Politik und Zeitgeschichte in Deutschland – Panorama

„Sie können niemanden einmauern“ – ein Gespräch mit Dr. Holger Kolb zur Abwanderung

Dr. Holger Kolb (Foto: Dr. Holger Kolb) Der Abwanderungstrend des letzten Jahrzehnts setzt sich fort. Über die Motive kann nur spekuliert werden. Vermutlich hängt viel von wirtschaftlichen Faktoren ab, meint Dr. Holger Kolb vom Sachverständigenrat Deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Herr Dr. Kolb, laut Statistischem Bundesamt wanderten im Jahr 2011 rund 678.000 Menschen aus Deutschland aus. Bedeuten die Abwanderungszahlen, dass Deutschland an Attraktivität verliert?

Deutschland hatte 2008 und 2009 sogar zwei Jahre einen negativen Wanderungssaldo: Da hat man immer gesagt, das ist alles ganz furchtbar, halb Deutschland wandert aus. Das lag aber zum Teil an der Einführung der Steueridentifikationsnummer. Dadurch wurden auch Personen erfasst, die längst abgewandert, aber noch nicht abgemeldet waren. Der Wanderungssaldo ist also zum Teil statistisches Artefakt. Es ist nicht so, dass jeder seine Beine in die Hand nimmt und flieht. Im Moment ist Deutschland eher ein Anziehungsmagnet als ein Abstoßungsmagnet. Die Abwanderung ist in der letzten Dekade trotzdem tendenziell gestiegen.

Warum wandern Menschen aus Deutschland aus?

Zu Motiven kann man wenig sagen, auch weil die Wanderungsstatistik darüber nicht informiert. In den Studien zu Abwanderungsmotivationen gibt es ein zentrales Problem: Sie befragen Leute, die in Deutschland leben. Zwischen einer Absichtserklärung auszuwandern und der tatsächlichen Verwirklichung dieser Absicht steht eine riesige Realisierungslücke. Man bekommt also nur Annäherungswerte. Man muss tatsächliche Abwanderer befragen, was aber methodisch schwierig ist.

Die Schweiz ist Auswanderungsland Nummer eins für Deutsche

Weiß man denn, wer auswandert?

Man kann sich anschauen, welche Berufsgruppen in welche Länder abwandern. Auswanderungsland Nummer Eins für Deutsche, insbesondere für deutsche Ärzte, ist die Schweiz. Wir wissen aus Einzelbefragungen, dass unter Ärzten in Deutschland große Unzufriedenheit herrscht – starke Hierarchien, wenig Aufstiegsmöglichkeiten – und die Bezahlung in der Schweiz ist sehr viel besser. Für bestimmte Berufsgruppen können wir also durchaus Aussagen treffen. Zwar haben wir auch eine Rentnermigration, beispielsweise nach Spanien. Doch der durchschnittliche Abwanderer ist prinzipiell jung und besser qualifiziert.

Neben der Schweiz erfreut sich aber auch die Türkei wachsender Beliebtheit. Türkeistämmige haben mit etwa 24 Jahren, die sie in Deutschland leben, mit die längste Aufenthaltsdauer. Warum wandern ausgerechnet so viele von ihnen heute Richtung Türkei aus?

Das wird ja stark diskutiert. Angesichts hoher und teils zweistelliger jährlicher Wachstumsraten in der Türkei ist davon auszugehen, dass sie generell für immer mehr Personen als Einwanderungsland attraktiv wird. Wegen der engen Handelsverflechtungen zwischen Deutschland und der Türkei sind dort natürlich gerade Personen, die sowohl türkisch als auch deutsch sprechen, gefragt.

Fremdenfeindlichkeit ist in Deutschland immer wieder ein Thema. Welche Rolle spielt sie in diesem Kontext?

Diejenigen, die in die Türkei abwandern, gehen nicht, weil sie es hier ganz schlimm finden oder sich über die Äußerungen von Thilo Sarrazin geärgert haben. Das sind oft hier geborene, gut qualifizierte Personen mit deutschem Pass und türkischem Migrationshintergrund. Es wäre wirklich interessant zu sehen, welche Rolle diese Motivkonstellationen – wirtschaftliche Möglichkeiten in der Türkei und Ausgrenzungsdiskurse in Deutschland – beim Gesamtabwanderungsgeschehen in die Türkei wirklich spielen. Momentan kann man nur mutmaßen.

Die EU ist wichtigster Wanderungsraum geworden

In den letzten Jahren stammten die meisten Auswanderer nicht-deutscher Herkunft aus EU-Ländern wie Polen, Rumänien und Bulgarien. Hat die Rückwanderung in diese Staaten ebenfalls mit der wirtschaftlichen Lage zu tun?

Bei Polen kann man davon ausgehen: Es hatte während der Wirtschaftskrise als einziges EU-Land kein negatives Wachstum. Es ist aber auch eine Folge der Freizügigkeitsrechte, die für Polen und Bulgarien seit 2011 gelten. Wenn ich innerhalb der Union beliebig oft hin und her wandern kann, ist der Anreiz stärker, für einige Jahre zurückzugehen und die Option auf Deutschland offenzuhalten. Überhaupt ist die EU wichtigster Wanderungsraum geworden. Wir sehen innereuropäisch stark wachsende Mobilitätszahlen und ein immer besseres Funktionieren eines EU-Arbeitsmarktes.

Hochqualifizierte wandern eher aus als gering Qualifizierte. Mit welchen politischen Instrumenten kann man sie im Land halten?

Politisch regulieren kann man lediglich die Zuwanderung, beispielsweise mit der im August 2012 in Kraft getretenen Blue Card, die erstmals Hochqualifizierten ohne Arbeitsvertrag die Zuwanderung zur Arbeitssuche nach Deutschland ermöglicht. Wenn ich feststelle, dass Krankenhausärzte massiv in die Schweiz fliehen, kann ich mir höchstens Gedanken über Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern machen. Aber Abwanderung kann man politisch nicht steuern. Den Versuch gab es ja mal in der deutschen Geschichte, aber er ist gescheitert. Sie können niemanden einmauern: Abwanderung ist im Gegensatz zu Zuwanderung ein völkerrechtliches Grundrecht.

Die Zahl der Fortzüge aus Deutschland ist in den letzten zehn Jahren laut Statistischem Bundesamt stetig gestiegen: 2011 waren es rund 40.000 Personen mehr als im Jahr 2006. Davon sind die meisten Ausländer, das heißt ohne deutschen Pass (etwa 578.800 von insgesamt 678.900 Fortzügen). Die größte Gruppe war die im Alter zwische 25 und 40 Jahren. Beliebteste Zielländer deutscher Auswanderer im Jahr 2010 waren die Schweiz (22.034), die USA (12.986) und Österreich (10.831), gefolgt von Polen (9.434) und der Türkei (4.735). Die meisten Nicht-Deutschen hingegen zogen von Deutschland nach Polen (93.803), Rumänien (48.231) und in die Türkei (31.298). Insgesamt war die Wanderung in EU-Länder höher als ins außereuropäische Ausland.
Jennifer Eschweiler
führte das Interview. Sie promovierte zum Thema „politische Beteiligung muslimischer Organisationen in Berlin“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Dezember 2012

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