„Alle Orte und Daten sind doppelt und dreifach besetzt.“ – Thomas Macho über das Feiern in der Berliner Republik

Die für das Themenjahr „20 Jahre Mauerfall“ zuständige Agentur „Kulturprojekte Berlin“ hat 2009 rund zwei Millionen Menschen gezählt, die die Jubiläumsfeierlichkeiten in die Hauptstadt gelockt haben. Eine Million allein sahen die Ausstellung „Friedliche Revolution 1989“ auf dem Alexanderplatz, 250.000 erlebten am 9. November im strömenden Regen das „Fest der Freiheit“ und 15.000 haben sich an der Dominoaktion beteiligt, darunter 240 Berliner Schulen und 100 Unternehmen. Die erfolgreiche Bilanz eines Erinnerungsjahres? Goethe.de sprach mit dem Kulturwissenschaftler Thomas Macho von der Humboldt-Universität Berlin über die Dramaturgie des Jubiläums. Herr Professor Macho, Sie forschen über Rituale, Feiern und Festtage – hat sich in Deutschland eine bestimmte Form des Gedenkens entwickelt?
Nein, es gibt keine absolut konsensfähigen und nicht hinterfragbaren staatlichen Rituale so wie in den USA oder in Frankreich. Das liegt möglicherweise auch daran, dass die Nationalfeiertage in Deutschland sehr jungen Datums sind und noch dazu mehrfach gewechselt wurden: mal sollte es der 23. Mai, der Tages des Grundgesetzes sein, dann war es der 17. Juni, dann wurde es der 3. Oktober, und in der DDR feierte man den 7. Oktober, den Tag der DDR-Gründung.
Warum braucht man einen Nationalfeiertag?
Gedenktage stiften Dynastien, bezeugen die Herrschaft eines Königshauses, markieren den Beginn einer Epoche, eines Umsturzes. In den Zeiten der Gründung der Nationalstaaten sollten sie zu einer kollektiven Identität führen, wie etwa der 14. Juli, zur Erinnerung an den Sturm auf die Bastille in Paris, oder der 4. Juli in den USA. Revolutionstage, Gründungsjubiläen, Unabhängigkeitserklärungen – das alles sind Anlässe. Oft und gern geraten sie auch total in Vergessenheit. Höchstens jeder zweite Österreicher weiß noch, was der Anlass für den Nationalfeiertag am 26. Oktober war, nämlich die Erklärung der immerwährenden Neutralität. Und einmalig in der Geschichte der Nationalfeiertage ist es, dass ein deutscher Bundeskanzler, nämlich Gerhard Schröder, den 3. Oktober aus ökonomischen Gründen einfach abschaffen und mit dem nächsten kalendarischen Sonntag zusammenlegen wollte.
Der 9. November ist ziemlich „verbrannt“
Wieso ist der 9. November so schwierig – immerhin ist an dem Tag die Mauer gefallen und 1918 wurde die erste Republik ausgerufen?
Aber am 9.11.1938 ereignete sich auch die Pogromnacht, der Beginn einer beispiellosen Verfolgung der Juden. Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle wurde am 9.11.1923 unternommen. Nein, der 9. November ist in der deutschen Geschichte ziemlich „verbrannt“. Dass die Nazis sich gerade dieses Datum aussuchten, hängt ja nicht nur mit der Novemberrevolution 1918 zusammen, sondern auch damit, dass die Demokraten lange am 9. November Schillers Geburtstag feierten und der Hinrichtung des Paulskirchenabgeordneten Robert Blum im Jahre 1848 gedachten.
Also ein mindestens doppelt belegtes Datum ...
Diese Mehrdeutigkeit der Geschichte erleben Sie in Berlin auf Schritt und Tritt: Die Neue Wache Unter den Linden als zentrale Gedenkstätte – an wen? An die „Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft“ heißt es offiziell. Sind damit auch die Opfer der stalinistischen Justiz in der DDR gemeint? Auch die Verfolgten und Vertriebenen nach Kriegsende? Oder nehmen Sie die jahrelangen Debatten um das Holocaustmahnmal in der Nähe des Brandenburger Tors – ist das nun ein Grabstein allen Gedenkens, ein Schlusspunkt, wurde gefragt? Und ganz aktuell: der Wettbewerb um ein Denkmal für die Aktivisten der friedlichen Revolution in der DDR im Jahre 1989. Der ging so vollständig daneben, dass er jetzt im Februar 2010 wiederholt werden muss. Keiner der 532 Vorschläge konnte sich durchsetzen.
War das anders, als Bonn noch Hauptstadt war?
Jedenfalls war man da pragmatischer. Es gab auf dem Bonner Nordfriedhof ein Grabmal für die Opfer des Krieges, wo die ausländischen Gäste hingeführt wurden – und das war es. Die Journalisten nannten den Ort respektlos „Kranzabwurfstelle“. Niemand wollte große Gesten oder Rituale, nach den Erfahrungen mit dem „Tausendjährigen Reich“ setzten die Politiker auf Nüchternheit und betont schlichte Gesten. In Berlin wurde das anders – da bewegt man sich jeden Meter auf historischem Boden.
Ein bisschen albern
Wie fanden Sie denn nun die Feiern zum 20. Jahrestag des Mauerfalls?
Ehrlich gesagt, etwas albern. Die vielen Dominosteine, das Umstoßen, die musikalische Untermalung – das war doch alles etwas zu spielerisch. Die Mauer war nun mal keine wackelige Angelegenheit, die stand ganz schön fest, und es sind an ihr viele Menschen zu Tode gekommen. Mir war das alles zu glatt, zu wenig provokant, zu sehr fürs Fernsehen gemacht.
Deswegen trat ja wohl auch der Spaßmacher Thomas Gottschalk auf?
Ja, das ist etwas, was in den 1990er-Jahren mit der Berliner Republik entstand: Events, Spaß, Amüsement, Unterhaltung – da zeigt sich der Einfluss einer vom Privatfernsehen geprägten Medienkultur. Wenn in Berlin gefeiert wird, sind immer die Würstchenbuden, die Kindertrampoline, die Kletterwände, die Biertheken und die Ramschverkäufer dabei. Das kulminierte im berühmten Fußballsommer während der Weltmeisterschaft 2006.
Also meinen Sie, dass die Deutschen in Berlin gerne feiern, egal was?
Kaum eine Stadt eignet sich besser dazu: die breiten Boulevards, die großzügigen Flächen, die Parks, die Biergärten – Berlin hat jede Menge Platz. Und selbst wenn da hunderttausend kommen oder eine halbe Million, kann man immer noch feiern ohne allzu großes Gedränge.
stellte die Fragen. Er ist freier Journalist und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung (www.thomas-ppr.de).
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Februar 2010
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