Staat und Politik in Deutschland

Erinnern oder vergessen? Kulturpolitik und kulturelles Gedächtnis

Logo des 5. Kulturpolitischen Bundeskongresses; © Kulturpolitische Gesellschaft e.V.Logo des 5. Kulturpolitischen Bundeskongresses; © Kulturpolitische Gesellschaft e. V.Kultur ohne historisches Gedächtnis? Das ist schwer vorstellbar. Und folgerichtig ist das Motto „Kultur macht Geschichte/Geschichte macht Kultur“, unter welches die Kulturpolitische Gesellschaft und die Bundeszentrale für politische Bildung ihren Kulturpolitischen Bundeskongress im Juni 2009 gestellt hatten, nicht nur ein Wortspiel, sondern bezeichnet ein grundlegendes, wechselseitiges Bedingungsgefüge.

Kein Zweifel – es gibt ein neues Interesse an der Geschichte. Allein die Zahl der Gedenktage, die im Jahr 2009 begangen werden, ist bemerkenswert – angefangen von der Varus-Schlacht (2.000 Jahre), über die erste Weltwirtschaftskrise (70 Jahre) und die Gründung der Bundesrepublik (60 Jahre) bis zum Mauerfall (20 Jahre). Und ob Buddenbrooks, die Operation Walküre oder Der Baader-Meinhof-Komplex: Kinofilme mit historischem Hintergrund haben seit Jahren wieder Konjunktur. Und selbst die Spieleentwickler greifen immer öfter auf historische Themen zurück.

Erinnerung, Gedenken, Identität

Logo der Kulturpolitischen Gesellschaft; © Kulturpolitische Gesellschaft e. V.Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West ist deutlich geworden, dass zu einer nachhaltig friedlichen Gemeinschaft auch die Überprüfung tradierter Geschichtsbilder und des „kulturellen Erbes“ gehören. Eine europäische Geschichte gebe es nicht, sagte der Wiener Historiker Wolfgang Schmale, wohl aber ließen sich viele europäische Geschichten erzählen. Keine der europäischen Gesellschaften ist heute mehr eine homogene Einheit, auch wenn sich das Bewusstsein davon dass sich die eigene Gesellschaft aus vielen Ethnien und eben deshalb aus vielen Vergangenheiten zusammensetze, erst allmählich durchzusetzen beginnt.

Schon die wachsende Zahl der Zuwanderer relativiert die nationalen Erzählungen. Der Kongress war sich einig: Die Zeiten, in denen eine einzige historische Wahrheit die Deutungshoheit für sich beanspruchen konnte, sind vorbei. Dass mehrere historische Sichtweisen nebeneinander stehen können, sei eine positive Entwicklung – und das sollte in einer Demokratie auch so sein, meinte der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger.

Doch was soll erhalten werden? Ist es zum Beispiel wirklich sinnvoll, das Berliner Stadtschloss wieder aufzubauen? Dieter Bartetzko, Architekturkritiker der FAZ, sprach von Barbieschlössern und Puppenstuben, die beim Publikum den Wunsch nach Wirklichkeitsverdrängung befriedigen. Werner Sewing von der Universität Karlsruhe erinnerte daran, dass in Polen Städte wie Warschau oder Breslau eins zu eins wieder aufgebaut wurden, während man in Deutschland wie beim Frankfurter Römer allenfalls die Außenmauern stehen ließ. Heute sehne man sich nach Rekonstruktion, jeder Abriss historischer Gebäude werde von Bürgerinitiativen bekämpft, und dennoch bleibe festzuhalten, dass Städte zu keiner Zeit so ausgesehen haben, wie sie heute wiederhergestellt würden.

Das Museum der Zukunft

Logo der Bundeszentrale für Politische Bildung; © BpB„Histotainment“ oder „Public History“ liegen im Trend. Nicht nur bei der historisierenden Ausschmückung der Innenstädte, auch bei der Präsentation von historischen Ereignissen geht es nicht zuletzt um den Unterhaltungswert. Traditionell setzen Freiluftmuseen bei der Rekonstruktion von Geschichte auf das Erlebnis (Museumsdörfer, historische Industriebetriebe). „Science Center“ verknüpfen technisch-historische Zusammenhänge und setzen aufs Ausprobieren, was sie für Kinder und Jugendliche interessant macht.

In der Abschlussdiskussion sprach der Grünen-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wieland davon, dass oft genug Initiativen von unten Erinnerung und Gedenken angestoßen haben, wie etwa die Stolpersteine, die der Kölner Bildhauer Gunter Demnig verlegt, um an die letzten Wohnorte von NS-Opfern zu erinnern. Oliver Scheytt, Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, sagte, die systematische Reflexion von Geschichtspolitik habe sich in Deutschland längst noch nicht etabliert. „In der europäischen Kulturpolitik stehen wir damit noch am Anfang. Daher haben wir auch das Thema einer europäischen Geschichtspolitik bei diesem Kongress auf die Agenda gesetzt. Wir wollen deutlich machen, dass der europäische Einigungsprozess auch ein europäisches Geschichtsbewusstsein voraussetzt.“

Ersticken an Geschichte?

Oliver Scheytt und Thomas Krüger auf dem Podium; © Volker ThomasDie Frage, ob es das Entstehen eines europäischen Geschichtsbewusstsein befördere, wenn man in Brüssel ein gemeinsames „Europäisches Haus der Geschichte“ einrichtet – wie es Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn, vorschwebt, blieb umstritten. Europa brauche keine neuen Geschichts-Mythen, meinte Thomas Krüger. Die französische Kulturwissenschaftlerin Camille Mazé beleuchtete verschiedene Perspektiven zu Europa-Museen. Geschichte auf einen Punkt zu bringen – das könne er sich nicht vorstellen, meinte Pius Knüsel, Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Er argwöhnte, dass die verbreitete „Kultur des Historismus“ vielleicht auch einen Mangel an Vertrauen in die Zukunft offenbare – nicht nur angesichts der anhaltenden Finanz- und Wirtschaftskrise eine durchaus plausible Vermutung.

Auch Thomas Krüger warnte, die „eskapistische Dimension“ nicht zu unterschätzen: „Die Gefahr sehe ich darin, dass wir an Geschichte ersticken. Vor lauter Aufarbeiten und Bewältigen der Vergangenheit oder vor lauter Träumen von gestern könnten wir es versäumen, uns grundlegende Gedanken um die Zukunft zu machen.“ Oliver Scheytt schließlich spannte am Ende noch einmal den Bogen zu den modernen Erinnerungstechniken: Das Internet vergisst nichts. Jeder Internetnutzer könne sein eigenes Archiv anlegen, das ihn mit seiner Materialfülle zwangsläufig früher oder später erschlägt. Da stelle sich nicht mehr die Frage, was es aufzubewahren lohnt, sondern eher, wer sich durch diese Fülle an Informationen noch einen Weg bahnen kann. Vielleicht ist das ja ein Thema für den nächsten kulturpolitischen Bundeskongress.

Volker Thomas
ist freier Journalist in Berlin und Leiter der Agentur Thomas Presse und PR.

Copyright: Goethe-Institut e. V.
Juli 2009

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