"Mein 68"

Prof. Dr. Luise F. Pusch

Luise F. Pusch Cop: Joey Horsley

Wie ich die „68er“ damals als Studentin in Hamburg empfunden habe? – Die berühmte Aktion mit dem Transparent „Unter den Talaren / der Muff von tausend Jahren“ fand ich sehr gut. Der frische Gegenwind für die starren patriarchalen Strukturen der Universität war überfällig. Ich wollte damals gern wissenschaftliche Assistentin an der Uni werden, aber Bewerbung auf diese begehrten Posten war nicht vorgesehen. Frau musste es stattdessen irgendwie hinkriegen, dass sie dem Herrn Professor angenehm auffiel. Also rein feudale Verhältnisse – der Professor verschenkte oder entzog wie der König seine Gunst, und von seiner Gunst hingen Karrieren und Lebenschancen ab. Diese höfischen Strukturen wurden durch die „68er“ abgeschafft, und das war gut so.

Die wichtigste von den „68er“ herbeigeführte Veränderung war in meinen Augen, dass die „68er“ studentischen Patriarchen durch ihr Macho-Verhalten dazu beigetragen haben, dass die Frauen sich abspalteten und endlich anfingen, ihr eigenes Süppchen zu kochen, nachdem sie den Herren noch die berühmte Tomate geopfert hatten. Also: Die wichtigste Veränderung war der Beginn der zweiten Frauenbewegung in Deutschland und anderswo.

1968 war ich mit der Wohnungssuche für mich und meine Partnerin beschäftigt, die querschnittgelähmt und Rollstuhlfahrerin war. Die Wohnungssuche für eine Frau mit Behinderung war zu der Zeit dermaßen anstrengend, dass für irgendwelches politisches Engagement einfach keine Kraft blieb - und das soll durchaus eine politische Aussage sein. Ich hatte außerdem immer das Gefühl, was die Männer da veranstalten, hat mit meinen Sorgen überhaupt nichts zu tun. Ich engagierte mich erst ab Mitte der 70er Jahre politisch, und zwar in der Frauenbewegung.

Ich sehe die „68er“-Bewegung im Wesentlichen als eine jugendliche Männerbewegung, die den alten etablierten Männern die Macht entreißen wollte. Als das einigermaßen gelungen war, waren die „68er“ zufrieden und wurden genau wie diejenigen, die sie zuvor bekämpft hatten. Frauen kamen in dem ganzen Theater eigentlich kaum vor, deshalb hat mich die Bewegung damals und bis heute nur wenig interessiert.

Die angeblich ebenfalls von den „68ern“ initiierte sexuelle Befreiung diente auch vorwiegend männlich-heterosexuellen Interessen und machte weibliche sexuelle Verfügbarkeit möglichst schon ab dem Kindesalter zur Norm – alles andere galt als “verklemmt”. Die sexuelle Befreiung der Frauen (ob hetero oder lesbisch), wie auch der schwulen Männer kam erst sehr viel später und in Abgrenzung von den „68ern“ in Gang.

Luise F. Pusch,
1944 in Gütersloh geboren, studierte von 1963 bis 1972 Anglistik, Latinistik und Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Hamburg. 1972 promovierte, 1978 habilitierte sie. Bekannt ist sie als Spezialistin für feministische Linguistik. Seit 1985 ist sie publizistisch tätig; Hauptthemen sind feministische Linguistik und Frauenbiografieforschung.

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Februar 2008