Zivilgesellschaft und demokratische Kultur in Deutschland

Ein Blick in deutsche Eliteschmieden

Cover `Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von Morgen´ von Julia Friedrichs; Copyright: Hoffmann und Campe VerlagCover `Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von Morgen´ von Julia Friedrichs; Copyright: Hoffmann und Campe VerlagJulia Friedrichs hat sich bei der Recherche für ihr Buch Gestatten: Elite in den angesehensten Eliteschmieden des Landes – in Kindergärten, Internaten und Hochschulen – umgesehen. Wir haben mit ihr über ihre Eindrücke gesprochen.

Frau Friedrichs, gehören Sie zur Elite?

Friedrichs: Nein. Nach der Recherche für mein Buch habe ich Probleme, den Begriff Elite zu definieren. Aber wenn man ihn so definiert, wie es die meisten Elite-Forscher tun, dann ist das ein kleiner Kreis von etwa 4.000 Leuten, die entscheiden, was in Deutschland passiert. Das sind die Chefs der großen Unternehmen, die Regierung und die hohen Richter.

Zum Prinzip von Elite gehört ja, dass es eine kleine Gruppe von Ausgewählten gibt und den großen Rest. Das ist kein durchgestuftes Gesellschaftsmodell. Es gibt keine Achtel- oder Viertel-Eliten, sondern nur ein Entweder-oder. Und, nein, ich gehöre nicht dazu.

Was zeichnet die „Mächtigen von morgen“, die Sie bei Ihrer Recherche getroffen haben, aus?

Das lässt sich schwer sagen, weil die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sehr unterschiedlich waren. Was fast alle verband, war, dass sie und ihre Eltern beschlossen hatten, einen besonderen Bildungsweg zu wählen, und dass diese Bildung ihnen sehr viel Geld wert ist.

Ich habe ja nur die Bildungseinrichtungen besucht, die von sich selbst sagen: Wir machen und erziehen Elite. Und das waren fast alles private Einrichtungen, in denen man bis zu 10.000 Euro pro Semester oder 30.000 Euro für ein Schuljahr zahlt. Dort habe ich – bis auf wenige Ausnahmen – nur Menschen getroffen, die aus einem gut situierten Elternhaus kamen. Alle hatten eine relativ ähnliche soziale Herkunft.

Ist diese Elite intelligenter als der Durchschnitt?

Julia Friedrichs; Copyright: Gerrit HahnElite heißt nicht automatisch – wie ich zu Beginn der Recherche dachte –, dass es die Begabtesten sind. In diesen Schule und Hochschulen sind nicht die Besten der Besten, die in einem irgendwie gearteten Wettbewerb gekürt worden sind. Da spielen Herkunft und die Bereitschaft zu zahlen eine größere Rolle.

Die meisten waren sehr leistungsbereit – und haben sich so auch selbst von anderen abgegrenzt. Ich habe oft gehört: „Wir werden später Einfluss haben, weil wir mehr leisten wollen als andere.“

Außerdem hatten sie alle dieselbe Perspektive: Sie werden alle Karriere machen. Damit werben die Schulen und Unis ja auch. An der European Business School hieß es, dass jeder nach drei Jahren Ausbildung im Schnitt zwei Jobangebote hat und ein durchschnittliches Einstiegsgehalt von 50.000 Euro erwarten kann. Außerdem wird mit Netzwerken geworben. Es heißt: Ihr Kind knüpft hier die richtigen Kontakte – und dafür lohnt es sich zu zahlen.

Was haben Sie am meisten vermisst?

Ich habe das Verständnis für andere vermisst. Die zukünftigen Eliten leben in relativ geschlossenen Gesellschaften. Hier gibt es kaum Mitschüler, deren Väter arbeitslos oder aus der Türkei eingewandert sind. Die anderen, über die sie später auch mal entscheiden werden, fehlen in diesem Leben.

Außerdem habe ich eine gewisse Härte gespürt: „Wer es nicht schafft, hat sich wohl auch nicht genug angestrengt.“ Das kann man den jungen Leuten nicht unbedingt vorwerfen. In ihrer Welt stimmt es: Wenn man sich hier anstrengt, steht am Ende ein Ergebnis. Sie können sich nicht vorstellen, dass das bei anderen anders ist.

Vermisst habe ich auch Visionen, wie sie Gesellschaft gestalten wollen. Bei vielen hatte ich das Gefühl, dass es erstmal den Wunsch gab, nach oben zu kommen – um oben zu sein. Was man da oben letztendlich macht, wird sich dann zeigen. Das finde ich für jemanden, der mit 20 Jahren sagt: „Ich werde Elite“, ein bisschen wenig.

Haben Sie auch etwas als bewundernswert empfunden?

An den Wirtschaftsunis habe ich als bewundernswert gefunden, mit welcher Effizienz und Rigorosität die sehr, sehr jungen Leute – gegen sich selbst – ihren Tag geordnet haben. Ich kam mir selbst so vor, als hätte ich ziemlich viel Zeit verschleudert.

Ein bisschen neidvoll habe ich die Bedingungen, die hier herrschen, betrachtet. Ich wäre auch gern in einer Klasse mit nur 14 Schülern gewesen oder an einer Schule, wo es einen See gibt, auf dem man rudern und segeln kann.

Der Begriff „Elite“ hatte lange Zeit in Deutschland einen negativen Beigeschmack. Wie erklären Sie sich die Renaissance der Eliten-Idee?

Ich glaube, die Wende kam damit, dass auch die Sozialdemokraten, die ja lange so etwas wie die natürlichen Feinde der Elite waren, mit Gerhard Schröder 1998 gesagt haben: Wir brauchen wieder Eliten.

Ich habe ein bisschen den Verdacht, dass das mit den Eliten ein Trick der Politik ist. Wenn man sich ansieht, worüber in den letzten Jahren in der Hochschulpolitik diskutiert wird, dann war das vor allem die Exzellenzinitiative. Damit kann man davon ablenken, dass die Bedingungen für die Nicht-Eliten immer schlechter werden und die klassischen Unis komplett unterfinanziert sind.

Seit der PISA-Studie ist bekannt, dass in Deutschland der Bildungserfolg stärker als in jedem anderen Industrieland von der Herkunft der Kinder abhängt. Ist die Elite, die Sie beobachtet haben, eine Geldelite?

European Business School; Copyright: picture-alliance / dpaAuch, aber nicht nur. Ich würde niemals sagen, dass sich dumme und faule Kinder ihre Zukunft erkaufen können. So platt ist es nicht. Es ist aber schon so, dass bei diesen Bildungseinrichtungen Geld eine Rolle spielt. Und die Herkunft ist entscheidender als die nachweisbare Leistung.

Heike Schmoll schreibt in ihrem Buch „Lob der Elite. Warum wir sie brauchen“, dass gerade Demokratien „auf ihre unterschiedlichen, prinzipiell offenen Eliten“ angewiesen seien …

Wenn es unterschiedliche Eliten gäbe, die in einem relativ gleichberechtigten Wettstreit wären, und diese dann auch noch offen wären – also: wenn man wirklich in einem Wettbewerb zeigen müsste, dass man der Beste ist –, das wäre gut. Solche Eliten würde eine Demokratie brauchen.

Aber so ist es nicht. Die klar dominierende Elite ist die Wirtschaftselite. Alle, mit denen ich gesprochen habe, wollten in die Wirtschaft. Auch die, die sich sehr für Politik interessiert haben, sagten: „Als Politiker habe ich keinen Einfluss. Wenn, dann werde ich Lobbyist.“

Braucht Deutschland die Elite, die Sie gesehen haben?

Ich würde niemals von den jungen Leuten sagen, dass man sie nicht braucht.

Was man nicht braucht, ist dieses Klüngelsystem, das sich als Elitebildung verkleidet. Das ist letzten Endes nur ein Rekrutierungssystem, in dem ohnehin schon Privilegierte versuchen, ihre Privilegien zu verteidigen. Das brauchen wir sicher nicht, schon allein, weil Begabte, die das Geld nicht haben, dann außen vor bleiben – und damit Talente, auf die wir eigentlich angewiesen wären.

Zur Person

Julia Friedrichs, geboren 1979, studierte Journalistik in Dortmund. Nach einem Volontariat beim Westdeutschen Rundfunk arbeitet sie nun als freie Autorin von Fernsehreportagen und Magazinbeiträgen. Für eine Sozialreportage wurde sie 2007 mit dem Axel-Springer-Preis für junge Journalisten und dem Ludwig-Erhard-Förderpreis ausgezeichnet. Julia Friedrichs lebt in Berlin und Köln.

Das Buch

Friedrichs, Julia: Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2008. ISBN : 978-3-455-50051-6, 256 S., 17,95 €.

Das Gespräch führte Dagmar Giersberg. Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn.

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Mai 2008

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