Südafrika

Die Ruhe vor dem Sturm

picture alliance 1968 war wohl das politischste Jahr des 20. Jahrhunderts und weil damit so viele Hoffnungen verknüpft waren, erregt dieses Jahr wie kaum ein anderes auch heute noch die Gemüter. Die Ereignisse in Europa gefährdeten in mehreren Ländern die politische Stabilität und in den USA sorgte die Antikriegsbewegung dafür, dass der amtierende Präsident Lyndon B. Johnson auf eine erneute Kandidatur verzichtete.

In Südafrika wehte 1968 ein rauer Wind. Es war ein hartes Jahr und das grimmige Gesicht von Premierminister John Vorster war allgegenwärtig. Ein Biograf beschrieb Vorster als einen „kalten, sehr förmlichen, sogar unhöflichen“ Mann, der „seinen Gegnern und Kritikern gegenüber ernst, unflexibel, ängstlich und intolerant war.“ Mit all diesen Adjektiven ließe sich auch das Jahr 1968 in Südafrika beschreiben. Aufgrund der politischen Repressionen zeigte sich kaum noch Widerstand gegen die Apartheid. Eine umfassende Zensur und massive Kontrollen erschwerten den Zugang zu den Schriften und der Literatur, die anderswo die Debatten beflügelten. Daher wurde Mao, dessen Rotes Buch in Europa so einflussreich war, hier kaum gelesen.

Neue Formen des Widerstands

Welche direkten Auswirkungen hatten die Ereignisse, die 1968 andernorts stattfanden, auf Südafrika? Natürlich wurden die Geschehnisse von einem Teil der Bevölkerung mit großem Interesse verfolgt, von Schwarzen genauso wie von Weißen. Aber für die politische Entwicklung in Südafrika selbst waren sie eher von marginaler Bedeutung, wenngleich sie auch hier nicht ganz wirkungslos blieben. Gebannt verfolgten die hiesigen studentischen Aktivisten die Unruhen in Frankreich im Mai und Juni des Jahres. Angesichts der hartnäckigen Beständigkeit des politischen Systems in Südafrika schien es unvorstellbar, dass ein Bündnis von Arbeitern und Studenten die Regierung eines großen, westlichen Landes zu Fall bringen sollte.

Der „Rote Danny" (Daniel Cohn-Bendit) und Rudi Dutschke waren die neuen Helden der studentischen Linken Südafrikas und die in Europa bereits erprobten neuen Widerstandsformen sollten schon bald an der Universität von Kapstadt ihre Anwendung finden. Einflussreicher als die Geschehnisse in Europa waren vermutlich jedoch die Ereignisse in den USA. Die Attentate auf Martin Luther King und Robert Kennedy gingen den Menschen in Südafrika sehr nahe. Trotz der Politik des Kalten Krieges wurden die USA damals als potentielle Verbündete im Kampf gegen die Apartheid betrachtet und die Schwarzen identifizierten sich sehr stark mit der dortigen Bürgerrechtsbewegung.

Die eingeschmuggelten Träume Martin Luther Kings

Als Martin Luther King seine Stimme dagegen erhob, dass den Schwarzen in den USA die Bürgerrechte verwehrt wurden, sah man in ihm auch einen Fürsprecher für die schwarzen Südafrikaner und deren Kampf gegen die Apartheid. Der Zensur zum Trotz konnten einige Mitschnitte von Kings berühmter Rede „Ich habe einen Traum..." nach Südafrika geschmuggelt werden. Ähnlich wie die sowjetischen Samisdat-Texte wurden diese Aufnahmen dann unter der Hand weitergereicht und so in Umlauf gebracht. Als King im April des Jahres ermordet wurde, waren die Trauer und die Wut darüber in den Townships besonders spürbar.

Aber die Apartheidregierung zeigte sich weniger betroffen. Kaum jemand, der damals diese Nachricht im Radio gehört hat, wird je vergessen wie der südafrikanische Rundfunksender SABC den Tod von Martin Luther King bekannt gab. Ohne dass in irgendeiner Weise auf sein Lebenswerk und seine Botschaft eingegangen wurde, hieß es dort, dass „nach dem Attentat auf den Negerbürgerrechtler Martin Luther King in den USA schwere Unruhen ausgebrochen“ seien. Der rassistische Unterton und die Genugtuung über seinen Tod waren nicht zu überhören.

Zwei Monate später löste die Ermordung Robert Kennedys eine erneute Welle großer Anteilnahme aus. Zwei Jahre zuvor hatte der Südafrika-Besuch Kennedys für viel Wirbel gesorgt. Ein Kommentator berichtete, es sei gewesen, als ob jemand die Fenster eines muffigen Raumes aufgerissen und frische Luft herein gelassen hätte. Kennedy wurde überall von begeisterten Massen gefeiert, sogar in Stellenbosch. Für die regierende National Party war der Besuch ein Propaganda-Desaster erster Güte. Der Opposition aber zeigte er, dass die Welt auf ihrer Seite stand, und verhalf ihr nach dem Rivonia-Prozess wieder zu mehr Selbstvertrauen.

Studentenproteste in Kapstadt

Was sich am 16. August 1968 an der Universität von Kapstadt ereignete, schien wie eine Verheißung darauf, dass die Unruhen anderswo in der Welt nun auch in Südafrika konkrete Auswirkungen zeigen würden. An jenem Tag versammelten sich dort etwa 1000 überwiegend weiße Studenten und verurteilten die Entscheidung der Universität, eine Dozentenstelle, die bereits dem damals in Cambridge lehrenden schwarzen Südafrikaner Archie Mafeje zugesagt worden war, nachträglich doch mit einem Weißen zu besetzen. Im Anschluss an die Versammlung marschierten 300 Studenten zum Verwaltungsgebäude der Hochschule, aber anstatt wie sonst vor den Türen im Hof Halt zu machen und eine an den Rektor Richard Luyt gerichtete Petition einzureichen, besetzten sie das Gebäude und blieben zehn Tage dort.

Die Aktion der Demonstranten, zu deren Wortführern Duncan Innes und Rafi Kaplinsky (auch der „Rote Rafi" genannt) zählten, sorgte bei der Regierung für große Empörung, war aber so medienwirksam wie keine andere studentische Protestform zuvor. Es gelang den Studenten allerdings nicht, die Berufungskommission umzustimmen. Diese hatte ursprünglich Mafeje als besten Bewerber ausgewählt, dann aber dem Unmut und den Drohungen der Regierung nachgegeben und die Entscheidung rückgängig gemacht. Das Verhalten der Kommission teilte den Campus in zwei Lager und hatte zur Folge, dass der Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät, Maurice Pope, aus Protest sein Amt niederlegte.

Entscheidender war jedoch eine Entwicklung, die 1968 an den Universitäten der Schwarzen ihren Anfang nahm. Vor dem Hintergrund der wachsenden Black Consciousness Bewegung beschloss der Student Steve Biko, dass es für die schwarzen Studenten an der Zeit sei, ihrer eigenen Wege zu gehen. Zu diesem Zweck trat er aus dem von Weißen dominierten Studentenverband NUSAS aus und gründete die South African Students Organisation (SASO). Damit zollte er auch der Ansicht Fanons Respekt, dem zufolge ein Volk um frei zu sein, davon überzeugt sein müsse, seine Freiheit verdient zu haben. In diesem Sinne sagte die SASO der mentalen Selbstversklavung der Schwarzen den Kampf an, und das sollte nicht nur die Hochschulpolitik, sondern die gesamte Politik Südafrikas nachhaltig verändern.

Sanktionsmaßnahmen gegen die Apartheid

Zu einer anderen bedeutenden Begebenheit kam es 1968 im Sport. Die Regierung legte in jenem Jahr ein Veto dagegen ein, dass der englische Marylebone Cricket Club (MCC) den schwarzen, eigentlich aus Südafrika stammenden Spieler Basil D’Oliviera für ein in dessen Heimat stattfindendes Tournier aufgestellt hatte. D’Oliviera war Jahre zuvor nach England ausgewandert, weil es ihm aufgrund seiner Hautfarbe verwehrt geblieben war, für sein Land zu spielen, und hatte dort die britische Staatsbürgerschaft erlangt. Vorsters Veto empörte die britische Öffentlichkeit so sehr, dass sich die Verantwortlichen des englischen Cricketverbands nach anfänglichem Zögern gezwungen sahen, dem Druck nachzugeben und die Länderspiele abzusagen. Diese Entscheidung trug zu einer wachsenden internationalen Isolierung des südafrikanischen Sports bei und zog auch auf anderen Gebieten weitere Sanktionsmaßnahmen gegen das Apartheidregime nach sich.

1968 befand sich der Kampf für ein neues Südafrika an einem Tiefpunkt. Die Zeit zwischen dem sogenannten Rivonia-Prozess Mitte der 1960er und den Arbeiterunruhen Anfang der 1970er ist in dieser Hinsicht auch als „die Flaute" bezeichnet worden. Aber hinterher ist man immer klüger, und wenn man heute auf das Jahr 1968 zurückblickt, lässt sich erkennen, dass voneinander unabhängige Geschehnisse damals in Südafrika Entwicklungen in Gang gesetzt haben, die schließlich zur Abschaffung der Apartheid beigetragen haben.

John Daniel, Professor für Politikwissenschaft (a.D.) und
Peter Vale, Nelson Mandela Professur für Politikwissenschaft, Rhodes University

Übersetzung: Julia Rickers
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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