Kultur und Entwicklung: Positionen und Perspektiven

Radius of Art: Überlegungen zur Geometrie globaler symbolischer Macht

Radius of Art, Podiumsdiskussion (Foto: Stephan Röhl, cc: by-sa)
Radius of Art, Podiumsdiskussion (Foto: Stephan Röhl, cc: by-sa)

Ziel dieses Berichts ist es, die Vorträge und Diskussion im Rahmen des Programmthemas Kulturpolitik und alternative Förderungsstrukturen, die während der Konferenz Radius of Art am 8. und 9. Februar 2012 am Hauptsitz der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin stattfand, kritisch zu reflektieren. Der Bericht möchte die Politik der Konferenz Radius of Art selbst und die Auswirkungen politischer, sozialer und wirtschaftlicher Globalisierung im Bereich der Kunst beleuchten. Daher soll die Dynamik herausgestellt werden, die sich auf dieser befristeten Plattform entfaltete, auf der ein breites Interessenspektrum international, national und lokal operierender staatlicher und nicht-staatlicher kulturpolitischer und privatwirtschaftlicher Einrichtungen, die in der Kulturförderung tätig sind, zur Sprache kam und sich auch Kulturmanager und Künstler zu Wort meldet.

z 39 - Radius of Art, Anmeldung (Foto:  Stephan Röhl, cc: by-sa)Das lateinische radius definiert in der Geometrie die Entfernung vom Zentrum eines Kreises oder einer Kugel zu seinem Umfang. Das Erfassen der globalen Bedeutung von radius of art im übertragenen Sinne, insistiert hierbei auf die Vermessung der Entfernung zwischen 'Zentrum' und 'Peripherie'. In anderen Worten: Ein Verständnis davon was mit radius of art gemeint ist, erfordert von uns über Kunst im Rahmen der Geometrie symbolischer Macht nachzudenken. Das Gedeihen der Künste war zumindest in Europa, wie uns die Geschichte lehrt, immer in der einen oder anderen Weise von einem System der Protektion abhängig. Ob nun Maler oder Musiker von der Kirche und dem Adel mit der Erstellung von Kunstwerken beauftragt wurden oder – mit dem Aufkommen von Kapitalismus und demokratischen Nationalstaaten – ob die Förderung von Regierungen und Wirtschaftseliten getragen wurde, Kunst als öffentliches oder privates Gut ermöglichte die Anhäufung und Zurschaustellung symbolischer Macht (siehe auch Bourdieu 1992, 1993 und Thompson 1995). Eines der klassischen Ziele staatlicher (auswärtiger) Kulturpolitik im Westen war stets eine Zurschaustellung der Stärke der Nation, um ihr Ansehen zu heben und das politische Programm im In- und Ausland zu legitimieren. In diesem Kontext ist die Beziehung zwischen Kunst und Regierung daher stets durch ihre Aufgabe gekennzeichnet, den Bürgern und anderen Nationen gegenüber durch das Spektakel der Kunst die politische und kulturelle Macht des Staates (her)auszustellen. Auswärtige Kulturpolitik, die davon ausgeht, dass es im gesellschaftlichen Leben und innerhalb des radius of art ein 'Zentrum' und eine 'Peripherie' gibt, läuft Gefahr, ein neokoloniales System der Patronage sowie eine Art des eurozentrischen Konservativismus herzustellen oder zu reproduzieren. Die Übersetzung dieser Anschauung in die Welt der Kunst und die Ausweitung dieses Diskurses in einige der Diskussionen und Vorträge auf der Konferenz (wie etwa in die Plenarsitzung Good Life in Times of Cholera and Other Turbulences und in den Workshop Artists in Danger) scheinen diese veralteten Unterscheidungen zwischen europäischer Hochkultur und Avantgarde im so genannten 'Zentrum' und 'kulturell unterschiedlicher', 'traditioneller' oder 'einheimischer' Kunst in der so genannten 'Peripherie' zu zementieren.

Radius of Art, Workshop (Foto:  Stephan Röhl, cc: by-sa)Ein anderes jüngeres Argument für staatliche Kunstförderung ist die Auffassung, dass Künstler als 'Agenten des sozialen Wandels' auftreten. Wie Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, in ihrer Eröffnungsansprache der Konferenz darlegte, braucht die Kunst Förderung, da sie „ein immenses Potenzial für sozialen Wandel und Entwicklung birgt“. Sie führte weiter aus, dass aus diesem Grund eine Kulturpolitik notwendig ist, „die künstlerische Vorschläge als Antwort auf Armut und soziale Ausgrenzung fördert und gemeinsame Plattformen schafft für die Mobilisierung unterschiedlicher sozialer Akteure zu öffentlichen Themen wie der gesellschaftlichen Integration, der wirksamen Teilhabe der Bürger am Gemeinwesen, der Menschenrechte, des multikulturellen Dialogs und der sozialen Gleichheit“. Die Förderung der Kunst verfolgt in den Augen der politischen Linken in staatlichen Einrichtungen das politische Ziel, sozialen Zusammenhalt und Gleichheit zu schaffen. Die Politik und die Förderungsstrukturen, die Künstler zu Agenten des sozialen Wandels machen wollen, müssen sich dessen gewahr werden, dass der Arbeitsmarkt für Künstler von einem hohen Maß an (Selbst-)Ausbeutung gekennzeichnet ist (Abbing, 2007) und dass Künstler häufig zu den arbeitenden Armen gehören mit mehreren Teilzeitjobs und einem geringen Maß an sozialer Sicherheit, dass darum beträchtliche Veränderungen dieses Markts selbst notwendig sind, was die strukturelle Organisation der künstlerischen Arbeit betrifft. Die Frage der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit für Künstler und Kunstprojekte ist eng verbunden mit dem dritten Themenkomplex der alternativen Förderungsstrukturen für die Künste und die Förderung des kulturellen Unternehmergeistes und der sozialen Verantwortung der Unternehmen, der in den Diskussionen aufschien.

Radius of Art, Symphony of the Moment (Foto:  Stephan Röhl, cc: by-sa)Kulturpolitik und alternative Förderungsstrukturen stellte eine Plattform dar für Vertreter von Kunst- und Kultureinrichtungen aus unterschiedlichen Ländern – den so genannten Schwellen- und Entwicklungsländern – aus dem Mittleren Osten, Lateinamerika und Afrika, die zum Teil finanzielle Förderung europäischer staatlicher und nicht-staatlicher Fördereinrichtungen erhalten. Die in dieser Veranstaltung diskutierten Themen drehten sich um die institutionellen Förderungsstrategien dieser Einrichtungen und die darüber hinausgehende Frage, welche Arten alternativer Förderungsstrukturen, unabhängig von europäischen Förderern, ihre wirtschaftliche Nachhaltigkeit unterstützen könnten. Hatem Hassan Salama (Projektmanager im Centre Rézodanse in Alexandria, Ägypten) und Basma El-Husseiny (Geschäftsführerin Culture Resource Al Mawred Al Thaqafy, Ägypten) trugen ihre Vorstellungen von alternativen Förderstrategien vor. Zwei ihrer vorgeschlagenen Alternativen zur staatlichen Förderung sind die Entwicklung eines Programms für junge Kulturunternehmer und einer neuen Unternehmensphilantrophie in der arabischen Welt. Radius of Art, Symphony of the Moment (Foto:  Stephan Röhl, cc: by-sa)Diese vorgeschlagenen Alternativen werfen allerdings die Frage auf, ob diese Modelle tatsächlich im Kontext von Kultur und Entwicklung bessere Arbeitsbedingungen für Kultureinrichtungen fördern und Kapazitäten erweitern können. In zahlreichen europäischen Ländern wurde die Idee des Kulturunternehmers in den vergangenen zehn Jahren zu einem Instrument der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik, in der Kulturunternehmer als erfolgreiche Vorbilder für Arbeitnehmer im kreativen und innovativen Bereich präsentiert wurden. Nach Ansicht der politischen Entscheidungsträger und der Stadtplaner dienen die kreativen Branchen als Motor für Diversität, Wachstum, Beschäftigung und als Instrument der Stadterneuerung. Die Hochglanzbroschüren der kulturpolitischen Berichte verschleiern jedoch die Tatsache, dass das quantitative Wachstum von Kulturunternehmern und Künstlern nicht zu einer besseren Arbeitsqualität und Arbeitsplatzsicherheit der im künstlerischen Bereich Tätigen führt, sondern zu einem raschen Anwachsen eines neuen kreativen Prekariats. Aufgrund dieser Erfahrungen bin ich der Auffassung, dass das Modell des Kulturunternehmers keine nachhaltige Alternative für Kultureinrichtungen und für die Kulturförderung aus der Perspektive der Entwicklung darstellt.

Radius of Art, Zuhörer (Foto:  Stephan Röhl, cc: by-sa)Das zweite alternative Modell, das im Hinblick auf alternative Förderstrukturen vorgestellt wurde, setzt auf die immer bedeutendere Rolle institutioneller Philanthropie, sozialer Verantwortung der Unternehmen und Unternehmensstiftungen zur Entwicklung der Künste und von Kultureinrichtungen als Akteure der Zivilgesellschaft. Wie Michael Edwards (2009) in dem Buch Doing Good or Doing Better: Development Policies in a Globalizing World darstellte, besteht das Problem privater philanthropischer Initiativen darin, dass sie „unter zwei zentralen Schwächen leiden, die die Entwicklung wirksamer Vorschläge für Politik und Praxis zur Unterstützung privater Förderung erschweren: mangelhafte Analyse der Auswirkungen und mangelhafte Rechenschaftspflicht“ (Edwards, 2009: 248). Wenn wir der Einschätzung von Edwards folgen, könnte eine kritische Reflexion der Popularität privater Philanthropie im Rahmen von radius of art als einer zunehmenden (oder in einigen Städten rapide steigenden) Privatisierung der Kunstförderung zu einer breiteren Privatisierung der (auswärtigen) Kulturpolitik führen, deren negative Begleiterscheinungen weniger demokratisch geprägte Verfahren politischer Entscheidungen sowie geringere Transparenz und Rechenschaftspflicht in Bezug auf die Kulturpolitik und –förderung wären.

Radius of Art, Team (Foto:  Stephan Röhl, cc: by-sa)Angesichts der in diesem Bericht genannten Beispiele bleibt die Frage, was in zukünftigen Diskussionen über die Kulturpolitik und alternative Förderungsstrukturen für die Kunst von Nöten ist. Ich bin der Auffassung, dass es bei der in dieser Konferenz entstandenen Dynamik nicht im eigentlichen Sinne um deren Aufgaben geht, also darum, die Förderung von Kulturinstitutionen der Öffentlichkeit gegenüber zu rechtfertigen (etwa wie viel für welche Zwecke ausgegeben wurde) oder das Budget und die Arbeit von Einrichtungen der (auswärtigen) Kulturpolitik zu belegen. Was in der Zukunft von Nöten ist, ist eine breitere öffentliche Debatte, die auf klaren, unabhängigen und kritischen Bewertungen der Auswirkungen privater und öffentlicher Förderungen und nicht auf Werbedarstellungen von Führungskräften beruhen, die lediglich dem Selbstzweck dienen. Hiermit ist die Notwendigkeit verbunden, Möglichkeiten zur offenen und kritischen Erörterung der Beziehungen zwischen Staat, privaten Fördereinrichtungen und Künstlern zu schaffen. In welchem Ausmaß die bestehenden Förderungsstrukturen den Künstlern Schwierigkeiten bereiten (wie etwa prekäre Arbeitsbedingungen von Künstlern, die Tatsache, dass die Strategien der Kreativbranche eine Wirtschaftspolitik fördern, die nicht unbedingt die Qualität der Arbeitserfahrung von Künstlern fördert, sondern die Menge der Menschen, die gering bezahlte künstlerische Tätigkeiten aufnehmen, ansteigen lässt), bedarf ausführlicher Diskussion. Anstatt das Hochglanzvokabular von Managern der Kreativbranche und der kulturellen Diversität wiederzugeben, müssen wir über die gegenwärtigen Paradigmen hinaus und außerhalb unserer (institutionellen) Räume denken, um die Macht und das Potenzial der Mikropolitik der Kunst zu verstehen.

Zitierte Literatur:

Abbing, Hans (2007) Why are Artists Poor? The Exceptional Economy of the Arts, Amsterdam University Press.

Bourdieu, Pierre (1992) Language and Symbolic Power, Polity Press.

Bourdieu, Pierre (1993) The Field of Cultural Production: Essays on Art and Literature, Columbia University Press.

Edwards, Michael (2009) “Why ‘Philanthrocapitalism’ is Not the Answer: Private Initiatives and International Development”, in: Monique Kremer, Peter van Lieshout und Robert Went (Hrsg.) Doing Good or Doing Better: Development Policies in a Globalizing World, Amsterdam University Press, Seite 237-249.

Thompson, John (1995) The Media and Modernity, Polity Press, Seite 10-31.

Onur Suzan Kömürcü Nobrega lehrt am Goldsmiths College der University of London und ist Fellow der ZEIT-Stiftung, Hamburg. Sie promoviert derzeit über kulturelle Diversität in der Kulturpolitik und prekäre und rassifizierte Arbeitsbedingungen von Künstlern im Fall des Ballhaus Naunynstraße in Berlin. Vom Goethe-Institut erhielt sie den Auftrag, das Programmthema Kulturpolitik und alternative Förderungsstrukturen bei der Konferenz Radius of Art (08.-09.02 2012) in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin zu beobachten.