Zivilgesellschaft und demokratische Kultur in Deutschland

„Politiker sind dafür da, Probleme zu lösen“ – ein Gespräch mit Professor Dr. Karl-Rudolf Korte

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Karl-Rudolf Korte. Foto: Karl-Rudolf Korte Der Politikwissenschaftler und Kenner des Berliner Politikbetriebes über das Privatleben deutscher Politiker und warum es so selten in den Medien vorkommt.

Herr Professor Korte, im Vergleich zum Beispiel zu den USA spielt in Deutschland das Privatleben von Politikern keine große Rolle. Wollen die Deutschen einfach nichts über die Menschen wissen, von denen sie regiert werden?

Es gibt in der deutschen politischen Kultur so etwas wie einen altbürgerlichen Vorbehalt. Wir unterscheiden gerne zwischen dem Privaten und der Arbeit. Politiker sollen fleißig sein, Probleme angehen und Lösungen finden – aber was sie privat machen, interessiert die meisten Menschen in Deutschland tatsächlich erst einmal nicht so sehr. Diese nüchterne Sichtweise hat Tradition und ist erstaunlich lebendig. Politische Ämter haben eine Funktion, sie sind aber nicht für Unterhaltung zuständig.

Die Trennung zwischen öffentlichem Amt und Privatleben wird in Deutschland auch durch die Rechtsprechung geschützt.

Ja. Deutsche Richter haben immer wieder festgelegt, dass Privat- und Intimsphäre grundsätzlich tabu sind und nur in absoluten Ausnahmefällen Gegenstand von Berichterstattung sein dürfen. Und nun ist es so, dass in Deutschland Richter sehr populär sind. Sie gelten als über den Parteien stehend und am Gemeinwohl orientiert. Die Menschen akzeptieren diesen von den Gesetzen vorgegebenen Rahmen und auch die Medien halten sich im großen Ganzen daran. Das Politische und das Private vermischen sich somit kaum – weder in Zeitungen, noch im Fernsehen, noch im Radio.

Wie Stachelschweine im Winter

Ist vielleicht eine zu große Nähe mancher Medienleute zu Politikern auch ein Grund, nicht über Peinliches oder Fragwürdiges zu berichten? Das enge Verhältnis wird schließlich auch oft von Journalisten als Symbiose bezeichnet.

Natürlich gibt es zwischen Politik und Medien ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis, aber das ist in Deutschland nicht enger als in anderen europäischen Ländern. In der Demokratie ist Politik öffentlichkeitsabhängig und zustimmungsbedürftig. Insofern ist Politik auf die Medien angewiesen, die mit der Politik wiederum idealerweise Auflage und Quote machen. Die Kontrolle der Politik durch die Medien ist ein Gütesiegel für eine Demokratie. Das ist wie mit der Metapher von den Stachelschweinen im Winter: Wenn sie sich zu nahe kommen, verletzen sie sich, wenn sie zu weit auseinander liegen, wird keine Wärme übertragen.

In Bonn wussten viele Journalisten von den Affären des damaligen Kanzlers Willy Brandt. Trotzdem wurden sie nicht bekannt, obwohl die Gesellschaft damals sicherlich konservativer in ihren Anschauungen gewesen ist. Gab es früher in den Medien einen festen Kodex, über Privates nicht zu berichten?

So eine Übereinkunft gab es sicherlich. Es gab aber ebenso auch schon die Neigung in den Medien, Politiker zu demontieren. Das ist heute in unserer Gesellschaft nicht anders, in der sich die Spielarten, wie man auftritt und was man sagen kann, vervielfältigt haben. Vieles wird heute dennoch genauso respektiert wie früher. Ein Beispiel: Alle Medien halten sich daran, dass man nicht zeigt, wie Wolfgang Schäuble aus einem Wagen in seinen Rollstuhl aussteigt. Es gibt da also immer noch einen Kodex, was man tut und was man nicht tut. Ich kann eigentlich keine Tendenz erkennen, dass die Medien heute viel neugieriger oder sogar schamloser geworden sind, auch nicht auf dem Boulevard, egal ob in Zeitungen oder im Fernsehen.

Das Pendel ist wieder zurückgeschwungen

Wann ist das Privatleben von Politikern für die Medien trotzdem interessant?

Wenn der Politiker versucht, damit für sich Profit zu machen. Wenn er die Haustür weit aufmacht und meint, den privaten Einblick für die Karriere ausnützen und damit Wählerstimmen gewinnen zu können. Solche Fälle gab es in den vergangenen Jahren auch in Deutschland, aber mittlerweile ist da das Pendel wieder zurückgeschwungen. Homestories mit der Familie am Küchentisch, auf der Terrasse oder im Garten, das gibt es heute nicht mehr in dem Maße wie vor ein paar Jahren. Als Politiker vor einiger Zeit anfingen, am Wahlabend die Familie in die Parteizentralen mitzunehmen und ins rechte Licht zu rücken, dachten viele Journalisten, dass sich dieses amerikanische Vorbild auch in der deutschen Mediendemokratie durchsetzen würde – hat es aber nicht. Die allermeisten Politiker kommen heute wieder allein, vielleicht noch mit der Partnerin oder dem Partner, aber sicherlich nicht mehr mit der ganzen Familie.

Woran liegt das?

Der Politiker, der die Medien nah an sich heran lässt, begibt sich auf dünnes Eis. Er verliert ein wenig die Kontrolle: Bilder, die Sie als Politiker so schaffen, bekommen sie nie wieder weg, sie können nicht planen, wie sie vielleicht in ein paar Jahren gesehen und bewertet werden. Politiker sind vorsichtige Menschen und die meisten können rechnen: Das Risiko ist groß, der Nutzen eher klein.

Vor einigen Jahren wurde bekannt, dass das deutsche People-Magazin „Bunte“ eine Fotoagentur beauftragt hat, Politiker auszuspionieren. Ein Tabubruch?

In gewissem Sinne ja. Es war aber ein Tabubruch, der ziemlich folgenlos geblieben ist. Viele Beobachter haben sich damals gefragt: Wozu der Aufwand? Denn Enthüllungen über Politiker werden vom Publikum gar nicht so sehr geschätzt. Wie schon gesagt: Die meisten Leute denken, dass Politiker dafür da sind, Probleme zu lösen. Wer das gut macht, der kann sich so oft scheiden lassen und heiraten wie er will. Wer sich aber zu sehr selbst inszeniert, der kassiert dafür eher Minus- als Pluspunkte.

Tobias Asmuth
stellte die Fragen. Er ist Autor und Journalist in Berlin.

Foto: Justitia (© Susann von Wolffersdorff / pixelio.de)

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Januar 2013

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