Museen als Foren des interkulturellen Dialogs – Interview mit Susanne Popp

Nationalmuseen sollen in Zukunft eine vielschichtige Sicht auf die Geschichte und Kultur der Staaten Europas und auf Europa als Ganzes eröffnen. Die Europäische Union hat für diese Neuausrichtung das Programm „Eurovision – Museums Exhibiting Europe“ (EMEE) aufgelegt. Ein Gespräch mit der Koordinatorin Susanne Popp, Professorin für Didaktik der Geschichte der Universität Augsburg.Frau Popp, worum geht es bei Ihrem Projekt und warum spielt der eher untypische Museumsbesucher dabei eine große Rolle?
Der „Distant Museums Visitor“, der kaum ins Museum geht, stellt einen Schwerpunkt des Projekts dar. Das Museum als ein Produkt des 19. Jahrhunderts war immer auf eine bestimmte Bildungsschicht ausgerichtet. Diese Bildungsschicht ist jedoch einem demografischen Wandel unterworfen und deshalb müssen Konzepte gefunden werden, um auch andere soziale Schichten für das Museum zu gewinnen. Außerdem geht es in diesem Projekt um historische Museen. Durch die multikulturelle Entwicklung der europäischen Gesellschaften steht natürlich das klassische historische Nationalmuseum, das einst dazu da war nationale Identitäten zu stärken, vor einer Herausforderung. Diese Umstellung auf eine multikulturelle Gesellschaft ist ein weiterer Projektschwerpunkt.
Werden also alle europäischen Museen in Zukunft ein einheitliches Geschichtsbild vermitteln?
Viele Museumsfachleute wollen eigene Europamuseen aufbauen. Manche dieser Projekte kommen nicht voran, einige solcher Museen bestehen auch schon. Unsere Überzeugung ist es, dass Europa nicht neben dem Nationalstaat steht, sondern etwas ist, das sich vermischt, wie auch im Alltag der Bevölkerung und in der Wahrnehmung der Menschen. Wir suchen vielmehr Wege die Museumsobjekte so zu präsentieren, dass sie mehrfache Bedeutung bekommen. Eben solche Objekte, die zunächst eine nationale Bedeutung haben, bei denen man aber auch die europäische oder globale Bedeutung sichtbar macht. Ein überall gleiches Geschichtsbild soll damit nicht vermittelt werden.
Ein Beispiel?
Trachten und auch Uniformen, was übrigens das Gleiche ist, werden immer als ganz starke Identitätsgeber für eine Region oder eine Nation gesehen. Dabei haben die Trachten gar keine so alte Tradition. Erst im 19. Jahrhundert kamen sie europaweit im Zuge des Nation Building als eine Mode auf, die an lokale Traditionen anknüpfte und die die nationale Identität stärkte – oft auf eine sehr künstliche Weise. Wir wollen zeigen, dass zwar jede Tracht etwas Nationales ist, aber dass es sich zugleich auch um ein europäisches Phänomen handelt. Trachten zeigen auch Ideenwanderungen. Zum Beispiel ist die ungarische Tracht mit den bunten Bändern eigentlich etwas, das aus den Verkleidungsspielen des englischen Adels stammt, bei denen man sich die Ungarn mit solchen Bändern vorstellte. Diese Idee ist dann im 19. Jahrhundert tatsächlich nach Ungarn gewandert und dort in die eigene Tradition aufgenommen worden.
Was ist das eigentliche Ziel von „Eurovision“?
Die Museen sollen nicht alle auf die gleiche Weise europäische Geschichte darstellen. Wir wollen vielmehr Muster erarbeiten, wie man die eindimensionale Darstellung der Ausstellungsstücke in Museen in etwas Vielschichtigeres umwandeln kann. Das ist eine ganz neue und auch schwierige Aufgabe, bei der wir uns auch von Künstlern unterstützen lassen. So wollen wir Ideen entwickeln, die andere Museen übernehmen können.
Orte der Auseinandersetzung statt Kulturtempel
Kann man diese eindimensionale Sichtweise in historischen Museen mit den national sehr unterschiedlichen Inhalten von Schulbüchern vergleichen? Ein deutsches und ein französisches Geschichtsbuch beispielsweise berichten auf verschiedene Weise über dasselbe Ereignis.
Ja. Die Sichtweisen aller Beteiligten einzubringen, ist eine weitere Möglichkeit, um ein umfassenderes Bild zu schaffen. Im Museum kann man dies etwa mit Bildern darstellen: Wie haben zu bestimmten Zeiten die Polen Deutschland wahrgenommen? Und wie war es umgekehrt?
Sehen Sie die Museen der Zukunft als ein Forum des interkulturellen Dialogs?
Auf jeden Fall. Und genau darauf wollen wir mit unserem Projekt hinaus. Das Museum soll nicht ein Bildungs- und Kulturtempel bleiben, sondern ein Ort der Auseinandersetzung werden, wobei wir aber nicht das ganze Museum verändern wollen, sondern nur Teile.
Wird diese Ausrichtung nicht vor allem ein junges Publikum ansprechen?
Ja. Die jüngeren Besucher zeigen sich oft aufgeschlossener für ungewohnte Sichtweisen. Diejenigen hingegen, die ein traditionelles Nationalmuseum besuchen, wollen sich sowohl in ihrem Habitus als auch in ihren Sichtweisen bestärkt sehen. Es geht uns ganz klar um das jüngere Publikum. Die Nationalmuseen sollen aber auf keinen Fall aufgelöst werden.
Was wird mit den Ergebnissen Ihres Projekts geschehen?
Zum einen sollen die Ergebnisse in die Museumsaus- und -fortbildung und in die Museumspädagogik einfließen – und zum anderen in die Geschichts- und Kunstlehrerausbildung. Dazu entwickeln wir Workshop-Modelle. Zudem sollen die Inhalte als Module an den Universitäten angeboten werden.
stellte die Fragen. Sie ist freie Wissenschaftsjournalistin in München.
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Juni 2012
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