Deutschland und der Nationalsozialismus

„Feuerwehr“ gegen Rechtsextremismus

Logo der Beratungsnetzwerks „kompetent. für Demokratie“; © kompetentLogo der Beratungsnetzwerks „kompetent. für Demokratie“; © kompetentHunderte von Initiativen engagieren sich bundesweit gegen rechtsextremistische Umtriebe. Darunter sind auch mobile Beratungsteams, die Eltern gefährdeter Jugendlicher Hilfe anbieten.

Die Zeiten sind vorbei, in denen allein Glatzen, Bomberjacken und Springerstiefel zu den äußeren Attributen der Neonazis gehörten. Jugendliche mit brauner Gesinnung unterscheiden sich heutzutage im Auftreten auf den ersten Blick kaum von andersdenkenden Altersgenossen. Sie tragen ihr Haar wahlweise kurz oder lang, akkurat gescheitelt oder gar zum „Irokesen“ aufgestellt, dem einstigen Kopfschmuck der oft antifaschistischen Punks.

Sprüche und Symbole

Kein Wunder, dass betroffene Eltern oft aus allen Wolken fallen, wenn sie dahinter kommen, in welche Gesellschaft ihre Kinder da geraten sind. Wer einen Verdacht hat oder auf Nummer Sicher gehen will, sollte sich über Dresscode, Jargon und Ikonografie der braunen Szene informieren. Das Internet bietet hierzu zahlreiche Anlaufstellen. Dort lernt man beispielsweise, dass Kleidungsstücke und Accessoires der Marke Thor Steinar bei Neonazis, die etwas auf sich halten, ganz hoch im Kurs stehen. Bedruckt mit markigen Sprüchen oder kryptischen Symbolen dienen sie als Erkennungszeichen unter Gleichgesinnten und tragen zur Gruppenidentität bei.

Empfindliche Strafen für das Zeigen von Nazi-Emblemen haben dabei einen regelrechten Chiffrekult ins Kraut schießen lassen. Eltern mögen sich zunächst nichts dabei denken, wenn auf den T-Shirts und Jacken Ziffern wie 18, 88 oder 444 prangen. Doch das sollten sie! Denn diese Zahlen stehen für die jeweiligen Stellen im Alphabet und bedeuten AH für „Adolf Hitler“, HH für „Heil Hitler“, DDD für „Deutschland den Deutschen“. Hellhörigkeit ist auch angezeigt, wenn Jugendliche Sprüche klopfen oder argumentieren. Die Verwendung zunächst harmlos wirkender ungewöhnlicher Germanismen, wie „Weltnetz“ für das World Wide Web oder „Heimseite“ für Homepage, können nämlich ebenso Indizien für eine rechtsradikale Gesinnung sein, wie das Schwadronieren über „Systempolitiker“ oder „Inländerfeindlichkeit“. Auch hier lohnt ein Blick in einschlägige Glossars im Internet.

Musik als Einstiegsdroge

Cover des vom Deutschen Jugendinstitut herausgegebenen Buchs über „Rechtsextreme Musik“; © DJIAufmerksamkeit schenken sollte man auch dem Musikgeschmack der Kinder. Wie bei allen Jugendkulturen spielt Musik als „Einstiegsdroge“ Nummer Eins auch beim Nazinachwuchs eine große Rolle. Nicht umsonst bedienen sich die rechtsradikalen Trommler bei der Gefolgschaftswerbung gerne CDs, die sie bei jeder Gelegenheit kostenlos verteilen: in Jugendklubs, Diskotheken und sogar auf dem Schulhof. Nichts ist zur Indoktrination ideologisch unbedarfter Teenager besser geeignet als die Hassparolen und Hetze, die ihnen Rocker oder Rapper mit so unmissverständlichen Namen wie „Landser“ oder „ZyklonBeatz“ in die Ohren brüllen. Hinzu kommt der Reiz des Verbotenen. Nicht selten finden Konzerte der über 180 deutschen Neonazi-Bands heimlich statt, weil nicht wenige von den Behörden als kriminelle Vereinigungen geführt werden.

Besagte Informationen und Ratschläge stammen allesamt aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz von Hunderten von staatlichen und privaten Initiativen, die sich hierzulande um Beratung, Prävention und Ausstiegshilfe kümmern. Viele Jugendliche begreifen erst spät, auf was sie sich eingelassen haben. Nur mit Mühe gelingt es ihnen dann, sich aus den Gruppenzwängen und der sektenähnlichen Umklammerung im Neonazimilieu zu befreien. Betroffene Eltern reagieren häufig entsetzt bis ratlos und zweifeln an ihrer Erziehung. Als Ansprechpartner bieten sich Beratungsstellen und ihre Mobilen Interventionsteams an, die in den letzten Jahren überall auf kommunaler Ebene eingerichtet worden sind. Sie stellen ihre Dienste neuerdings auch online anonym zur Verfügung.

Feuerwehr gegen Rechtsextremismus

Das Konzept der Mobilen Interventionsteams stammt ursprünglich aus Ostdeutschland, wo man es in den Jahren nach der Wende 1989/90 mit einer massiven Welle rechtsextremistischer Straftaten zu tun hatte.

Das erste der zahlreichen staatlich finanzierten Mobilen Beratungsteams (MBT), die sich in den ostdeutschen Bundesländern als eine Art Feuerwehr flächendeckend etabliert haben, wurde 1998 in Brandenburg aus der Taufe gehoben. Zielgruppen sind nicht nur Jugendliche, Eltern und Opfer, sondern auch Multiplikatoren wie Gemeinden, Vereine, Jugendleiter und sonstige Organisationen, die auf ausdrücklichen Wunsch im Umgang mit rechtsextremistischen Erscheinungsformen unterwiesen werden.

Im Vordergrund stehen die Hilfe zur Selbsthilfe und der Aufbau sozialer Netzwerke. MBT „setzen sich für die zivilgesellschaftliche und staatliche Auseinandersetzung mit der rassistischen Gewalttat, für die Solidarität mit den Opfern, den Schutz von Bedrohten und die Entwicklung von Strukturen und Projekten ein“, heißt es in einer Selbstdarstellung.

Hilfe für besorgte Eltern

Cover des Buchs „Angriff von rechts“; © dtvErkenntnisse, wonach bei bis zu einem Viertel der Bevölkerung je nach Definition rechtsextremistische Einstellungen virulent sind, haben auch in Westdeutschland, wo man zunächst keinen akuten Handlungsbedarf sah, zum Umdenken geführt. Vorreiter war hier die hessische Stadt Kassel, die sich 2003 als erste ein Beratungsteam verordnete. Das vorerst letzte wurde 2009 bei der Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus in München eingerichtet.

Hier finden besorgte Eltern erste Hilfe. Und die haben sie umso nötiger, seit die Neonazis drauf und dran sind, ihr Bürgerschreck-Image abzustreifen, um salonfähig zu werden. Seit sie sich nämlich darauf verlegt haben, Jugendzentren einzurichten, Feriencamps zu veranstalten und soziale Aufgaben zu übernehmen, für die den Kommunen das Geld fehlt, erfreuen sich die Braunen bei unbedarften Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis in die Mitte der Gesellschaft ungeahnter Sympathien.

Buchtipps

Gabi Elverich, Michael Glaser, Tabea Schlimbach: Rechtsextreme Musik: Ihre Funktion für jugendliche Hörer/innen und Antworten der pädagogischen Praxis. Deutsches Jugend Institut 2009.

Patrick Gensing: Angriff von rechts. Die Strategien der Neonazis – und was man dagegen tun kann. Deutscher Taschenbuch Verlag 2009.


Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
April 2010

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