Regierungsbunker – steinerne Zeugen des Kalten Krieges

Streng geheim waren die Regierungsbunker über Jahrzehnte. 20 Jahre nach dem Mauerfall öffnete nun der NRW-Bunker seine schweren Stahltüren für die Öffentlichkeit – und gewährt Einblicke in ein bizarres Stück Vergangenheit. Eine einfache Doppelgarage neben einem Einfamilienhaus, dahinter ein bewaldeter Hügel – so sieht die Tarnung für den ehemaligen Bunker der Landesregierung Nordrhein-Westfalen (NRW) in dem kleinen Eifel-Ort Kall-Urft aus. Von dort führt eine lange Treppe zu einer schweren Stahltür und drei Meter dicken Außenmauern. Es beginnt eine Zeitreise, die sich aus mehreren Kontrasten speist: zwischen dem Geheimen und nun Öffentlichen, dem Rückzugsraum für Privilegierte und der Schutzlosigkeit der Bevölkerung und schließlich zwischen dem, was mal topmodern war, und unserer heutigen Technik.
Gleich hinter dem Eingang ist der Dekontaminationsraum: „Es könnte ja sein, dass man verstrahlt ist“, erklärt der heutige Bunker-Besitzer Claus Röhling seinen Besuchern. Wer in den Bunker gewollt hätte, hätte zuerst duschen und seine Kleider entsorgen müssen. Für den Fall einer Reparatur draußen hingen Schutzanzüge und Gasmasken bereit. „Es wäre wahrscheinlich durch Los entschieden worden, wer das machen muss.“ Je weiter man in den Bunker vordringt, desto gegenwärtiger wird der Kalte Krieg - nicht zuletzt wegen der niedrigen Temperaturen.
Fröstelnd gehen die Besucher an mattschwarzen Bakelit-Wandtelefonen mit Wählscheibe vorbei ins „Referat ABC-Aufklärung“, einem von vielen schmucklosen Funktionsräumen. Claus Röhling greift zu einem „WaDuForm“ und erklärt das Warnamts-Durchsage-Formular: „Jeder Angriff bekommt eine Nummer, dann die Uhrzeit, wann er war und wo.“ Das Unkontrollierbare, das grausame Inferno nach einem Atomschlag, ist beherrschbar und verwaltbar – das ist die Grundfiktion, die dem Bunker zugrunde liegt und von seiner Fertigstellung 1962 bis zu seiner Still-Legung 1993 gepflegt wurde.
Besucher-Ansturm
Da, wo im Ernstfall 300 Menschen in bescheidener Enge 30 Tage hätten überleben sollen, drängen sich heute die Besucher. Im März 2009 öffnete Claus Röhling erstmals den Bunker für die Öffentlichkeit. Zusammen mit Jörg Diester, Mitarbeiter der Dokumentationsstätte Regierungsbunker in Ahrweiler, entwickelte er eine „Eifel-Bunker-Tour“. Sie verbindet den sogenannten Ausweichsitz der Landesregierung mit dem der Bundesregierung im Ahrtal bei Bonn.
Die ersten 150 Plätze für die Tour waren binnen weniger Tage ausgebucht, 2.000 Menschen ließen sich auf eine Warteliste setzen. „Die Faszination rührt daher, dass die Ausweichsitze damals als geheime Kommandosache an der deutschen Öffentlichkeit vorbei umgesetzt wurden“, sagt Jörg Diester. Immer wieder unfassbar sind die Dimension des Bundesregierungs-Bunkers: „Es war die größte Anlage dieser Art in Europa, da haben die Deutschen arg übertrieben.“ Der unterirdische Bunker war 17 Kilometer lang und für 3.000 Menschen ausgelegt. Sie hätten Platz gefunden in 936 Schlafräumen und 897 Büroräumen. Einer davon war besonders groß: Der Kabinetts-Saal maß 125 Quadratmeter – die Bundesregierung sollte ohne das Gefühl räumlicher Enge weiterregieren. Es gab sogar einen Frisörsalon. Die Baukosten betrugen 4,7 Milliarden D-Mark, der jährliche Unterhalt kostete rund 1,6 Millionen D-Mark.
Bunker als Gratisbeigabe
Alle Bundesländer waren verpflichtet, Ausweichsitze einzurichten. „Der NRW-Ausweichsitz in Urft ist bundesweit einmalig“, schwärmt der Bunker-Experte Jörg Diester. Er sei besonders gut erhalten und nun regelmäßig für die Öffentlichkeit zugänglich. Der Landesbunker im Saarland hingegen schimmele vor sich hin, der in Schleswig-Holstein sei nur gelegentlich zu besichtigen. Einzig in Baden-Württemberg gebe es eine kommerzielle Nutzung eines Ausweichsitzes: Dort lagerten Datenbackups der Landesregierung und von Weltkonzernen, so Diester. Darüber hinaus gab es Bunker von Behörden und Institutionen. So hatte zum Beispiel die Deutsche Bundesbank einen Schutzraum, in dem sie eine Ersatzwährung für die D-Mark eingelagert hatte – man hatte Angst vor Falschgeld im Krieg.
Mitunter war die Existenz von Behörden-Bunkern so geheim, dass selbst die Eigentümer nichts von ihnen wussten. So seien bereits öffentliche Liegenschaften mit unterirdischen Überraschungen verkauft worden, erzählt Jörg Diester.
Eine Gratisbeigabe war quasi auch der Bunker in Urft für Claus Röhling. Jedoch eine, von der beide Vertragsparteien wussten. Der Diplom-Ingenieur Röhling musste lediglich das Einfamilienhaus neben dem Bunker bezahlen, um die Betontrutzburg zu erwerben. Offenbar weil die Landesregierung so erleichtert war, die Hinterlassenschaft des Kalten Krieges, deren Bau einst zehn Millionen D-Mark gekostet hatte, in verantwortungsvolle Hände geben zu können. Röhling kannte den geheimen Bunker, weil sein Schwiegervater den Ausweichsitz in ständiger Bereitschaft gehalten hatte.
Arche Noah aus Beton
Die Frage, ob beispielsweise der Regierungsbunker in Ahrweiler Mitte der 1980er-Jahre im Kriegsfall wirkungsvoll gewesen wäre, kann Jörg Diester klar verneinen: „Der Bunker hatte an dem Tag, als sein Grundstein gelegt wurde, verloren, denn da hatte man sich festgelegt.“ Eine Anpassung an neue Bedrohungen und Waffensysteme war nur bedingt möglich. „Diese Arche Noah hatte schon, als sie noch voll funktionstüchtig war, einen großen Museumswert“, so Diester.
Zu den musealen Schätzen im Bunker der NRW-Landesregierung in Kall-Urft gehört auch ein Hörfunk-Studio des Westdeutschen Rundfunks (WDR). Dessen Originalausstattung aus den 1960er-Jahren löst immer wieder nostalgische Begeisterung aus. Von hier hätte der Ministerpräsident zur Bevölkerung sprechen sollen. „Der Sinn dieses Studios war aber auch, die Menschen zu beruhigen“, erklärt Claus Röhling. Er drückt mit einem schweren Klack den Startknopf einer alten Tonbandmaschine und gibt eine doppelte Kostprobe – von ihrer Funktionstüchtigkeit und dem bizarren Mix der Unterhaltungsmusik: Mit einem leisen Rauschen unterlegt singt Edith Piaf „Je ne regrette rien“.
Jörg Diester: Geheimakte Regierungsbunker. Tagebuch eines Staatsgeheimnisses. Verlagsanstalt Handwerk GmbH, ISBN 978-3-8650-003-4.
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.
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August 2009
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