige Tage danach fragte er mich, wie der Ort hieße, für dessen Befreiung wir so lange gearbeitet hatten. Er sagte: „Ich weiß, dass dort viele Bäume stehen.“ „Vietnam“ war eines der ersten Worte, die mein Freund wieder lernte. Seine Konvaleszenz war lang. Er fuhr zu Feltrinelli nach Mailand, zu Henze nach Rom, zu einem befreundeten Abgeordneten nach Dublin. Bei unserem Prozess wurde ich zu neun Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Auf Mahlers dringenden Rat flüchtete ich über Nacht nach Rom.
Als Jahre danach Rudi Dutschke in Dänemark an den Folgen des Attentats starb, war ich nicht an seiner Seite. Die Bewegung war zu Ende. Sie hatte sich in viele kleine Parteien zersplittert. Gerade das war, was Rudi und ich immer befürchtet hatten. Rudi Dutschke hätte in der deutschen Politik sicher Entscheidendes vollbringen können.
Dass er heute in meinen Gedanken ein junger Mann geblieben ist, tröstet mich nicht. Nun trauere ich wieder um einen verlorenen Freund.
Jede gelungene Flucht birgt den Anfang eines Exils. Das sinkende Venedig ist wahrscheinlich mein letzter Zufluchtsort. Der Anblick der schwindenden Stadt ruft mir die Erkenntnis ins Gedächtnis, dass jeder junge Mensch ein König ist und jeder Alte ein König im Exil.
Die vollständige Fassung des vorliegenden Essays ist im Januar 2008 in der Zeitschrift Park Avenue erschienen:
www.parkavenue.de
Geb. 1941 in Valparaíso, Chile. Rechtsanwalt, Schriftsteller in Deutscher Sprache. 1979/1980 Gründung der Zeitschrift Transatlantik mit Hans Magnus Enzensberger. Auszeichnungen u.a. 1973 Gerhart-Hauptmann-Preis, 1991 Kleist-Preis. Lebt in Venedig.
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
März 2008








