„Memory Loops“ – ein überfälliges Kunstwerk gegen das Vergessen

In München währt die Diskussion um eine angemessene Gedenkstätte für die Opfer des Nazi-Regimes schon Jahrzehnte. Der „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“ mit dem 1985 errichteten Denkmal von Andreas Sobeck ist weitgehend unbekannt. Mit dem Erinnerungsprojekt „Memory Loops“ der Künstlerin Michaela Melián beschreitet die bayerische Landeshauptstadt neue Wege.
2008 gewann Michaela Melián den Wettbewerb „Opfer des Nationalsozialismus – Neue Formen des Erinnerns und Gedenkens“ der Stadt München mit ihrem Konzept eines virtuellen Denkmals. Auch hierüber brach im Herbst 2008 eine Kontroverse los, als die durch eine Indiskretion vorab informierte Süddeutsche Zeitung titelte: „Holocaust-Gedenken per Handy“. Ablehnende Stimmen gingen quer durch die Parteien. Doch kaum einer der Kritiker hatte sich in diesem Stadium mit dem Konzept der Künstlerin auseinandergesetzt. Die Vorgabe des Wettbewerbs war eindeutig, ein konkreter Ort war nicht vorgesehen. Vielmehr war das Vorhaben als eine Ergänzung gedacht, nicht als Ersatz für einen zentralen Erinnerungsort am „Platz der Opfer des Nationalsozialismus“. Der Platz selbst wird ab Herbst 2011 umgestaltet, um dem Gedenken mehr Aufmerksamkeit zu schenken und eine würdigere Form zu verleihen.
Hördokumente zum Anrufen
In aufwendigen Recherchen in Archiven und auch durch eigene Interviews sammelten Michaela Melián und ihre Mitarbeiter über zwei Jahre Dokumente. Die Auswahl sei anschließend das Schwierigste gewesen, sie konnte nur exemplarisch sein. Jetzt stehen fast 19 Stunden Hörmaterial zur Verfügung. Quellen waren unter anderem das Archiv des Bayerischen Rundfunks (der auch bei der Realisierung half) und das Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau. Das Zentrum des Kunstwerks ist die Webseite MemoryLoops.net, auf der die Hördokumente in einer virtuellen Stadtkarte Orten zugeordnet werden können. Zu den 300 Tonspuren (dazu 175 auf Englisch) gehören Aussagen und Erinnerungen von Opfern, von Juden, Homosexuellen, Sinti und Zwangssterilisierten, aber auch von Nachbarn und Kollegen. Es gibt Verordnungen, Presseberichte und andere amtliche Verlautbarungen. Fünf längere Hörsequenzen haben thematische Schwerpunkte. Die Tondokumente können angehört, einzeln oder komplett im MP3-Format heruntergeladen und auf mobile Endgeräte übertragen werden. An 60 Orten in München stehen Schilder, die einen über eine Telefonnummer direkt zu den Tondokumenten führen.
Die Aussagen wurden von Schauspielern neu eingesprochen, doch nicht nur aus Gründen der Verständlichkeit. Durch die jungen Stimmen verliert sich auch die historische Distanz. Die amtlichen Dokumente werden von Kindern vorgelesen, die sich bemühen, das verquaste Bürokratendeutsch richtig auszusprechen, in dem die furchtbaren Anordnungen verfasst sind. Durch diese Form leistet das virtuelle Kunstwerk vor allem eines: die Alltagsebene wird nachvollziehbar. Beim Hören erschließt sich die stetige und schleichende Ausbreitung der Unterdrückung, es ist kein plötzlicher Einbruch in den Alltag. Der Antisemitismus greift schon in den 1920er-Jahren vehement um sich und legt die Saat für 1933: Leute werden verprügelt und gedemütigt, niemand schreitet ein. Der Terror findet im eigenen Haus, in der eigenen Straße statt, der freundliche Nachbar schweigt, schaut weg oder denunziert sogar.
„Händchen falten, Augen senken, immer an den Führer denken“
Akte von Zivilcourage gab es, aber sie sind selten. Schlimme Beispiele von vorauseilendem Gehorsam sind zu hören wie die Kindergärtnerin, die versichert, dass den „gesunden deutschen Kindern der Kindergarten zur Blutsheimat werden soll“ und deren tägliches Gebet mit den Kindern lautet: „Händchen falten, Augen senken, immer an den Führer denken.“ Die Mechanismen werden deutlich, wie die Menschen mit dem drohenden Unheil umgehen. Zum Teil reden sie sich ein, dass es schon nicht so schlimm werden würde. Nach der Reichspogromnacht gab es manche, selbst Juden, die dachten, das Schlimmste sei schon vorbei. Oder das Grauen wird wegdiskutiert: „Wenn das der Hitler wüsste“, heißt es dann, man verschließt die Augen vor den schrecklichsten Auswirkungen, will sie nicht wahrnehmen. Der Eintritt in die Partei wird bagatellisiert: „Nicht aus Karrieregründen, aber um beruflich keine Nachteile zu haben“ sei man der NSDAP beigetreten. Man hört von kleinen und großen Demütigungen, von der zunehmenden Verrohung. Aber auch die Faszination wird deutlich, die für viele Jugendliche von der „neuen Zeit“ und ihren Demagogen ausgeht.
Wie Blitzlicht-Aufnahmen wirken die Aussagen und sind daher umso eindrücklicher. Widersprüche bleiben stehen, denn die Ereignisse wurden teilweise sehr unterschiedlich wahrgenommen und bewertet. An identifizierbaren Orten in München tauchen die Schicksale hinter den Verordnungen und Ziffern auf. Man verliert die Distanz und vergegenwärtigt sich jene Zeit, denn „Gegenwarten sind es, die einen Holocaust produzieren“ (Aleida Assmann). Es ist eine neue und angemessene Form der Erinnerung. Bis zu 1.000 Zugriffe pro Tag werden schon verzeichnet, Reaktionen kommen aus der ganzen Welt – auch das ein Vorteil eines virtuellen Kunstwerks.
Ein wichtiges Projekt gegen das Vergessen in einer zeitgemäßen und künstlerischen Form. Demnächst wird auch das NS-Dokumentationszentrum in München gebaut. Ein längst überfälliger Schritt für die einstige „Hauptstadt der Bewegung“.
ist Islam- und Kulturwissenschaftler und arbeitet für das Goethe-Institut.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2011
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de












