Kultur und Entwicklung: Positionen und Perspektiven

Chaussee der Enthusiasten

Fachtagung zu Kulturmanagement und Kulturpolitik am 26./27. November 2013 in Berlin

Die „Chaussee der Enthusiasten“ ist eine große Straße in Moskau, deren Name an die Freiwilligen erinnert, die voller Enthusiasmus aus der gesamten Sowjetunion herbeiströmten, um den Traum einer Verbindungsachse zwischen West und Ost, zwischen der Hauptstadt und dem fernen Wladiwostok Realität werden zu lassen.
Ein Enthusiasmus, der die knappen sozialistischen Ressourcen wettmachen sollte. Und der sich, 40 Jahre später nach dem Fall der Mauer, auch auf einer Konferenz in der Bundesrepublik breit machte – in der nun offen über „Ressourcenknappheit“ diskutiert wird, insbesondere in der Kulturszene, die in ganz Europa entsetzt vor immer kleiner werdenden Fördertöpfen steht. Krisenstimmung everywhere.

Doch auf dieser Fachtagung mit dem Namen „Cultural Management: Cultural Policy“, zu der das Goethe-Institut am 26. und 27. November 2013 nach Berlin geladen hatte, war diese Krise Ausgangspunkt und Arbeitsgrundlage, die zur Entwicklung neuer Ideen und anderer Formen der Zusammenarbeit im Kulturmanagement und in der Kulturpolitik führen sollte.

Ein gutes Dutzend dieser Ideen, besser gesagt: Ihre praktische Umsetzung, wurden von den Konferenzteilnehmern – Kulturmanager und Kulturpolitiker aus Deutschland, der Türkei und Mittel- und Südosteuropa – in den Seminarräumen des Tagesspiegels vorgestellt.

Eine Tagung der Praktiker und Engagierten

„Die Hütte brennt!“ formulierte ein Teilnehmer aus Deutschland – auch wenn es sich aus Sicht der Teilnehmer aus Mittel- und Osteuropa und der Türkei vielleicht merkwürdig anhört, brennen doch die Fragen der politischen Teilhabe und nicht nur die, sondern auch die Barrikaden bei Demonstrationen in Sofia und Istanbul. Aber es sollte eben nicht allgemein über Politik geredet werden, sondern ein Erfahrungsaustausch über das spezifische Verhältnis zwischen der immer auch interessen- und geldgesteuerten Kulturpolitik und den professionellen Kulturmachern, den Kulturmanagern, initiiert werden. Es wurde eine Tagung der Praktiker und der Engagierten, die eine persönliche Verbindung und Haltung zu den Themen hatten, über die sie sprachen. Und das bestimmte auch den Charakter der Projekte, die alle einen starken lokalen Bezug aufwiesen, die Zusammenarbeit unterschiedlichster Partner förderten und die neben den unterhaltenden und künstlerischen auch immer die gesellschaftlichen Probleme ansprechen.

„Ziel erreicht“ könnten sich an dieser Stelle Enzio Wetzel und Imke Grimmer vom für die Tagungsgestaltung verantwortlichen Bereich „Kultur und Entwicklung“ des Goethe-Instituts sagen – dessen Zielsetzung eben darin besteht, die gesellschaftspolitische Funktion von Kultur zu beleuchten und Kulturmacher zu qualifizieren, sich untereinander zu beraten und zu vernetzen. Aber dass ein solcher vielfältiger Lern- und Bildungsprozess überhaupt in Gang gesetzt werden konnte, verdankt die Fachtagung der Zusammenarbeit des Goethe-Instituts mit seinen Partnerinstitutionen, denen diese Ziele ebenso am Herzen liegen: der Fachverband Kulturmanagement und die Kulturpolitische Gesellschaft, die Caspar Ludwig Opländer Stiftung, die European Cultural Foundation, die Robert Bosch Stiftung und die Stiftung Mercator, und diese stattliche Reihe von Mitveranstaltern engagierte sich nicht nur durch fachliche und finanzielle Beiträge, sondern lud in einer Art von Stipendiensystem Teilnehmer ihrer eigenen Kulturmanagement-Programme mit zur Fachtagung ein.

So wurde diese zu einem Anstoß für einen Neuorientierungsprozess, auf der persönlichen Ebene der teilnehmenden Kulturmanagerinnen und -manager – und man kann in diesem Falle hoffen, dass es ein nachhaltiger Prozess sein wird. Denn zu sehen, mit welcher Kreativität, Ausdauer und Energie die Teilnehmer Lösungen für die Probleme ihrer lokalen Kulturszene entwickelten und sich überregional vernetzten, weckte bei den meisten eine Hoffnung, die zu einer gelösten und anregenden Stimmung führte.

Das erste Panel

Der erste Hoffnungsschimmer tat sich gleich bei der Begegnung von Kulturmanagement und Kulturpolitik, repräsentiert von Birgit Mandel vom Fachverband Kulturmanagement und Norbert Sievers von der Kulturpolitischen Gesellschaft, auf. Beide redeten einer offenen Diskussion über „unpopuläre Entscheidungen der Politik“ das Wort: zum Beispiel darüber, ob die Finanzierung von kultureller Bildung nicht wichtiger sei als das dritte Opernhaus der Stadt. Und ob man sich nicht auch um die Förderung der in prekären Verhältnissen arbeitenden „Einzelakteure“ kümmern müsse. Dass dieses erste Panel sich ausschließlich auf den deutschen Blick beschränkte, wurde von den Zuhörern eher goutiert als kritisiert. Es habe ihn überrascht und erschreckt – so gestand ein Teilnehmer – dass Deutschland, das weltweit immer um seine Kulturförderung beneidet worden sei, vor ähnlichen Schwierigkeiten stünde wie seine europäischen Nachbarn.

Selbst kreativ werden

Der folgende Tag begann mit einer Geschichte, erzählt von Przemyslaw Kieliszewski, der gegenwärtig das Musiktheater Posen leitet, aber Erfahrung in den verschiedensten Kunstsparten mitbringt. Einmal habe er einen Chor, dem das Geld für eine Auslands-Konzertreise fehlte, ohne Ankündigung und Bezahlung auf einer Lufthansa-Firmenfeier singen lassen wollen– Fundraising per Überraschungseffekt – dies wurde jedoch von der Lufthansa abgelehnt, da solch spontane Events nicht in ihr Projektmanagement passen.
Seine Generation habe in Polen bereits so gewaltige Umbrüche miterlebt, dass sie ohnehin nicht sehr auf den Staat vertraue, sondern selbst nach kreativen Lösungen suche. „Wandel schafft Entwicklung“, sagte Kieliszewski am Ende seiner Auftaktrede. Dem Einzelvortrag folgten die vier „Thematischen Foren“ mit jeweils einem Moderator und vier Experten, die nach ihren Präsentationen untereinander und mit den Zuhörern diskutierten.

Da jeweils zwei Foren parallel stattfanden, galt es, eine Wahl zu treffen: zwischen „Kulturpolitik der öffentlichen Hand“ oder „Grass Roots-Initiativen als alternativer Weg zu einer integrierten Kulturpolitik“, zwischen „Kulturmarketing und Kulturtourismus“ und „Kultur- und Kreativindustrien“.

Kulturpolitik und Grassroot-Initiativen

Die Wahl für ein Thema brachte gleichzeitig eine Wahl für eine spezielle Atmosphäre mit sich. Die war im Forum 1, „Kulturpolitik“, in dem beispielsweise Prof. Steffen Höhne von der Hochschule in Weimar die Unterschiede zwischen dem amerikanischen und dem europäischem Förderverständnis erläuterte und die Vertreterin des Rumänischen Kulturinstituts die neue Kulturpolitik ihres Landes darlegte, analytisch und ein wenig staatstragend – im Forum 2, „Grassroot-Initiativen“ dagegen leidenschaftlich-spontan.

Insbesondere die Präsentation der holländischen Fotografin Illah van Oijen, die von der Eröffnung einer Markthalle mit Kulturangeboten in Bratislava berichtete, etwas, das ihr, als sie sich dort dauerhaft niederlassen wollte, schmerzhaft fehlte. So engagiert sie sich für das Projekt „Markthalle“, das allein durch Nachbarschafts- und Freundesnetzwerke zum Laufen gebracht wurde. Wie sie die Projektmitarbeiter dazu gebracht habe, sich ehrenamtlich so zu engagieren, wollte ein Zuhörer wissen. „Wir hatten keine andere Chance, als selbst etwas auf die Beine zu stellen, um in einem Umfeld zu leben, in dem wir wirklich leben wollen“, meinte sie abschließend.

Ähnliches berichtete auch Vesselina Sarieva aus dem bulgarischen Plovdiv, die dort die Galerie und den Treffpunkt artnewscafe, die „Open Arts Foundation“ (deren größtes Projekt „Die Nacht der Museen und Galerien“ ist), als Basis für eine lokale Kulturpolitik begründete. „In Bulgarien wird nicht genügend Energie in den Aufbau der Zivilgesellschaft investiert. Keiner hat Verständnis für die Kraft, die darin liegt, einen Künstler oder Projektmanager zu engagieren, aber jeder will deine Energie nutzen, wenn du etwas Wertvolles kreierst.“ Deswegen sei sie zum „Kunst-Punk“ geworden, der Projekte einfach ins Leben rufe – trotz Widerstand oder Desinteresse der Öffentlichen Hand.

Im vierten Jahr der „Nacht der Museen und Galerien“ sei der Stadtverwaltung dann bewusst geworden, dass ein Großteil der Besucher Touristen von außerhalb waren, die Geld in der Stadt ausgaben und die Plovdiv das Image einer Kunstmetropole gaben. „Man sollte als Kulturmanager in Bulgarien zunächst rein lokal denken“, empfiehlt Vesselina Sarieva. „Die überregionalen Verbindungen entwickeln sich irgendwann von alleine.“

Marketing und Kultur- und Kreativindustrien

Um (lokales Kunst-) Marketing und Tourismus ging es auch im thematischen Forum 3. „Wie können NGOs und staatliche Organisationen für lokales Kulturmarketing und Kulturtourismus zusammenarbeiten?“ hieß eine der Leitfragen des Moderators Christian Rost zu diesem Thema.

„Wir wollten nicht, dass Politiker involviert sind“, so Nuri Çolakoğlu von der Instanbul European Capital of Culture Initiative, die bei der ECOC-Ausschreibung 2010 federführend war und den Titel für Istanbul holte. Çolakoğlu, türkische Medienpersönlichkeit und Vorsitzende von Dogan Median International, erläuterte, Ziel sei es, verschiedene Stadtsegmente an diesem Projekt zu beteiligen, so dass sich dies nachhaltig auf die Bürger auswirke. Aufgrund politischer Überlegungen sei dieses Ziel jedoch leider nicht vollständig erreicht worden.

Im Forum 4 schließlich, wo es um „Kultur- und Kreativindustrien“ ging, berichtete Ragnar Siil vom Estnischen Kulturministerium von der Entrepreneurs-Haltung, die die estnische Kulturindustrie belebt habe: „Als Estland der EU beitrat, hatten wir keine Struktur für die Kulturindustrie. Wir haben einfach gesagt: Let’s try.“

Marc Gegenfurtner vom Münchner Kulturreferat dagegen warf die kritische Frage auf, wer vom Wachstum der Kreativwirtschaft profitiere – und was bei den Künstlern ankomme. Überhaupt sei diese so genannte Kreativindustrie wie ein Wolpertinger, ein Wesen mit Federn und Tatzen, von dem man nicht sagen kann, was für Tiere sich da zusammengefunden haben.

Eine lebendige Tagung

Es war eine Tagung, die von einer klug zusammengestellten Redner-Mischung und einer straffen, nicht überfrachteten Struktur lebte. Eine lebendige Tagung, die nicht alle Fragen beantworten wollte, sondern dafür sorgte, dass sie gestellt wurden, und die die Zusammenarbeit anregte. So viele junge und in ihren Projekten und Konzepten engagierte Teilnehmer hat man selten auf einer Tagung erleben können. Es war eine Tagung der Enthusiasten.
Merle Hilbk
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