„Ein feines Gefühl“ – eine schockierende Studie über Soldaten im Zweiten Weltkrieg

Dass Soldaten töten, weiß man. Dass sie es häufig sogar gerne tun, kann man aus dem Buch „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer lernen. Die beiden Wissenschaftler haben Abhörprotokolle deutscher Kriegsgefangener aus dem Zweiten Weltkrieg ausgewertet und sind dabei zu irritierenden Erkenntnissen gelangt.
Es muss ein aufregender Moment gewesen sein, als der Historiker Sönke Neitzel die wissenschaftliche Bedeutung jenes Aktenstoßes erkannte, den ihm Mitarbeiter des britischen Nationalarchivs in London an einem verregneten Novembertag des Jahres 2001 auf seinen Arbeitstisch gelegt hatten. Was ursprünglich nur eine vage Hoffnung gewesen sein dürfte – es möge sich bei den von den Alliierten aufgezeichneten Lauschberichten deutscher Kriegsgefangener um neues, möglicherweise sogar spektakuläres Quellenmaterial handeln –, verdichtete sich nach oberflächlicher Durchsicht zur Gewissheit. Die Folge war ein intensives Aktenstudium, dessen Früchte erstmalig 2005 der Öffentlichkeit in einem Buch mit dem Titel Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft präsentiert wurden.
Sechs Jahre später liegt nun das Hauptwerk vor. Im Mittelpunkt der gemeinsam mit dem Essener Sozialpsychologen Harald Welzer verfassten 500-Seiten-Studie mit dem schlichten Titel Soldaten stehen diesmal allerdings nicht die Plaudereien hoher Wehrmachtsoffiziere, sondern die Unterhaltungen einfacher Soldaten. Entstanden ist ein ebenso faszinierendes wie erschreckendes Buch über den alltäglichen Wahnsinn des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges, das einmal mehr Hannah Arendts These von der „Banalität des Bösen“ bestätigt.
Heimlich abgehört
Zwischen 1940 und 1945 wurden von Briten und Amerikanern in eigens zu diesem Zweck eingerichteten Lagern rund 13.000 deutsche und einige hundert italienische Soldaten aller Ränge und Waffengattungen heimlich abgehört. Ziel war es, militärische Geheimnisse von möglicherweise strategischer Bedeutung in Erfahrung zu bringen. Ausgewählte Gesprächspassagen wurden wörtlich mitgeschrieben und zusätzlich mitgeschnitten. Entstanden sind auf diese Weise 150.000 Seiten Abhörprotokolle, die auch nach ihrer Freigabe 1996 in britischen und US-amerikanischen Archiven weitgehend unentdeckt vor sich hinschlummerten.
Tatsächlich stellen diese Gesprächsprotokolle eine wissenschaftliche Sensation dar – verfügen Historiker, die den Zweiten Weltkrieg untersuchen, damit doch über eine „authentische“ Quelle, über Egodokumente „in historischer Echtzeit“. Da die abgehörten Soldaten nicht wussten, dass sie belauscht wurden, und im Übrigen zu ihresgleichen sprachen – von Soldat zu Soldat –, darf davon ausgegangen werden, dass sie in ihren Unterhaltungen keinerlei Zurückhaltung übten: Sie redeten, anders als die Verfasser von Feldpostbriefen, Kriegstagebüchern oder Memoiren, offen über ihre Kriegserlebnisse, ohne politische oder ethisch-moralische Rücksichtnahmen, unzensiert, ungeschönt, häufig sogar in prahlerischer Absicht.
„Das hat Spaß gemacht“
Die Autoren nutzen die Protokolle in doppelter Hinsicht: Zum einen wollen sie herausfinden, was deutsche „Landser“ wirklich getan und vor allem gedacht haben. Zum anderen suchen sie nach Antworten auf die grundsätzliche Frage, wie menschenverachtende und
-vernichtende Gewalt entsteht, wie aus ganz normalen Männern, Familienvätern zumeist, innerhalb kürzester Zeit – dies ist eine der schockierendsten Erkenntnisse des Buches – brutale Killer werden können, die andere Familienväter, aber auch Kinder und Frauen, töten, ohne dabei Mitleid oder Skrupel zu empfinden.

Schockierend sind die berichteten Details und insbesondere das extreme Ausmaß an Gewalt, das in den Selbstzeugnissen zum Ausdruck kommt, sowie die Lust, das Vergnügen und der Spaß, die die Massentötungen den Wehrmachtssoldaten ganz offensichtlich bereitet haben. – Ein Beispiel von vielen: „Wir haben einmal einen Tiefangriff bei Eastbourne gemacht. Da kommen wir an und sahen ein großes Schloss, da war anscheinend ein Ball oder was, auf alle Fälle viele Damen in Kostüm und eine Kapelle. Das erste Mal sind wir vorbeigeflogen, dann haben wir noch einen Angriff gemacht und haben reingehalten. Mein lieber Freund, das hat Spaß gemacht.“ Ein anderes: „Es ist mir ein Bedürfnis geworden, Bomben zu werfen. Das prickelt einem ordentlich, das ist ein feines Gefühl. Das ist ebenso schön wie einen abzuschießen.“ Schockierend ist nicht zuletzt auch das fast völlige Fehlen von Widerspruch und Kritik auf Seiten der Zuhörenden: Moralische Bedenken werden kaum geäußert, mit Einverständnis darf gerechnet werden.
Die Logik des Krieges
Dieses allgemeine Einverständnis weist nach Ansicht der Verfasser der Antwort auf die Frage den Weg, wie solch (lustvoll erlebte) Gewaltexzesse möglich sind. Für die Soldaten sind Gewalthandlungen Teil ihres Alltags, etwas Selbstverständliches, Normalität. Ihre Gespräche sind Gespräche über den Alltag, über ihre Arbeit. Und diese Arbeit ist beziehungsweise war der Krieg. Die Soldaten empfinden daher auch keine Schuld, keine Reue: sie haben aus ihrer Sicht nichts Außergewöhnliches getan, sondern, unter allerdings außergewöhnlichen Umständen, ein – wenn auch blutiges – Handwerk verrichtet.
Fazit des Buches: „Soldaten töten, weil es ihre Aufgabe ist.“ Und sie versuchen diese Aufgabe so gut wie nur irgend möglich zu erfüllen – weil dadurch ihre Überlebenschancen wachsen, aber eben auch, weil Leistung und Erfolg mit Anerkennung belohnt werden. Für das Vernichtungshandeln der Wehrmachtssoldaten ausschlaggebend ist mithin nicht, wie man vermuten könnte, die nationalsozialistische Ideologie, sondern die Logik des Krieges. Der Krieg gebiert Ungeheuer: er verschlingt die Zivilmoral, lässt Soldaten verrohen, macht Familienväter zu Mördern.
Darin vor allem besteht die Leistung von Neitzel und Welzer: dass sie nicht moralisieren, sondern verstehen möchten, nicht nur eine sensibel kommentierte Innenansicht der deutschen Wehrmacht, sondern eine Mentalitätsgeschichte des Zweiten Weltkrieges präsentieren, die das Spezifische des nationalsozialistischen Vernichtungsfeldzugs von den allgemeinen Charakteristika und Eigenschaften eines Krieges zu scheiden erlaubt, ohne freilich das Grauen des weltanschaulichen Vernichtungskrieges dadurch zu relativieren. Die zitierten Dokumente belegen es, die Verfasser selbst lassen keinen Zweifel daran: Die Soldaten wussten über die Judenvernichtung Bescheid und haben an dieser Vernichtung in vielen Fällen selber aktiv mitgewirkt. Von einer „sauberen“ Wehrmacht kann jedenfalls keine Rede sein. Auch deswegen ist Soldaten ein wichtiges Buch!
Dr. phil., lehrt politische Philosophie und Ideengeschichte an der Hochschule für Politik München.
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Januar 2012
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