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„Die offene Flanke für Antisemitismus ist da“ – Samuel Salzborn im Gespräch

Samuel Salzborn; Foto: Marta KrajinovicSamuel Salzborn; Foto: Marta KrajinovicAntisemitismus ist keine Frage von linker oder rechter Gesinnung. Samuel Salzborn, Privatdozent für Politikwissenschaft an der Universität Gießen, spricht im Goethe.de-Interview über die Verbindung zwischen Antikapitalismus und Antisemitismus und über antisemitische Tendenzen in der Linken.

Herr Dr. Salzborn, Juden als raffende Kapitalisten, als Geldmacher – dieses Bild existiert seit langem: Wie ist dieses Bild entstanden?

Knackpunkt für viele antisemitische Bilder, auch für dieses Bild, ist der Übergang zur Moderne und damit auch die direkte Verknüpfung mit der Entstehung der kapitalistischen Gesellschaft, in der Aspekte wie Geldverleihen oder Aktiengeschäfte aktuell wurden. Aufgrund spezifischer Entwicklungen im Zusammenhang mit der Entstehung von Nationalstaaten und aufgrund der geglückten und zugleich missglückten Integration der Juden in Europa – wobei dieses Missglücken sehr viel mit den Mehrheitsgesellschaften zu tun hatte – wurden viele Verunsicherungen der Moderne auf die Juden projiziert. Diese Zuschreibungen verdichteten sich immer mehr, schließlich wurde das Bild des geldgierigen Juden in kapitalistischen Krisen immer wieder reaktiviert. Mittlerweile geht das soweit, dass antisemitische Darstellungen im Zusammenhang ökonomischer Krisenzeiten ohne expliziten Verweis auf die Juden auskommen, weil der Kontext für die Antisemiten auch so klar zu sein scheint.

Derzeit gibt es wieder eine ökonomische Krise mit massiver Kritik an denjenigen, die Geld mit Geld machen, an Spekulanten und Börsenmaklern. Kann man darin eine Parallele sehen? Fördert eine solche Parallele wieder neuen Antisemitismus?

Es gibt sie heute, die judenfeindliche Transparente, es gibt sie, die ganz vorsätzlichen antisemitischen Analogien, dass Juden etwas mit dieser Krise zu tun hätten. Noch ist das aber keine Mehrheit in der aktuellen Bewegung. Aber die offene Flanke für den Antisemitismus ist immer da, gerade in der Antiglobalisierungsbewegung.

Antisemiten sind die Ursache für Antisemitismus

Buchcover „Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne“; © CampusDer Historiker Götz Aly erklärt den deutschen Antisemitismus der Nazi-Zeit vor allem mit dem schließlich in Hass und Verfolgung mündenden Neid auf die besser gebildete und auch ökonomisch erfolgreichere jüdische Minderheit. Ist das der Kern der Sache?

Ich glaube, dass die Antisemiten die Ursache für Antisemitismus sind. Antisemiten sind den gleichen Konflikten und Krisen in der modernen Gesellschaft ausgesetzt wie andere Menschen auch, aber sie verarbeiten sie anders. Juden werden als Projektionsfläche genutzt, weil sie bestimmte Ressentiments, die der Antisemit mit sich herumträgt, zu erfüllen scheinen.

Meist wird Antisemitismus vor allem dem rechten politischen Spektrum zugeordnet. Sie haben einen Aufsatz über antisemitische Tendenzen in der Partei Die Linke geschrieben, der für einigen Wirbel gesorgt hat. Aus welchen Quellen speist sich der linke Antisemitismus? Was sind die Ursachen?

Das ist kein Phänomen, das jetzt gerade vom Himmel gefallen ist. Spätestens seit den 1960er- und 1970er-Jahren ist Antisemitismus in der Linken immer wieder anzutreffen, vor allem in der antiimperialistischen Linken, die von ihrer Grundausrichtung antiamerikanisch und antiisraelisch ist. In den Westverbänden der Partei Die Linke spielt dies eine große Rolle. Der andere Link, den man sofort im Kopf hat, scheint der zur DDR als antizionistischem Staat zu sein. Das allerdings ist etwas zu kurz gegriffen, weil die meisten, die in der Partei Die Linke aktiv das Wort gegen Israel führen, aus dem Westen kommen.

Was unterscheidet linken Antisemitismus von bloßer Israel-Kritik, die in vielem heute ja nicht ganz unberechtigt ist?

Unter Kritik versteht man eine sachliche Auseinandersetzung. Dass man es mit einem antisemitischen beziehungsweise antizionistischen Weltbild zu tun hat, stellt man dann fest, wenn israelische Politik einseitig in den Blick genommen wird, wenn Israel etwa für Handlungen kritisiert wird, die nichts anderes als Terrorismus-Abwehr darstellen. Damit einher geht eine Dämonisierung israelischer Handlungen, die mit einer Delegitimierung verbunden wird. Das heißt, Israel wird als jüdischer Staat mehr oder minder offen in Frage gestellt.

Ist linker Antisemitismus immer auch eine Form des Antikapitalismus?

Es gibt keine genuine Logik, dass Antikapitalismus antisemitisch sein muss. Aber es gibt auch keine Logik, dass eine linke Positionierung gegen Antisemitismus gefeit macht. Oft ist das antikapitalistische und antiimperialistische Weltbild der dominante Zug im linken Spektrum. Dieses Weltbild hat etwas mit Exklusivität zu tun, mit dem Ausschluss bestimmter Gruppen. Es ist in aller Regel kein rassistischer Ausschluss, sondern einer, der sich an ökonomischen Dimensionen orientiert. Wenn man dann in diesem Denken Geld und Profit mit Judentum, mit Israel, den USA assoziiert, dann ist die Analogie sehr schnell vorhanden.

Ihr Aufsatz hat für viel Aufregung gesorgt. Wie hat die Partei Die Linke darauf reagiert?

Die Reaktionen und die Diskussion haben gezeigt, dass es innerhalb der Partei Die Linke vor allem um Abwehr gegenüber diesem Thema geht. In weiten Teilen der Partei gibt es nicht einmal ein Interesse daran, das Thema überhaupt nur ernsthaft zu diskutieren. Und die Gegenstimmen innerhalb der Partei sind nicht laut genug. Ich finde es symptomatisch, dass eine minimalste Formulierung im Parteiprogramm, die für die meisten Parteien des demokratischen Spektrums selbstverständlich ist, so hart umkämpft ist. Das zeigt, wie nachhaltig das Problem in der Partei ist.

Was bedeutet das für die Linke insgesamt?

Um dem politischen Schlingerkurs ein Ende zu setzen, müsste die Partei die Erkenntnis zulassen, dass sie ein manifestes Problem hat. Meines Erachtens steht Die Linke und besonders ihre Führung ganz am Anfang und bedürfte zu allererst einer grundlegenden Bereitschaft zur Selbstkritik, um dann daraus politische Konsequenzen zu ziehen.

Samulel Salzborn: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich; Campus, Frankfurt a.M./New York 2010

Nicola Jacobi
stellte die Fragen. Sie studierte Politologie und Romanistik in Freiburg und arbeitet als freie Journalistin in München.

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November 2011

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