Politik und Zeitgeschichte in Deutschland – Panorama

„Wir stecken in einem strukturellen Dilemma“

Dr. Norbert Sievers (Foto: Privat) Wahrscheinlich nirgendwo auf der Welt gibt es eine ähnliche Dichte an Museen, Theatern und Opern wie in Deutschland. Aber die Kulturförderung gilt als reformbedürftig. Ein Gespräch mit Dr. Norbert Sievers, Geschäftsführer der Kulturpolitischen Gesellschaft.

Herr Dr. Sievers, als unabhängiger Verband engagiert sich die Kulturpolitische Gesellschaft seit über 30 Jahren für eine angemessene Förderung von Kultur in unserer Gesellschaft. Wie wird Kultur in Deutschland aktuell gefördert?

Das Besondere an der deutschen Situation ist, dass der Staat sehr stark bei der Förderung beteiligt ist – insbesondere, wenn es sich um Institutionen wie Stadt- und Staatstheater, große Museen und Opernhäuser handelt. Dabei decken Kommunen und Länder jeweils gut 40 Prozent der Mittel ab, der Rest wird vom Bund getragen. Darüber hinaus gibt es natürlich eine große Vielfalt an sogenannten Projektförderungen, mittels derer über öffentliche oder private Stiftungen, Ministerien oder Verbänden in kleineren Umfängen Gelder für zeitlich befristete Vorhaben bereitgestellt werden können.

Wie ist das denn in anderen Ländern organisiert?

Hier ist eben die staatliche Beteiligung weit weniger ausgeprägt. In den Niederlanden zum Beispiel wird ein Großteil der öffentlichen Kulturförderung über Fonds organisiert. Und in England gibt es eine eigenständige Einrichtung, das Arts Council, das die Gelder verteilt und gewissermaßen auf Armlängendistanz vom Staat Kultur fördert und eine gewisse unabhängige Stellung hat.

Befürchtung, in eine Abwärtsspirale zu geraten

Nun wird das deutsche Fördersystem schon seit Jahren immer wieder kritisiert. Erst jüngst haben vier Autoren in einer Streitschrift namens „Der Kulturinfarkt“ gegen die Rolle des Staates als kulturellem Erzieher polemisiert. Worum geht es in dieser Debatte?

Im Kern geht es um ein strukturelles Dilemma des deutschen Fördersystems. Augenblicklich ist es so, dass die großen Institutionen, vor allem die personalintensiven Theater und Opern, den allergrößten Anteil der Kulturmittel in Anspruch nehmen – in manchen Bundesländern bis zu 95 Prozent der Landesmittel. Das bewirkt einerseits einen ausgeprägten Konservativismus in der Kulturinfrastruktur: Bestehendes hat Vorrang, Neues muss dagegen ankämpfen, um überhaupt zum Zuge zu kommen. Andererseits fehlt es selbst den großen Akteuren an Mitteln, da das Fördervolumen nicht mehr mit dem Anspruch der Häuser mitwächst. Darunter hat die Qualität zu leiden, das Publikumsinteresse nimmt ab und das ganze System droht – so die Befürchtung der Infarkt-Autoren – in eine Abwärtsspirale zu geraten.

Die richtigen Schlüsse ziehen

Welche Möglichkeiten gibt es, hier gegenzusteuern?

Die herkömmliche Lösung ist, mehr Geld in das System der Kulturförderung zu geben. Aber diese Lösung ist gegenwärtig in vielen Städten und Ländern blockiert. Deshalb müssen sich die Kulturpolitiker jetzt vielerorts bescheiden und nach Auswegen suchen. Jahrzehntelang war Kulturpolitik geprägt von der Prämisse, man könnte durch ein immer größer werdendes Angebot auch den Anteil kultureller Partizipation in der Bevölkerung erhöhen. In Wahrheit stagniert dieser Anteil schon seit 30 Jahren. Viele Theater und Opern sind nun mal nicht mehr so ausgelastet, wie wir uns das vielleicht wünschen. So hart es klingt, aber was die Nutzung öffentlicher Angebote angeht, beobachten wir – nicht überall, aber in Gänze – eine deutliche Schrumpfung, vor allem im Bereich der Klassik-Angebote. Das müssen wir akzeptieren und die richtigen Schlüsse daraus ziehen.

Die da wären?

Konsolidierung, Kooperation, Fusion, aber auch die Aufgabe von Einrichtungen sind die Stichworte. Darüber hinaus sollten wir uns bewusst machen, dass unsere Art zu arbeiten und zu leben im Begriff ist, sich grundlegend zu verändern. Und das hat eben auch gravierende Folgen für den Kulturkonsum. Für die gebildete Mittelschicht der Großstädte, also die klassische Zielgruppe für Kulturveranstaltungen, ist der abendliche Theater- und Opernbesuch eben immer seltener kompatibel mit dem eigenen Lebensentwurf. Wer sich nach einem langen Bürotag noch aufrafft, aus der Wohnung zu gehen, tut dies immer häufiger, um Sport zu treiben, und nicht, um sich einen Bühnenklassiker im Staatstheater anzuschauen. In anderen Bereichen haben wir es wiederum mit anderen Verwerfungen zu tun, sei es dem Bevölkerungsrückgang in ostdeutschen Kommunen oder den speziellen Bedürfnissen von Menschen mit Migrationshintergrund – ganz abgesehen von dem Alterungsprozess der Gesellschaft, der auch auf den Kulturbesuch durchschlagen wird.

Das Angebot qualitativ anspruchsvoller machen

Was bedeutet das für die Kulturpolitik?

Ich fände es falsch, hier ausschließlich nach dem Quoten-Prinzip vorzugehen, also sich Strategien zu überlegen, wie man kulturelle Angebote stärker dem Prinzip von Angebot und Nachfrage überantworten und womöglich der Kulturwirtschaft anvertrauen kann. Meiner Meinung nach tun wir auch in Zukunft sehr gut daran, zwischen dem öffentlichen Bereich und dem, was in der Kultur- und Kreativwirtschaft passiert, zu trennen. Aber dies heißt natürlich nicht, dass man das Publikum und seine Interessen aus den Augen verlieren darf. Es wird darum gehen, das Angebot zu diversifizieren, konzentrieren, qualitativ anspruchsvoller zu machen. Vielleicht auch: weniger zu machen. Und vor allem: sich nichts vorzumachen. Damit wäre schon viel gewonnen.

Klaus Lüber
ist Kultur- und Medienwissenschafter und arbeitet als freier Autor für die „Süddeutsche Zeitung“, „Die Zeit“ und „Die Welt“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2012

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