Der Nazi als Ich-Erzähler

Was bewegte die nationalsozialistischen Machthaber? Was dachte jemand, der Menschen nach Plan umbrachte oder umbringen ließ? Diese Fragen beschäftigen Historiker, Psychologen, Soziologen und Literaten seit Generationen. Jetzt wollen Bochumer Forscher der Sache auch literaturwissenschaftlich auf den Grund gehen.Der SS-Offizier Dr. Maximilian Aue leitete im Zweiten Weltkrieg in Osteuropa die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Er war an der Schlacht von Stalingrad beteiligt und Organistator in Auschwitz. Doch Maximilian Aue hat es nie gegeben. Er ist eine Kunstfigur. Geschaffen von dem französischen Schriftsteller Jonathan Littell, der sich auf literarischem Wege der Frage nähert, was im Inneren eines solchen Mannes vor sich geht.
Das im August 2006 erschienene Werk Les bienveillantes (deutscher Titel: Die Wohlgesinnten) hat für eine kontroverse Debatte gesorgt. Denn den Versuch, uns die Innenansicht eines NS-Täters in literarischer Form vor Augen zu führen, hatte bisher kaum jemand unternommen. Während die französische Presse und Öffentlichkeit sich sehr positiv äußerte, erfuhr das Werk im deutschsprachigen Raum breite Ablehnung.
Die Literaturkritikerin Iris Radisch etwa bemängelte, dass der Anspruch des 1.400 Seiten umfassenden Werkes, die Motive eines Massenmörders offenzulegen, nicht eingelöst wird. Das mag auch an der Geschichtsbetrachtung Littells liegen. Denn seine strukturalistische Betrachtung des Nationalsozialismus betont eher Strukturzusammenhänge und Funktionen als psychologische Faktoren. „Das ungelöste Geheimnis, warum unsere Großväter zu mitleidlosen Mördern wurden, hat dieser Roman nicht gelöst. Oder nur insofern gelöst, als er die Schuldfrage entkräftet“, fasst Radisch ihre Kritik zusammen.
Das narrative Ich im Nationalsozialismus
Obwohl die Tätersicht in der Literatur eine neue Betrachtung des Nationalsozialismus ist, ist der Ich-Erzähler eine typische nationalsozialistische Form. Ob Hitlers Mein Kampf, Röhms Die Geschichte eines Hochverräters oder Goebbels’ Michael. Ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern: Die biografischen und autobiografischen Texte von Hauptfunktionären der NSDAP vor allem in den 1920er-Jahren entwickeln aus der Geschichte des Erzählers nach und nach die Geschichte der Bewegung und gehen schließlich in der nationalsozialistischen Weltanschauung auf.
Wissenschaftler der Ruhr-Universität Bochum (RUB) untersuchen nun erstmals systematisch das bisher in der literaturwissenschaftlichen Forschung vernachlässigte Feld des „autobiografischen Narrativs“ und die ideologische Struktur dieser Schriften. Dabei kooperieren Mitarbeiter des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung (IDG) unter der Leitung von Professor Mihran Dabag mit dem Lehrstuhl von Professor Manfred Schneider vom Germanistischen Institut. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert das Projekt für eine Laufzeit von drei Jahren mit rund 250.000 Euro.
Anspruchs- und Erfolgsgeschichten
„Die nationalsozialistischen Autobiografien und Biografien funktionieren nach einem bestimmten Muster. Darin finden sich immer wieder gleiche oder ähnliche Motive. Diese wollen wir aufdecken und so Einsicht in die eliminatorische Ideologie des Nationalsozialismus erhalten“, sagt Dr. Medardus Brehl, Literaturwissenschaftler und Bearbeiter des Projekts.
Im ersten Jahr wurde die sehr breite Quellenbasis gesichtet und für die Forschung aufbereitet. Jüngster Zugang ist die Able-Collection. Das sind 683 autobiografische Schriften aus dem Jahr 1934. „Hier zeigt sich bereits eine Zäsur“, so Brehl, „während vor 1933 diese Werke einen Anspruchsgedanken widerspiegeln, besitzen sie hier das Grundmuster einer Erfolgsgeschichte. Man muss sich vorstellen, dass diese Nationalsozialisten in den 1920er-Jahren zwischen 35 und 40 Jahre alt sind. Die stehen am Beginn ihrer politischen Karriere und schreiben ihre Biografie. Da wird ein Leben entworfen aus einer relativ kurzen Lebenserfahrung mit dem Ziel Gemeinsamkeiten zu schaffen, wie Erster Weltkrieg, Inflation und Ruhrbesetzung. Obwohl eigentlich sehr persönlich, sind diese Autobiografien immer auch typisierend.“
Nachdenken nicht erwünscht
Auffällig an dieser Art Literatur ist auch, dass sie weniger intellektuell, also zum Beispiel durch vergleichende Analysen geprägt ist, sondern durch Berichte scheinbar mythischer Erlebnisse, als welche immer wieder etwa die Begegnungen mit Adolf Hitler geschildert werden. Dabei übernehmen die Texte eine besondere Funktion in der Entstehungsphase des Nationalsozialismus. So inszeniert sich Joseph Goebbels als Ich-Erzähler in seinem Michael-Roman ebenso wie Hitler in Mein Kampf als „visionäres Ich“ und als „Seher“.
Die Autoren entwickeln dabei die nationalsozialistische „Weltanschauung“, zugleich schildern sie die Entstehung und Geschichte der nationalsozialistischen „Bewegung“. Diese Urszenen ausfindig zu machen und ihren Kontexten zuzuordnen, ist ein wesentlicher Forschungsaspekt des Projekts, das gezielt auf die Perspektive der vom IDG verfolgten strukturvergleichenden Genozidforschungen ausgerichtet ist. Die Wissenschaftler fragen nach den zentralen vorbereitenden und legitimierenden Funktionen in der Entscheidungsplanung und Durchführung des Völkermordes an den Juden. Die Antworten, die sie finden werden, werden unser Wissen über das dunkelste der dunklen Kapitel der Weltgeschichte zweifellos weiter mehren. Dass wir das Unbegreifliche dadurch am Ende begreifen könnten, steht freilich nicht zu erwarten.
ist Historiker und Germanist und arbeitet als freier Journalist mit den Schwerpunkten (Zeit-)Geschichte, Wirtschaft, Religion und Philosophie in Köln.
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Juni 2010
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