Künstlerische Auseinandersetzung

Die tschechische Literatur über die Zeit vor der Wende vom November 1989

Nicht etwa, dass zum Beginn der 90er Jahre ein dramatischer Mangel an Literatur über die Zeit vor der Wende geherrscht hätte – ganz im Gegenteil – die Verlage machten sich eifrig an die Herausgabe der Werke, die im Kommunismus nicht erscheinen durften, da sich deren Autoren bei der herrschenden Klasse unbeliebt gemacht hatten: entweder durch aktive bürgerliche Haltungen oder künstlerische Ausdrucksformen, mit denen sie die Anforderungen an die offiziell herauszugebenden Titel nicht erfüllten. Doch rasch wurde einerseits der Leserhunger nach den früher durchgepausten Werken gesättigt, andererseits wurde es immer offensichtlicher, dass es einen Unterschied geben würde zwischen der Literatur, die während der kommunistischen Herrschaft entstanden war, und derjenigen, die danach entstehen sollte. Denn - wenn der Mensch in einer Sache "mitten drin" ist, dann ist das etwas anderes, als wenn diese Sache bereits "vorbei" ist. Dies ist eine allgemeine menschliche Erfahrung und der europäische Kontinent hat dies im letzten Jahrhundert bereits vor dem Fall des Kommunismus zumindest zweimal erlebt - nach der Beendigung beider Weltkriege.

Beim Warten darauf, wer von den Schriftstellern der kommunistischen Vergangenheit die Stirn bieten würde, trat Schritt für Schritt, keinesfalls jedoch ausdrücklich oder ausgesprochen, dennoch offensichtlich das Erbe der Verhältnisse vor dem November zu Tage. In den Literaturkreisen – damit ist das Umfeld der Verlage, der Literaturzeitschriften, der Literaturkritik und der akademischen Gemeinde gemeint – wurde das Warten auf eine Stimme lauter, die nicht aus einem der vorhergehenden Lager stammt: weder aus dem Kreise der Dissidenten, noch aus dem Kreise der offiziell herausgegebenen und protegierten Künstler. Einerseits war dies eine berechtigte oder auch logische Erwartung, da die bürgerliche und künstlerische Brandmarkung durch die politische Biopolarität Gedankengut in bestimmten Schemen mit sich brachte und die Zeit gekommen war, sich davon zu verabschieden. Doch andererseits äußerte sich dadurch der verborgene Wunsch des überwiegenden Teils der Literaturkreise, die Bestandteil der allgemeineren Verhältnisse waren.
Da der Großteil der tschechischen Gesellschaft in verschiedenem Maße mit dem vorhergehenden Regime kollaboriert hatte, verspürte man gegenüber der Dissidenteninsel eine gewisse Feindseligkeit oder auch Wachsamkeit, was dann auch nicht an den Literaturkritikern oder -historikern vorbeiging, die bereits vor der "Samtenen Revolution" öffentlich tätig waren, wenn auch nicht in Positionen von Regimeexponenten, sondern eher in der sog. "Grauzone".

Diese Erwartung durchbrach im Jahre 1992 Michal Viewegh (1962) mit seinem Roman "Báječná léta pod psa" [Blendende Jahr für Hunde], einer liebenswürdig ironischen Sichtweise auf eine "kleine tschechische" Familie, die in einer Kleinstadt auf die Absurditäten des Lebens im Kommunismus stößt. Viewegh debutierte im Jahre 1990, er war somit "rein", doch bereits durch seine vorhergehende Laufbahn als Absolvent der Philosophischen Fakultät und als Lehrer gehörte er zu jener Grauzone. Für einen Teil der Kritik war Viewegh somit "unser" Mann, d.h. ein zu begrüßender und gefeierter Autor, für den anderen Teil der Kritik war er jedoch "deren" Mann, der ein verwaschenes, im Wesentlichen idealisiertes Abbild der Vergangenheit vermittelt. Blendende Jahre für Hunde – wurde neben dem Umstand, dass dieses Werk bei den Lesern außerordentlich erfolgreich war, auch zu einer Art Referenzpunkt im Thema "tschechische Literatur in der Zeit nach dem November 1989". Als dann allmählich weitere prosaische Werke erschienen, die das Leben in der Tschechoslowakei vor der Wende reflektierten, zeigte sich schnell, das die sog. "verdienten Namen" rein gar nichts garantieren. Das war der Fall zum Beispiel beim Roman von Ivan Klíma (1931) Čekání na tmu, čekání na světlo [Warten auf Dunkelheit, Warten auf Licht] (fertig gestellt und herausgegeben im Jahre 1993). Der populäre und im Ausland häufig herausgegebene Autor verflocht in diesem Buch die Geschichten eines Kameramanns vom Fernsehen aus der Zeit der sog. Normalisierung, eines zum Tode verurteilten Häftlings und des tschechoslowakischen Präsidenten und Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Gustáv Husák, wobei dieser Roman jedoch zur Zeit seiner Erscheinung einen müden und schematischen Eindruck hinterließ ...

Jiří Kratochvil (1940) war ein ganz anderer Fall. Solitér durch und durch, gehörte er weder zur Grauzone, noch zu den Dissidenten. Offiziell debutierte er Ende der 60er Jahre, dann hatte er eine lange Publikationspause, in der er fast wie besessen schrieb, sich aber nicht der breiten Palette von Künstlern zuordnete, die über Samizdat vertrieben wurden. Dafür nahm das Publikationstempo von Kratochvil in den 90er Jahren beträchtlich an Intensität zu, wobei er teilweise das, was er in der Schublade verstaut hatte, und zum größeren Teil neue hervorragende Werke veröffentlichte. Darin verstand er die Ära vor der Wende auf stark ironische und humorvoll groteske Weise, bzw. eine jede Vergangenheit und aktuelle Gegenwart wurde über die Imagination des Autors und die narrative Energie in die Geschichten eingeflochten. Von der ganzen Reihe der Titel dieses Autoren seien wenigstens die folgenden genannt: Avion (1995), Siamský příběh [Siamesische Geschichte] (1996), Nesmrtelný příběh [Unsterbliche Geschichte] (1997) oder das bislang letzte Opus von Kratochvil, der Roman Herec [Schauspieler] (2007).
Kratochvil trug nicht nur mit seinen Prosawerken, sondern ebenfalls mit seinen Essays, in denen er begrüßte, dass sich die Literatur endlich auch sich selbst widmen kann, zur Entfaltung des Fächers der möglichen Sichtweisen auf die Vergangenheit und deren literarische Erfassung bei (übrigens ist die hier vermittelte Grundinformation auch nur eine der Möglichkeiten, wie man die tschechische Literatur nach der Wende betrachten kann). Wie nun die 90er Jahre fortschritten, wurde die Vergangenheit vor November 1989 zu einem der natürlichen und frequentierten Themen, was jedoch nicht bedeutet, dass das Warten auf DAS WERK vollkommen ins Abseits geraten wäre, das auf epochale Weise gerade über diese Vergangenheit eine Aussage treffen würde. Es wird aber immer offensichtlicher, dass dieses Werk wohl doch nicht kommen wird, da sich die Funktionen und Möglichkeiten der Literatur mit der historischen Zeit wandeln und die gedanklichen Ansätze oder die ästhetischen Vorstellungen - sagen wir aus den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts - nicht mechanisch in die Gegenwart übertragen werden können.

Als Beispiel für eine weitere und deutlich andere Stimme in der tschechischen Literatur kann der Roman von Ivan Landsmann (1949) Pestré vrstvy [Bunte Schichten] (1999) angesehen werden. Dieses Buch hat zwei Teile. Der erste spielt in den Tagebauen von Ostrava unter den Bergleuten, der zweite zeichnet die Emigration des Helden auf. Der Bergarbeiterteil beschreibt mit außerordentlicher Ausdrucksrohheit und sprachlicher Authentizität das Umfeld dieses "Arbeiteradels", der vom kommunistischen Regime finanziell bevorzugt, offiziell bewundert, doch im Wesen ausgebeutet und missbraucht wurde.
Ebenso wie die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit im politischen und gesellschaftlichen Leben der Tschechischen Republik nicht endet, so geht sie bei Weitem auch nicht im tschechischen Schrifttum zu Ende. Es erscheinen neue Autoren, neue Werke, deren bloße Aufzählung bereits eine recht erfreuliche Liste ergeben würde. Dabei dürfen zwei Bücher mit Erzählungen von Edgar Dutka (1941), U útulku 5 [Am Tierheim 5] (2003) und Staženi z kůže ze tmy vycházíme [Von der Haut befreit gehen wir aus dem Dunkel] (2007) nicht fehlen. Im ersten Buch ging der Autor von eigenen Erlebnissen aus, als er sich mit 7 Jahren – zusammen mit seiner älteren Schwester - in einem widrigen Kinderheim wieder fand, da seine verwitwete Mutter für Fluchbeihilfe über den Eisernen Vorhang inhaftiert worden war. Im neueren Buch kehrt Dutka in verschiedenen Variationen erneut in das vom Eisernen Vorhang umgebene Land zurück, seine Geschichten schonen nicht, die darin agierenden Personen sind auf fatale Weise und lebenslänglich vom Kommunismus gekennzeichnet. Der Schmerz muss sich, wie zu sehen ist, mit der Zeit nicht unbedingt verkleinern.

Josef Chuchma
Der Autor ist Foto- und Literaturkritiker, Redakteur des Tageblattes MF DNES

Übersetzung: Monika Loderova

After the Fall – Europa nach 1989

Theaterprojekt des Goethe-Instituts über die Auswirkungen des Mauerfalls in 15 europäischen Ländern