Mohammed Bennis

Immer wieder weht der Wind des Mai 1968 durch meine Texte und meine Fantasie. Manchmal nehme ich ihn wahr, wie er in meinem Inneren spielt. Manchmal begegne ich ihm in einem Gedicht oder einem Text. Er verschwindet nie. Er kehrt in Bildern und verschiedenen Situationen zurück, denn er war sowohl eine Gebärmutter wie eine neue Geburt. Immer wenn ich ihn wieder wehen spüre, fasse ich mich bei der Hand und begrüße den, der ich war, und den, der ich sein möchte. Es gibt ein Wort, das der Mai 1968 in meinem Inneren hervorruft. Die Freiheit. Ein Wort, das der Mai 68 mir gegeben hat, als Zeichen auf dem Weg, den ich für mich gewählt habe.
Anfang Mai geschah etwas, was nicht mehr im Verborgenen blieb. Ich meine jenen Tag, an dem ich zum ersten Mal von der Universität Nanterre hörte. Nanterre beherrschte das Pariser Pflaster, und der Name Cohn-Bendit verkörperte den Schrei der Auflehnung. Der Monat Mai verwandelte sich in einen fiebrigen Monat, dessen Ereignisse mich über den französischen Rundfunk erreichten. Streiks, Demonstrationen, Universitätsbesetzungen, Versammlungen. Und die Helden waren die Jugendlichen, genauer gesagt, die Universitätsstudenten.
Ich hatte das Gefühl, dass der Mai 1968 mich und meine Interessen verändert hatte. Zwei Jahre lang vertiefte ich mich in alles Neue, was aus Paris kam, und suchte nach einer neuen Stimme in der arabischen Kultur. Die Zeitschrift al-Mawaqif (Standpunkte), die 1969 in Beirut erschien, war ein Echo für all das, was im Juni 1967, die Niederlage der Araber im Sechstagekrieg gegen Israel, und im Mai 1968 geschehen war zwischen dem Nahen Osten und Paris. Diese Ereignisse ließen die Araber nach einer neuen Sprache suchen, in der sie über sich selbst schreiben konnten: eine Sprache des Widerstands oder der Revolution oder der Kritik. Der Mai 68 schenkte mir die Gegenwart, wie er mir auch die Vergangenheit schenkte. Die Revolution war eine Neugeburt des kritischen Blicks auf das Leben und den Tod.
Wenn ich heute, 40 Jahren später, das kulturelle oder politische Leben betrachte, stelle ich fest, dass Reue über das Gewesene vorherrscht. Die Intellektuellen (und Politiker) in Marokko und der arabischen Welt bereuen genauso wie viele Aktivisten des Mai 1968 in Frankreich (und anderen Ländern) das, was sie einst waren. Und ich lernte vom Mai 1968, dass die Freiheit beständig in Bewegung ist. Es war eine Revolution gegen ein Lebensmuster, das sich zu offenbaren begann und auf Konsum und Äußerlichkeiten aufbaute. Heute sehen wir im Zeitalter der Globalisierung des Kapitals, welche Macht dieser Konsum und diese Äußerlichkeiten in unserem gesellschaftlichen Leben wie auch in der Politik und der Kultur erhalten haben. Der Mai 1968 ist der Geist, der den Völkern in verschiedenen Zeiten durch die Geschichte hinweg in anderen Sprachen innewohnt. In Texten und Kunstwerken ist er heute immer noch gegenwärtig.
(Auszug aus: Aus Fikrun wa Fann 88, Dossier 1968, Erscheinen April 2008)
geboren 1948, gehört zu den wichtigsten marokkanischen Intellektuellen und Dichtern.
Seine Poesie, die im Original auf Arabisch erscheint, ist in viele Sprachen übersetzt worden.
Bennis lebt in Mohammedia, Marokko.
Übersetzung aus dem Arab.: Larissa Bender
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Februar 2008








