Letzte Post aus Nazideutschland

Nach einem Dreivierteljahrhundert werden Zeitzeugen immer rarer, die von den Schrecken der NS-Herrschaft noch aus eigener Erfahrung berichten könnten. Doch der Schwede Torkel S. Wächter zeigt nun eine neue Variante privater Erinnerungskultur auf. Um das Schicksal seiner Vorfahren vor dem Vergessen zu bewahren, bedient sich der Sohn deutschstämmiger jüdischer Flüchtlinge der Mittel des Webs – und 32 vergilbter Postkarten.Die Website 32postkarten.com öffnet sich in altmodischem und insofern zeitgemäßem Design, will sie uns doch mitnehmen auf eine Reise in die Vergangenheit. Umrahmt von Schwarzweißfotografien aus einem Familienalbum mit Menschen aus unterschiedlichen Generationen, gekleidet im Schick des Kaiserreichs und der Weimarer Republik, sticht sofort ein vergilbtes handgeschriebenes Schriftstück im Faksimile ins Auge. Der rote Zensurstempel mit Reichsadler und Hakenkreuz macht klar: Es handelt sich um Post aus Nazideutschland zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.
Außergewöhnliches Projekt
Noch ist die Webseite nicht komplett. Im Laufe der Zeit sollen dort 32 solcher Briefkarten zu lesen sein, allesamt in Hamburg verfasst und nach Schweden versandt in den Jahren 1940/41 – den letzten vor dem Holocaust. Auf den Tag genau 70 Jahre nachdem sie geschrieben wurde, hat Torkel Wächter am 29. März 2010 die erste Karte online gestellt. Die restlichen sollen Stück für Stück in simulierter Echtzeit jeweils am Tag ihrer Datierung folgen. Daneben stellt die Website Protagonisten vor, Kommentarfenster bieten Hintergrundinformationen und persönliche Einordnungen des Geschriebenen.
„Geschichte wird dort greifbar, wo sie Menschen berührt. Die Familiengeschichte der Wächters aus Hamburg berührt, weil eine parallele Zeitreise sie greifbar macht“, hat eine Besucherin zur Premiere ins Gästebuch geschrieben. „Gespannt warten wir auf die nächste Postkarte, haben ihre Schreiber vor Augen, fragen uns, was sie womöglich ungesagt lassen. Europäisch-jüdische Geschichte im Kleinstformat, zugeschnitten auf das 21. Jahrhundert – ein außergewöhnliches Projekt!“
Zeugnisse schmerzlicher Vergangenheit
Alles begann wie in einer Detektivgeschichte – mit dem Fund zerknautschter Kartons beim Stöbern auf dem Dachboden des Elternhauses in Stockholm. Das war vor zehn Jahren. Es brauchte eine Zeitlang, bis Torkel Wächter klar wurde, dass es sich bei jenem Walter, der dort immer wieder als Adressat und Eigentümer all der Tagebücher, Aufsatzhefte, Dokumente und Briefe – allen voran der 32 Postkarten – auftaucht, um seinen verstorbenen Vater handelt. Hatte dieser doch möglicherweise als Ausdruck des Bruchs mit seiner schmerzlichen Vergangenheit oder als Zeichen seiner Wiedergeburt irgendwann seinen althochdeutsch klingenden Namen ablegt, sich Michaël genannt und in Schweden ein neues Leben angefangen. Aber noch überwältigender war für den lange Zeit ahnungslosen Sohn die Gewissheit, dass all die Familienmitglieder des Vaters, der seine Herkunft so lange verborgen hatte, entweder dem Holocaust zum Opfer gefallen oder in alle Winde zerstreut worden waren.
Die Wächters waren eine deutsch-jüdische Familie, die Jahrhunderte lang in Hamburg lebte. Der Name wird ins frühe 19. Jahrhundert datiert und auf einen gewissen Tobias Elias zurückgeführt, der als Mitglied der jüdischen Bestattungsgesellschaft Chevra Kadisha bei den Toten „wachte“. Die Kenntnis solcher Details ist nicht nur Ergebnis akribischer Recherchen und genealogischer Nachforschungen des 48-jährigen Torkel Wächter in eigener Sache. Der Romancier, der seit 2006 auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, hat unter anderem am Padeia, dem Europäischen Institut für Jüdische Studien in Stockholm, studiert.
Dem Tod entronnen
Zur Berufung wurde ihm die Beschäftigung mit Herkunft und Vergangenheit erst durch den Dachbodenfund. Wächter setzte alles daran, Licht ins Dunkel der totgeschwiegenen Familiengeschichte zu bringen. Zum Schlüssel sollte die gesammelte Familienkorrespondenz werden. Der Entzifferung der alten Handschriften nicht mächtig, nahm er dafür die Dienste eines Sütterlin-Transkiptionsbüros in Hamburg in Anspruch. Und wie ein Puzzle fügte sich plötzlich alles zu einem Gesamtbild. Im Mittelpunkt Walter Wächter, geboren am 26. Mai 1913 in Hamburg, sportlich, kunstbeflissen – deutsche Literatur und Malerei hatten es ihm besonders angetan –, vor allem aber tief verwurzelt im jüdischen Glauben und politisch aktiv bei den Sozialdemokraten. Dies wurde ihm zum Verhängnis.
Nach Hitlers Machtübernahme durfte der frisch gebackene Abiturient nicht studieren, fand keine Arbeit und landete am 4. März 1935 „wegen Vorbereitung zum Hochverrat“ im Konzentrationslager Fuhlsbüttel, wo ihm in dreijähriger Haft sämtliche Zähne eingeschlagen wurden. Dem Tod gerade noch entronnen, war er nach seiner Entlassung gezwungen, Hals über Kopf aus Deutschland zu fliehen. Als Illegaler irrte er durch halb Europa, ehe er im November 1938 in Schweden strandete, wo er sich als Knecht und Tagelöhner in der Landwirtschaft durchschlug. Als sich auch noch seine Pläne zur Auswanderung nach Palästina zerschlugen, wurde er zusammen mit seiner Braut Erna Schwartz, die er in einem Hechaluz-Kollektiv zur Vorbereitung auf ein Leben im Kibbuz kennengelernt hatte, im Zwangsexil sesshaft und baute sich eine neue Existenz auf. Eltern, Geschwister und Angehörige hat er nie wieder gesehen.
Persönliche Bereicherung
Torkel Wächter betrachtet die Arbeit an seinem persönlichen Erinnerungskultprojekt als persönliche Bereicherung: „Als 1949 mein älterer Bruder geboren wurde, schwor mein Vater feierlich, dass sein Kind niemals auch nur ein einziges Wort Deutsch hören müssen würde. In den letzten zehn Jahren habe ich den Nachlass meines Vaters durchgesehen, Deutsch gelernt, Zeit in verschiedenen Archiven verbracht und Menschen getroffen, die mir von dem erzählten, wonach ich nie fragte. Ich habe neue Freundschaften geschlossen und Verwandte kennengelernt, von denen ich nie zuvor gehört hatte.“
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in München und Landshut.
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August 2010
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