Staat und Politik in Deutschland

"Soziale Spaltung und fehlende soziale Anerkennung führen zur Gewalt"

Interview mit Wilhelm Heitmeyer, Professor für Pädagogik an der Universität Bielefeld, über Gewalt von Jugendlichen und die sozialen Probleme von Gewalt.

"Soviel Hass kann es gar nicht geben", meinten Nachbarn, als in Süd-deutschland jüngst ein 18-jähriger mutmaßlich aus Eifersucht einen anderen zerstückelte und einbetonierte. Wächst, Herr Professor, die Gewaltbereitschaft in der Alterskohorte der 12- bis 18-jährigen?

Die Entwicklung der Tatverdächtigenstatistik jugendlicher Gewalttäter zeigt zum Beispiel von 1993 bis 2005 einen kontinuierlichen Anstieg. Umstritten ist, ob dies auf zunehmende Sensibilität in der Bevölkerung oder auf reale Veränderung zurückzuführen ist. Für die Opfer ist dies aber ohnehin eine überflüssige Debatte.

Andere Länder, andere Sitten - auch im Hinblick auf Gewalt als Mittel der Konfliktlösung? Kommt mit den Migrantenfamilien mehr Gewalt als gewohnt nach Deutschland?

In der Tat gibt es nach den Ergebnissen der sogenannten Dunkelfeldforschung, in der die selbstberichtete Gewalt im Mittelpunkt steht, eine höhere Gewaltquote, die als Folge der eigenen Gewalterfahrung gilt.

Ist Gewaltbereitschaft von Migranten auch Ausdruck unzureichender Integration in ihre neue Heimat?

Gewalt ist in unserer Theorie Sozialer Desintegration immer eine Folge der Verletzung von Anerkennung, also des Rechts auf Unversehrtheit.

Namhafte Genforscher sagen, dass "überschießendes Verhalten", eine ausgeprägte Gewaltneigung, mit einem Eiweiß-Defekt im Gehirn zusammenhängt. Woran und wie früh können Eltern feststellen, dass ihr Kind insoweit vielleicht ein Problem hat?

Es ist Vorsicht angebracht, um von Stoffwechselveränderungen direkt auf Verhaltensprobleme im Gewaltverhalten zu schließen. Ich bin skeptisch. Es ist zu vieles unaufgeklärt.

Ist die heutige Pädagogik nach Ihren Erfahrungen ausreichend bereit, Gewalt – auch - als Veranlagungssache zu behandeln?

Weniger Veranlagung, aber dauerhafte "Erfolgserlebnisse" zum Beispiel nach gewalthaftem Verhalten führen zu einer habituellen Verfestigung. Gewalt lohnt sich, ist erfolgreich. Was will man mehr?

Führt dagegen der Computer mit Gewaltmedien zur seelischen Verwahrlosung? Wird gestörtes Sozialverhalten in Computerspielen "andressiert"?

Die Verwahrlosungs-These ist sehr populär. Erstens: Hunderttausende sehen sich zum Beispiel Killerspiele an, ohne dass uns auffallendes passiert. Verdecktes nehmen wir nicht wahr. Das ist wirklich ein Problem. Die Amokläufe in Schulen lassen sich allerdings kaum auf Medienkonsum zurückführen. Er liefert die Handlungsanweisungen – bestenfalls –, aber nicht die Motive des Gewalthandelns. Die liegen meines Erachtens in den Anerkennungsverletzungen. Diese sind existenziell und deshalb gefährlich.

"Unterdurchschnittliche Impulskontrolle" kann zu Kreativität wie destruktivem Gewaltausbruch führen. Auf welche Weise können Erzieher und Schule positives Sozialverhalten antrainieren?

Schule kann einiges bewirken. Mein Kerngedanke gruppiert sich immer um Anerkennungen. Das kann in der Tat in Kollektiven geschehen, weil daraus unterschiedliche Korrekturen bei überschießenden Reaktionen erfolgen können.

Nimmt die Schule in Deutschland neben dem Fachkunde-Unterricht ihre Erziehungsaufgabe wirklich wahr oder ist und bleibt die Elternsache?

Schule muss dringend das zugrundeliegende Paradigma ändern: Nach Schwächen fahnden, statt nach Stärken zu suchen. Dieses Motto muss auf die Füße gestellt, also umgedreht werden. Aber wer will das?

Neurobiologen sagen, unser Gehirn lernt vor allem aus Fehlern mit ihren unangenehmen Folgen. Müsste die deutsche Schule nicht repressiver gegen Gewaltdrohungen und –taten gegen Mitschüler und Lehrer vorgehen?

Repressive Maßnahmen sind vielfach diskutiert. Um Opfer zu schützen, sind sie wichtig. Aber mechanisch funktioniert dies nicht, denn Repression schafft auch Innovation. Das heißt, die Täter lernen daraus und schaffen neue gewalttätige Verhaltensweisen. Es ist nicht so einfach.

Sind die sozial Erfolglosen gewaltbereiter als andere, also die weniger Intelligenten mit geringerem Einkommen und schlechteren Wohnverhältnissen in "sozialen Brennpunkten"?

In der Tat ist die verschärfte soziale Ungleichheit ein empirisch oft bestätigter Prädiktor für Gewalt. Deshalb ist die vielfach nicht thematisierte Spaltung der Gesellschaft alles andere als sozial verträglich.

Erzeugt die Ellenbogengesellschaft mit ihrem höchsten Ziel sozialer Differenzierung selber ein Gewaltpotenzial bei den sozial Schwächeren, den "Verlierern"?

Die Antwort ist einfach: ja.

Wilhelm Heitmeyer ist Professor für Pädagogik an der Universität Bielefeld. Sein hauptsächliches Forschungsinteresse gilt seit mehr als einem Vierteljahrhundert den sozialen Problemen von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit. Seit 1996 leitet er an seiner Uni das "Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung". Heitmeyer ist zugleich Hauptherausgeber des International Journal of Conflict and Violence. Von ihm stammt die "Bielfelder Desintegrationtheorie": Danach ist das friedliche Zusammenleben in Gruppen in dem Maße gefährdet, wie die gesellschaftlichen Institutionen (von der Familie bis zum Staat) die wirtschaftliche Existenz, die soziale Anerkennung und die persönliche Unversehrtheit des einzelnen nicht mehr sichern. Umgekehrt kann Schule zum Trainingsplatz für wechselseitige soziale Anerkennung werden, die Grundlage des Miteinanders.

Das Interview führte Hermann Horstkotte.
Er ist freier Publizist in Bonn.

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Oktober 2007

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