Staat und Politik

Die Börse als Vorbild – neue Methoden der Wahlforschung

Semtracks-WortwolkeWahltagschart der Partei „Die Linke“; © LMUDie Ergebnisse der Bundestagswahl 2009 haben die Demoskopen ein weiteres Mal überrascht. Schon seit Jahren haben sie Mühe, die Wählerstimmung verlässlich einzufangen. Neue Methoden versprechen Besserung.

Um größeren Blamagen an den Wahltagen vorzubeugen, arbeiten regelmäßig ganze Hundertschaften mit Fragebögen bewaffneter Mitarbeiter von Instituten wie Infratest-Dimap oder der Forschungsgruppe Wahlen bis zuletzt an der Ergründung des Wählerverhaltens. Sie sollen sicherstellen, dass wenigstens nach Schließung der Wahllokale um Punkt 18 Uhr einigermaßen verlässliche Projektionen auf die Bildschirme der Nation gebracht werden können. Was in der Regel auch ganz gut funktioniert. Als immer unzuverlässiger hingegen erweisen sich die Prognosen vor der Wahl.

„Wahlbörsen“ – ein neuer Ansatz der Meinungsforschung

Besserung versprechen hier die virtuellen „Wahlbörsen“, mit denen neuerdings allenthalben experimentiert wird. Diese sogenannten „Electronic Stock Markets“ (ESM) – in den USA längst etabliert, bei uns aber wegen des Wettcharakters hart am Rande der Legalität – bedienen sich nicht nur dem Namen nach ökonomischer Instrumente. Auch ihre Methoden haben sie von den Wirtschaftswissenschaften, genauer gesagt von der Experimentellen Ökonomie, abgekupfert.

Getreu der These des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich August von Hayek, wonach Marktpreise die individuellen Einschätzungen und Informationen über die zu erwartenden Marktentwicklungen am besten widerspiegeln, wird an den Wahlbörsen mit Futures auf den Wahlausgang gehandelt. Der Umstand, dass dabei mit echtem Geld „gezockt“ wird – der Einsatz für die Wertpapiere beträgt in der Regel zwischen fünf und fünfzig Euro –, soll die Gewähr dafür bieten, dass die Marktteilnehmer ein Höchstmaß an Rationalität walten lassen. Denn je besser das eigene Depot am Ende das tatsächliche Wahlergebnis spiegelt, desto höher die Ausschüttung beziehungsweise niedriger der Verlust.

Verblüffender Erfolg

Wahltagschart der SPD; © LMUDer Erfolg ist verblüffend. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten, Rückschlägen und Feinjustierungen können sich die Ergebnisse mehr als nur sehen lassen. Besonders nahe sind die Münchner Soziologen Dr. Christian Ganser und Jochen Groß von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) dem Ausgang der Bundestagswahlen gekommen. Die Betreiber der virtuellen Börse Wahlstreet, an der sich vor den Wahlen 724 „Wertpapierhändler“ beteiligten, haben die Stimmenanteile der Parteien unterm Strich genauer prognostiziert als sämtliche herkömmlichen Meinungsforschungsinstitute. Bei den sogenannten „Sonntagsfragen“, mit denen regelmäßig die Parteienpräferenzen ermittelt werden sollen, betrug die durchschnittlich Standardabweichung am 19. September, eine Woche vor der Wahl, lediglich 0,9 Prozent gegenüber zwei Prozent bei den „offiziellen“ Demoskopen.

Aber obwohl die LMU-„Börsianer“ ihr Ergebnis am 27. September noch einmal auf knapp 0,79 Prozentpunkte steigern konnten, mussten sie zu ihrem Leidwesen zuletzt dem „Politikmarkt“ Tribut zollen. Die Wahlbörse von FAZ.net, die von Wirtschaftsinformatikern der Technischen Universität Dortmund konzipiert wurde, brachte es auf nur sensationelle 0,71 Prozent Abweichung. Doch die Münchner geben sich nicht so leicht geschlagen „Hierzu ist anzumerken, dass hier offenbar die Schlusskurse der Börsen verwendet wurden“, reklamiert Jochen Groß. „Soweit ich informiert bin, war der Politikmarkt bis 18 Uhr am Wahltag geöffnet, die Wahlstreet bis 16 Uhr. Gerade am Wahltag ist noch einmal auf den Märkten rege Aktivität zu verzeichnen. Ebenfalls ist der Vergleich mit den Sonntagfragen zu einem deutlich früheren Zeitpunkt nicht fair.“ Tatsächlich schloss der Politikmarkt bereits um 15 Uhr...

Stunde der Sprachwissenschaftler

Dennoch ist die Stimmung unter den Wissenschaftlern insgesamt euphorisch. Für einen Wermutstropfen sorgt allerdings das schwache Abschneiden des Mitstreiters Betfair. Vor allem deshalb, weil es sich um die Wettbörse mit den höchsten Einsätzen handelt, was der Theorie zufolge eigentlich einen positiven Einfluss auf die Genauigkeit haben sollte. Aufschlüsse über die Gründe soll eine genauere Datenauswertung geben.

Semtracks-WortwolkeUnterdessen hat die Stunde der Sprachwissenschaftler geschlagen. Denn zum ersten Mal wurde eine deutsche Wahl systematisch einer computerbasierten Matrixanalyse unterzogen. Semtracks heißt das Projekt des Schweizer Linguisten Noah Bubenhofer, der im Mai 2008 eine entsprechende Forschungsgruppe am Heidelberg Center for American Studies gründete. In einem Laboratory for Computer Based Meaning Research hat Bubenhofer dort gemeinsam mit seinem Kollegen Joachim Scharloth im Vorfeld der Bundestagswahlen Pressemitteilungen, politische Reden und Wahlprogramme der Parteien analysiert.

Zur Veranschaulichung haben die Forscher parteispezifische „Wortwolken“ erarbeitet, in der häufig gefallene typische Wörter in größerer Schrift dargestellt sind. „Deutschland wird also demnächst von einer Koalition regiert, deren Parteien in tiefensemantischer Hinsicht auch am stärksten konvergieren“, lautet das Fazit von Semtracks zur Bundestagswahl 2009. „Die Koalitionsverhandlungen versprechen vor allem im Bereich der Finanz- und Steuerpolitik strittig zu werden – dies jedenfalls legt die semantische Analyse nahe. Dass es nicht zu einer Neuauflage der großen Koalition gekommen ist, ist in tiefensemantischer Hinsicht zu begrüßen. Nach vier Jahren gemeinsamen Regierens scheinen die Gemeinsamkeiten aufgebraucht zu sein.“

Roland Detsch
arbeitet als Freier Redakteur, Journalist und Autor in Landshut und München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

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