Deutschland und der Nationalsozialismus

Wissenschaftler planen kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“

Cover „Zeitungszeugen“; © ZeitungszeugenLogo des Instituts für Zeitgeschichte; © IfZEs ist eines der am meisten mystifizierten Bücher in Deutschland: „Mein Kampf“ aus der Feder von Adolf Hitler. Diese aufschlussreiche Gesinnungsschrift eines politischen Fanatikers, die sich wie die Prophezeiung der Schrecken der NS-Herrschaft liest, darf seit dem Krieg in Deutschland nicht mehr gedruckt werden. Das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) plant jetzt eine wissenschaftlich kommentierte Neuauflage.

Weltweit kursieren zahlreiche Ausgaben des Buches in mindestens 14 Übersetzungen. Auch im Internet kann Mein Kampf heruntergeladen werden – was in Deutschland allerdings verboten ist. Hier hat der Freistaat Bayern, auf den die Urheberrechte Hitlers nach dem Kriege übergegangen waren, Neuauflagen des Buches bisher verhindert.

Ganz generell wird in Deutschland selbst die wissenschaftlich kommentierte Wiederveröffentlichung jeglichen originalen NS-Propagandamaterials nach wie vor ausgesprochen kritisch gesehen, wie zuletzt die Auseinandersetzungen um das Projekt Zeitungszeugen exemplarisch demonstriert haben. Trotz eines Gerichtsurteils, wonach das Erlöschen der Urheberrechte 70 Jahre nach dem Tod von Autoren auch für Nazipublikationen gilt, gab es heftige öffentliche Reaktionen, als die ersten Abdrucke von historischen Zeitungen wie dem Völkischen Beobachter herausbracht wurden. Je nach Standpunkt hielten es Vertreter sämtlicher Fraktionen im bayerischen Landtag für bedenklich bis unannehmbar, die Opfer des Hitler-Regimes oder junge Menschen mit dem Gedankengut der Nazis aus erster Hand zu konfrontieren. Doch es gab auch vereinzelte Stimmen, die die Faszination des Materials auf seine Tabuisierung zurückführten.

Schlussendlich kam man überein, für 2010 eine Expertenanhörung zu diesem Thema anzuberaumen. Diese könnte auch eine Vorentscheidung in Sachen Mein Kampf bringen. Denn Forderungen nach einer Lockerung des Veröffentlichungsverbots hat es von berufener Seite immer wieder gegeben. So haben sich etwa renommierte Historiker wie Hans-Ulrich Wehler, Hans Mommsen oder Ian Kershaw immer wieder vergeblich für eine wissenschaftliche Edition der dürftigen „geistigen Ergüsse“ (Mommsen) stark gemacht, die Hitler als gescheiterter Putschist ein Jahrzehnt vor seinem Aufstieg zu Papier gebracht hatte. Das erstmals 1925 veröffentlichte und später mehrfach überarbeitete Manifest, in dem Hitler seine Gesinnung, Weltsicht und die Wurzeln seines Rassenwahns ausbreitet, entstand in der Gefängnishaft. Im Dritten Reich machte Hitler es zu einer Art „Nazi-Bibel“ – mit dem Nebeneffekt, dass die Tantiemen ihn zum Multimillionär machten.

An der Quelle der Unmenschlichkeit

Cover „Zeitungszeugen“; © ZeitungszeugenJe näher das Erlöschen des Copyrights im Jahr 2015 heranrückt, desto lauter werden die Mahnungen, die zu einer raschen historisch-kritischen Aufbereitung raten. Zu den Befürwortern einer verantwortbaren Neuauflage gehört inzwischen auch das Kuratorium des Nürnberger Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Auch Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat Mitarbeit angeboten.

Gegenüber dem Tatbestand der Volksverhetzung ist in der Argumentation der Aspekt des Lehrstückcharakters in den Vordergrund getreten. Wer das Buch gelesen habe, könne weder den Völkermord länger leugnen, noch Hitlers Krieg zur „Angstreaktion“ auf Stalins Kriegspläne stilisieren. In diesem Sinne hat Rafael Seligmann in der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine die „Pro“-Position gegenüber der Skepsis des Antisemitismusforschers Wolfgang Benz vertreten. Der jüdische Publizist wendet sich gegen die Vorstellung, den Albtraum des Neonazismus durch Wegsperren des Buches vertreiben zu können. Der aufklärerische Aspekt habe die  demokratischen Regierungen in aller Welt bewogen, Mein Kampf für die Leser freizugeben: „Sie vertrauen auf die Einsicht ihrer Bürger. Solches Selbstvertrauen sollten auch die bayerische und die Bundesregierung aufbringen und ihren Bürgern die Möglichkeit einräumen, sich an der Quelle über die Unmenschlichkeit des Nazismus zu informieren und sich ein eigenes Urteil zu bilden.“

Terra incognita

Cover von Barbara Zehnpfennigs Buch „Hitlers ‚Mein Kampf’“; © Wilhelm Fink VerlagÄhnlich sieht es auch Horst Möller vom Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München, das sich unterdessen zur Vorbereitung einer kritischen Edition von Mein Kampf entschlossen hat. Das Projekt startet quasi von Null. Wichtige Grundlagen könnte vielleicht der Salzburger Historiker Othmar Plöckinger mit seiner Studie zur Entstehungs-, Publikations- und Rezeptionsgeschichte (2006) liefern, eventuell auch Barbara Zehnpfennig mit ihrer nicht ganz unumstrittenen politikphilosophischen Interpretation des Werkes (2000).

Von Zweifeln, ob Laien zu einer kommentierten Ausgabe mit weit mehr als tausend Seiten greifen werden, wenn das Original dereinst frei verfügbar sein wird, lässt man sich am IfZ nicht verdrießen. Vielleicht sollte man auf Bernd Sösemann hören. Der Professor für die Geschichte der öffentlichen Kommunikation rät: „Mit Blick auf das öffentliche Interesse dürfte es sich empfehlen, zusätzlich eine von den wissenschaftlichen Apparaten weitgehend befreite Textausgabe zu publizieren. Dabei ist aber auf eine allgemeinverständliche Einführung und knappe Bibliografie sinnvoll ausgewählter Begleitlektüre nicht zu verzichten.“

Roland Detsch
ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2010

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