„Es ging uns allen um die Entdeckung der Wirklichkeit.“ – Zum Tod von Ralf Dahrendorf (1.5.1929-17.6.2009)

Lord Ralf Dahrendorf war eine der bedeutendsten Stimmen des Liberalismus. „Eines bleibt entscheidend für den Typus des Bürgers“ zeigte er sich bis zuletzt überzeugt: „Seine Position ist nicht abgeleitet vom Staat, sondern eine eigene selbstbewusste Haltung.“ Damit positioniert sich der Soziologe noch 2005 eindeutig liberal in der großen politischen Debatte um das Verhältnis von Staat und Individuum, die das 20. Jahrhundert durchzieht und bis heute nachbebt.Für Vertreter totalitärer Ideologien, aber auch für Konservative und Sozialdemokraten darf der Staat dem Individuum den Rahmen seiner Rechte abstecken. Ja umgekehrt, braucht das Individuum den Staat, der dem Leben des einzelnen nicht nur Halt gibt, sondern auch Sinn im Leben liefert.
Dem hält der Liberalismus individuelle Rechte entgegen, die nicht der starke Staat verleiht. Vielmehr werden diese durch die Beschränkung der Macht des Staates, durch Gewaltenteilung und demokratische Partizipation gesichert. In liberaler Perspektive muss der Staat den Individuen dienen, ihre Rechte sichern, ist das Individuum nicht Diener des Staates. Daher war der Liberalismus im 20. Jahrhundert bei der überwiegenden Mehrheit der Deutschen eher verpönt. Weil er keinen starken Staat forderte, machten ihn viele für das Scheitern der Weimarer Republik verantwortlich, die eine dezidiert liberale Verfassung besaß.
Gerechtigkeit und offene Gesellschaft
Da es in Deutschland nicht so viele liberale Wissenschaftler und Intellektuelle gibt, stellt sich die Frage, wie Ralf Dahrendorf zu einem der wenigen großen europäischen Vordenker des Liberalismus im 20. Jahrhundert werden konnte. In die Wiege gelegt war ihm das nicht gerade. Sein Vater wurde 1933 als sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter von den Nazis inhaftiert. Später beteiligte dieser sich am sozialdemokratischen Widerstand. Sein Sohn Ralf bildete mit 15 Jahren an der Schule ebenfalls eine oppositionelle Gruppe. Beide wurden 1944 inhaftiert und erst von den alliierten Truppen befreit.
Nach dem Krieg studiert Dahrendorf in seiner Geburtstadt Hamburg Philosophie und promoviert 1952 mit einer Arbeit über den Begriff des Gerechten im Denken von Karl Marx. Er ist sogar eine Weile Mitglied der SPD und habilitiert sich 1957 mit einer Arbeit über Klassen und Klassenkonflikt in der industriellen Gesellschaft.
Hier klingt ein Thema an, das ihn in Gegensatz zur linksorientierten Soziologie bringen wird, nämlich der Konflikt. Zuvor nämlich beeindruckte ihn bei einem zweijährigen Studienaufenthalt in London Karl Raimund Popper, der mit seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde den demokratischen Rechtstaat vor antiliberaler Kritik in Schutz nimmt. Dahrendorf entwickelt in seiner Aufsatzsammlung Gesellschaft und Freiheit (1961) ein soziologisches Konzept, das den Konflikt nicht als den sozialen Frieden und damit die wirtschaftliche Effektivität störend begreift. Stattdessen soll er Innovationskräfte freisetzen, die die soziale Entwicklung beschleunigen. Damit gerät er in Gegensatz sowohl mit der marxistischen als auch mit der funktionalistischen Soziologie, die beide wiewohl aus unterschiedlichen Perspektiven den Konflikt als dysfunktional für gesellschaftliche Ordnungen begreifen.
Liberaler Vordenker
So nähert er sich dann in den sechziger Jahren zunehmend der FDP an und gehört zu den Vordenkern des sozialliberal orientierten Freiburger Programms von Karl Herrmann Flach und Walter Scheel. 1969 wird er Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär in der Brandt/Scheel-Regierung. Bereits 1970 wechselt er als Kommissar nach Brüssel zur damals noch so genannten Europäischen Gemeinschaft.
1974 zieht er sich aus der aktiven Politik zurück und wird bis 1984 Direktor der renommierten London School of Economics. Er wird englischer Staatsbürger und von der Queen geadelt mit einem lebenslangen Sitz im britischen Oberhaus. Er scheut keine Auseinandersetzungen, sei es den berühmten Positivismus-Streit in der deutschen Soziologie, sei es 1968 Diskussionen mit den protestierenden Studenten. Mit dem programmatischen Titel seines Buches Bildung ist Bürgerrecht avanciert er zum Vordenker der Bildungsreformen um 1970. Auch damit hat er ein bis heute aktuelles Thema angestimmt.
Die Entdeckung der Wirklichkeit
Dementsprechend – für deutsche Ohren überraschend – unterstützt er 2003 in der Rolle eines öffentlichen Intellektuellen den Krieg gegen den Irak. Zwar hält er die Wiederkehr des Totalitarismus für eher unwahrscheinlich. Doch verkörpert für ihn der militante Islam solche Ansprüche, vor denen sich ein politischer Liberalismus schützen muss. Er plädiert für eine realistische Sicht der Welt ohne ideologische Scheuklappen, die im 20. Jahrhundert ja noch lange die politischen Auseinandersetzungen prägen.
So beschreibt er denn die Lebensleistung seiner Generation im Nachkrieg folgendermaßen: „Es ging uns allen um die Entdeckung der Wirklichkeit nach einer ideologischen Zeit. Das war sicher eine Erfolgsgeschichte. Vielleicht ist das die wichtigste Leistung unserer Generation: die Etablierung des Wirklichkeitssinns hierzulande.“
Ralf Dahrendorf: Der moderne soziale Konflikt, DVA, Stuttgart 1992
Ralf Dahrendorf: Auf der Suche nach einer neuen Ordnung. Vorlesungen zur Politik der Freiheit im 21. Jahrhundert, C. H. Beck, München 2003
ist Essayist und Professor für politische Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und für Wissenschaftstheorie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck.
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Oktober 2009
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