Von Ampelmännchen und Ampelweibchen – die Berliner Gender Walks

Warum tragen viele Sackgassen Frauennamen, während Prachtstraßen oft nach Männern benannt werden? – Rund 30 Teilnehmer und Teilnehmerinnen erkunden an einem Dienstagabend die Innenstadt Berlins. Dabei beobachten sie ganz genau, sie fragen nach, achten auf Straßenschilder, Namen an Briefkästen, Monumente des öffentlichen Raums und auf Werbeplakate. Sie durchforsten die Stadt unter einer ganz speziellen Perspektive: mit dem Blick durch die Genderbrille.Die Teilnehmer, 22 Frauen und acht Männer, haben sich in der Zentrale der Gewerkschaft Verdi am Ostbahnhof zusammengefunden. Sie wollen während eines Stadtrundgangs, dem sogenannten Gender Walk, eine Sensibilität dafür entwickeln, Geschlechterspezifika im öffentlichen Raum besser wahrzunehmen.
Stadtrundgang mit der Genderbrille
Gender Walking ist kein neuer, gelenkschonender Freizeitsport. Die beiden Gender-Fachfrauen Stephanie Hüffell und Bettina Knothe haben den Stadtrundgang unter Gender-Perspektive 2004 als Seminarmethode entwickelt; als eine Methode, die nicht frontal in Seminarräumen vermittelt wird, sondern in den Straßen von Berlin. Die beiden Expertinnen gehen dabei von der These aus, dass sich ein jeder und eine jede als vielfältig geschlechtliches Wesen im Raum bewegt und diesen Raum mit einem ganz eigenen, genderspezifischen Ausdruck gestaltet.
„Der Raum prägt die Geschlechterverhältnisse und umgekehrt“, erklärt Stephanie Hüffell den Teilnehmern. Und nach einigen Trockenübungen im Verdi-Foyer und der Ermahnung, möglichst genau zu beobachten und zu hinterfragen, geht es schon los, über die Spree, mit der S-Bahn in Richtung Friedrichstraße. Schon in der Bahnhofsvorhalle stellt ein Teilnehmer die erste Frage: „Warum ist der Berliner Bär eigentlich keine Bärin?“
Die Route des Gender Walks, am Friedrichstadt-Palast vorbei und über das Regierungsviertel zurück zum Ausgangspunkt, wurde von den beiden Mitarbeiterinnen der Berliner Einrichtung Genderwerk bewusst gewählt, und doch ist sie austauschbar. Was einen beim Gang zur Arbeit oder beim gemütlichen Bummeln nie beschäftigt, regt beim Gender Walk plötzlich zum Nachdenken an: Hinter zwei Meter dicken Mauern im Kunstbunker hat sich der Unternehmer und Mäzen Christian Boros im ersten Stock ein Penthouse eingerichtet und stellt im Erdgeschoss Kunst aus. Wie viele der gezeigten Arbeiten stammen von Künstlerinnen?
Die Reinhardt-Straße, benannt nach dem Regisseur Max Reinhardt, ist eine lange Straße, doch, betont Stephanie Hüffell, dürfe man es sich nicht ganz so einfach machen. Dass alle großen Straßen männliche, alle kleinen Gässchen weibliche Namen tragen, stimme so nicht. Nach der Wende wurde darauf geachtet, neue Straßen verstärkt nach Frauen zu benennen. Im Berliner Stadtteil Neukölln gibt es gar ein ganzes Straßenviertel mit weiblichen Bezeichnungen. Quotenstraßen? Tatsache ist weiterhin, bedauert Stephanie Hüffell, dass trotz solcherlei Bestrebungen noch immer 90 Prozent aller Straßen Männernamen tragen.
Über Medizin und Gleichstellung, über Sphinx und Titanen
Vor einer gigantischen Stein-Skulptur bleibt die Gruppe stehen. Zu sehen ist ein gigantischer steinerner Ringkampf: Wer kämpft? Titanen gegen die Sphinx, die Skulptur symbolisiert den Sieg der Gesundheit über die Krankheit. „Die Gesundheit ist ein Kerl!“, stellt eine Teilnehmerin erbost fest, die Krankheit wird durch die weibliche Sphinx versinnbildlicht.
Bettina Knothe, promovierte Biologin, berichtet der Gruppe von der Charité, zu der die Skulptur gehört. Sie erzählt von dem renommierten Universitätsklinikum und einem ihrer verdienten Professoren: Rudolf Virchow. Ihm, der Pest und Cholera durch ein geschicktes Abwassersystem aus der Stadt vertrieb, ist das Monument geweiht.
Warum steht auf dem Sockel keine Frau? Bis Anfang des 20. Jahrhunderts, erklärt Knothe, gab es nur Männer an der Charité, Frauen durften nicht studieren, geschweige denn als Ärztinnen praktizieren. Die erste deutsche Professorin war Rachel Hirsch, eben an der Charité, sie musste für ihr Studium noch in die benachbarte Schweiz gehen. Zwar sind auch heute von 24 akademischen Stellen an der Charité nur vier mit Frauen besetzt, nahezu ein Gleichgewicht herrscht hingegen in den Führungsebenen des Klinikums, und, freut sich Knothe, die Charité verfügt als erstes Krankenhaus Deutschlands über einen Fachbereich namens „Gender und Gesundheit“.
Nachdenken über „der“ und „die“
Die Gruppe setzt sich wieder in Bewegung, vorbei an der Kneipe Zum Kanzler-Eck. Warum heißt sie nicht Kanzlerinnen-Eck? Und warum heißt die Kronprinzenbrücke nicht Kronprinzessinnenbrücke, warum heißt die Konrad-Adenauer-Allee nicht Angela-Merkel-Allee und warum eigentlich ist das Berliner Ampelmännchen kein Ampelweibchen? Der Genderwalk liefert keine Antworten auf diese Fragen, aber er sensibilisiert, er regt die Teilnehmer zum Nachdenken an. Und das wirkt.
Der Genderwalk ist längst vorbei, der Abend endet in der Böse-Buben-Bar. Das kann kein Zufall sein. Liegt hier nun eine grobe Gender-Ungerechtigkeit vor? Oder aber ist der Name einfach seinem wohlklingenden, dreifachen B geschuldet?
lebt als freie Autorin und Redakteurin in München.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2009
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de










