Kultur und Entwicklung: Positionen und Perspektiven

Welt-Theater - Darstellende Künste und nachhaltige Entwicklung

Kali Kalisu, Attakkalari in Karnataka, © Goethe-Institut BangaloreKali Kalisu, Attakkalari in Karnataka, © Goethe-Institut Bangalore

Was heißt Welt-Theater? In einer Welt, die von einer hohen Mobilität geprägt ist, einem schnellen Austausch von Waren, Bildern und Dienstleistungen, scheint sich die Kunstform Theater merkwürdig der Globalisierung zu widersetzen. Die Kontinuität von verschiedenen Theaterkulturen hat natürlich damit zu tun, dass Theater als flüchtige Kunst nicht handelbar ist und als Ware keine internationalen Märkte erobern kann. Dass Theater an Sprache gebunden ist. Die kulturelle Verwurzelung hat darüber hinaus aber tiefere Ursachen. Theater ist seit jeher keine individuelle, sondern eine kollektive Kunst, die sich erst im Zusammenkommen von Schauspielern und Zuschauern konstituiert. Sein Zweck war und ist stets eine gesellschaftliche Vergewisserung, teils bestätigend im Ritual, teils in kritischer Reflexion. Theater ist ein Spiegel des Umgangs einer Gesellschaft mit sich selbst und tief im kulturellen Bewusstsein einer Gesellschaft verankert. Es ist zugleich kollektives Gedächtnis, Hort des Unbewussten und Ort gesellschaftlicher Selbstverständigung und deshalb stark von der kulturellen Herkunft geprägt. Theater ist Seismograf und Verstärker gesellschaftlicher Entwicklungen.

Für den internationalen Kulturaustausch sind genau die Differenzen spannend, seien es die Unterschiede zwischen Theaterkulturen, seien es die zwischen traditionellen und zeitgenössischen Theaterformen. Man lernt nicht nur neue Stoffe, Denkweisen und künstlerische Handschriften kennen, die Kenntnis der Differenz zwingt einen auch, den eigenen Standpunkt neu zu reflektieren.

Wodurch unterscheidet sich aber der normale Kulturaustausch von dem in der Entwicklungszusammenarbeit? Im Idealfall möglichst wenig. In der Praxis durch das Fehlen von Voraussetzungen, von Produktionsmitteln, Spielstätten, Ausbildung und manchmal auch Kunstfreiheit. Hier kann internationale Kulturarbeit ansetzen: Lokale Produktionen können unterstützt werden, Spielstätten aufgebaut, Künstler aus- und fortgebildet, verfolgte Künstler gezielt gefördert werden. Was nicht fehlen darf, sind eine lebendige Theaterszene und ihr Wunsch etwas aufzubauen. Und die Bereitschaft Unterstützung anzunehmen. So weit wäre alles ganz einfach und nur eine Frage von Geld, Moderation und effektiver Umsetzung.

Was macht die Sache aber häufig kompliziert, abgesehen davon, dass die drei genannten Dinge eben doch nicht immer so einfach zu haben sind?

1. Die Bestimmer sind wir. In der Regel sind es wir, der reiche Westen, der sagt, was gemacht wird. Auch in Villigst diskutieren wir nur über, nicht mit Akteuren aus Entwicklungsländern. Nötig ist ein offener Dialog, der die Bedürfnisse des anderen klar macht.

2. Das Gerede vom Dialog auf Augenhöhe. Es gibt zahlreiche Differenzen, an Reichtum, Einfluss, Mobilität, Expertise. Wenn es sie nicht gäbe, wäre Hilfe unnötig. Diese Differenz zu leugnen ist verlogen. Was nötig ist, ist Respekt, Neugier und Verantwortung.

3. Niemand hilft uneigennützig. Auf politischer Seite möchte man ein Land stabilisieren, Sympathie und Einfluss gewinnen. Auf Seiten der Mittler, Stiftungen und Hilfsorganisationen bringt solches Engagement Sichtbarkeit und Anerkennung. Aber auch die beteiligten Menschen handeln durchaus eigennützig. Künstler, Ausbilder, sie alle profitieren von den Begegnungen mit fremden Kulturen, erhalten Impulse für die eigene Arbeit und verdienen in der Regel mit den Projekten ja auch Geld. Das sollte für das Selbstwertgefühl des anderen aber auch transparent werden. Besser ein wechselseitiges Geschäft als Almosen.

4. Die Besten sind gerade gut genug. Entwicklungsländer brauchen aus dem Westen die Besten für Workshops, Gastspiele und Koproduktionen. Alles andere ist überheblich und missachtet das Potential des Partners.

5. Wir lösen keine fremden Probleme. Die Kunst schafft es schon nicht die Probleme unserer eigenen Gesellschaft zu lösen. Warum glauben wir, den Schlüssel für die Probleme der anderen zu haben?

6. Schluss mit der Bevormundung. Die Kunst ist frei. Auch die Künstler, die wir fortbilden. Auch wenn sie danach im Westen bleiben wollen. Auch wenn sie ihre Traditionen nicht pflegen. Auch wenn sie etwas ganz anderes machen als wir erwarten. Wir müssen sie vor nichts schützen.

Beitrag von Martin Berg, Leiter des Bereichs Theater und Tanz am Goethe-Instituts, anlässlich der Tagung „Welt-Theater - Darstellende Künste und nachhaltige Entwicklung“ vom 5. bis 7. Februar 2010 in Schwerte.