Fremde im Visier – private Kriegsfotografie und subjektive Erinnerungskonstruktion

Ein halbes Jahrhundert lang hat sich niemand für sie interessiert, vor zwanzig Jahren tauchten die ersten auf. Seither werden sie gesammelt, wissenschaftlich ausgewertet, ausgestellt und veröffentlicht: die privaten, weithin vergessenen Schnappschüsse deutscher Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Einige davon hat Petra Bopp für ihren Ausstellungsband „Fremde im Visier. Fotoalben aus dem Zweiten Weltkrieg“ ausgewählt und kommentiert. Es sind verstörende Bilder, die eine bislang verborgene Seite des Krieges zeigen – und eben dadurch zu einem realistischeren Kriegsbild verhelfen könnten.Der Zweite Weltkrieg ist der erste Krieg, der fotografisch umfassend dokumentiert wurde. Nach vorsichtigen Schätzungen sind in diesem Krieg zwischen 30 und 40 Millionen Fotos entstanden. Allein von den Angehörigen der deutschen Propagandakompanien sind zwei Millionen Negative erhalten geblieben. In Großbritannien werden etwa drei Millionen Fotos aus dieser Zeit aufbewahrt.
Neugier und Sensationslust
Die industrielle Massenproduktion hatte in der Zwischenkriegszeit aus der Kamera einen alltäglichen Gebrauchsgegenstand gemacht und Millionen von Menschen haben damit ihre Kriegseindrücke im Bild festgehalten. Rund zehn Prozent aller Deutschen besaßen im Jahr 1939 einen eigenen Fotoapparat, nicht zuletzt dank der Anschaffungsaufforderungen des Propagandaministeriums, das die Amateurfotografie von Anfang an nach Kräften unterstützt hat.
Für die Soldaten, nicht nur die deutschen, war die Kamera, anders als für die professionellen Berufsfotografen der Propagandaeinheiten, keine Waffe im „Krieg der Bilder“, sondern in erster Linie ein probates Mittel, die eigenen Erfahrungen, Erlebnisse und Wahrnehmungen zu dokumentieren. Sie fotografierten, was sie interessant, fremd, ungewöhnlich oder aufregend fanden, was ihre touristische Neugier weckte, ihre Sensationslust reizte, vielleicht auch, was ihr Vorstellungsvermögen überstieg – und davon gab es im Krieg eine ganze Menge. Sie fotografierten aus den verschiedensten Gründen und die verschiedensten Motive, immer aber ohne Befehl oder Weisung von oben. Am Ende wurde fotografiert, weil man (sich) ein Bild machen, sich und andere ins Bild setzen wollte, mit anderen Worten: um sich später zu erinnern.
Viele diese Bilder fanden den Weg in Fotoalben, wo sie, vor sich hin gilbend, die Jahrzehnte überdauerten – vergessen und im Privaten verborgen, weil niemand sich (mehr) erinnern wollte. Seit geraumer Zeit, genauer gesagt seit den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, werden sie wieder ausgegraben, ausgestellt, veröffentlicht und angesehen. Weil man sich erinnern möchte? Vielleicht. Gewiss, weil die Historiker sich erinnern wollen, die die (Amateur-)Fotografie als historische Quelle entdeckt haben und nun zum Sprechen zu bringen versuchen.
Dokumente des Alltags und der Barbarei
Der Band von Petra Bopp ist Ausdruck dieser Trendwende. Er resultiert aus einem Forschungsprojekt über Privatfotografien der Wehrmachtssoldaten im Zweiten Weltkrieg, das mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft 2004 an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg begonnen und von April 2006 bis Dezember 2008 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit Mitteln der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur fortgeführt wurde.
Die aus rund 150 zumeist in Privatbesitz befindlichen Fotoalben ausgewählten Fotos vermitteln den Betrachtern eine Vorstellung davon, nicht wie der Krieg war, sondern wie er von deutschen Soldaten durch den Sucher ihrer Kamera gesehen wurde. In ihrer überwiegenden Mehrzahl sind es Dokumente des Alltags, aufgenommen in der Etappe, hinter der Front also, in Augenblicken relativer Ruhe und Erholung. Zugleich jedoch sind es Dokumente der Gewalt und der Barbarei, auch und gerade dort, wo sie die Idylle inszenieren.
Vor allem sind es irritierende Bilder, die nicht nur betrachtet, sondern auch „gelesen“ werden wollen, und zwar in einem ganz buchstäblichen Sinn: Wer sie verstehen möchte, wer wissen will, was auf ihnen zu sehen ist, muss sie oft genug „umdrehen“ und die Worte auf der Rückseite oder die entsprechenden Textlegenden in den Alben lesen. Das Titelfoto beispielsweise ist eine solche Aufnahme: Es zeigt eine Frau mit geschürztem Rock und Kopftuch, mutmaßlich eine Bäuerin, die im Begriff ist, eine flache Furt zu durchwaten. Die Sonne scheint, im Wasser spiegelt sich ein Baum. Nichts deutet auf die Gewalt hin, die der Szene zugrunde liegt, nichts auf die Gefahr, in der die Frau sich befindet. Aufschluss erteilt erst die umseitige Aufschrift: „Die Minenprobe …“, welche damit zugleich den ganzen Schrecken des Vernichtungskrieges offenbart.
Fremde Blicke, fremde Menschen
Es sind Aufnahmen wie diese, die die Frage provozieren: Wer waren die Menschen, die sie gemacht haben? Die in Ausführung des tödlichen Befehls die Frau als „Minensuchgerät 42“ in den Fluss trieben und offensichtlich nichts dabei fanden, das Ganze auch noch zu fotografieren? Wer waren jene, die all die anderen, mal mehr, mal weniger harmlosen Fotos „geschossen“, in Alben geklebt und meist mit einem kurzen Kommentar versehen haben?
Siebzig Jahre nach Kriegsbeginn zeigen die in diesem Band versammelten Aufnahmen nicht nur kaum bekannte Blicke von Wehrmachtssoldaten auf fremde Menschen und Länder. Sie zeigen uns auch Deutsche, die uns fremd sind, durch die Lektüre der Bilder fremd werden – weil sie sich in der Pose von „Herrenmenschen“ von Kindern die Schuhe putzen lassen, weil sie brennende Häuser ebenso wie einsame Tümpel fotografieren, weil sie mitten im Krieg für Nachbestellungen Fotos sortieren und beschriften, als wäre schönster Friede!
Oft genug sind es nicht die Bilder, sondern die zu ihrer Erklärung beigegebenen Texte, die befremden, irritieren, schockieren: Etwa wenn die Gräber gefallener Soldaten als „Heldengräber“ bezeichnet werden oder wenn unter dem Bild eines gefangenen farbigen Soldaten zu lesen steht: „Auch ER sollte Frankreichs (sic!) Kultur retten“. Dann wird deutlich, wie stark die NS-Ideologie in vielen Fällen sowohl die Auswahl der Motive als auch deren Wahrnehmung zu prägen vermochte.
„Optischer Panzer“
Damit soll keineswegs behauptet werden, dass alle Fotografien in diesem Band den NS-Blick reproduzieren. Tatsächlich trifft dies nur auf eine Minderheit zu. Die meisten, nicht selten nach ästhetischen Gesichtspunkten komponierten Fotos zeigen einfach nur den Alltag im Feld, auf dem Land, in den vom Krieg zerstörten Städten. Sie gab es aber eben auch: die Wehrmachtssoldaten, die die Kamera als „optischen Panzer“, die Fotografie als Mittel der Denunziation und die Fotoalben zur ideologischen Beweisführung einsetzten, die sich mithilfe einer „deutschen Kamera“ das Fremde gewaltsam ins Eigene anverwandelten und so den Eroberungskrieg medientechnisch fortführten. Sie mögen darum nicht immer gleich Nazis gewesen sein; aber es waren ganz offensichtlich Menschen, denen die NS-Propaganda etwas zu sagen hatte.
Es gehört zu den Vorzügen der Publikation, dass sie nicht nur Einzelfotos, sondern ganze Fotoserien inklusive der dazugehörigen erklärenden beziehungsweise verklärenden Legenden abdruckt – und dadurch die Rekonstruktion nicht nur der Bildästhetik, sondern auch des Entstehungskontexts und der Aufnahmemotive gestattet. Vor allem werden auf diese Weise Strategien der „Vergangenheitsbewältigung“ – und der subjektiven Konstruktion von Kriegserinnerungen – erkennbar, die weit in die Nachkriegszeit hineinreichen. Eines macht der Band auf jeden Fall deutlich: Die nationalsozialistische Ideologie hat das Denken und Empfinden vieler Wehrmachtssoldaten stärker verändert als diese es selbst glaubten und lange Zeit wahrhaben wollten.
lehrt politische Theorie und Ideengeschichte an der Hochschule für Politik in München. Er ist Autor des Buches „Die Tugend der Augen. Beiträge zur politischen Aisthetik“ (Herbert Utz Verag 2006).
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März 2010
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