DocLab – Dokumentarfilmstudio in Hanoi

„For me „culture and development“ means that people are provided with tools to express themselves, to be helped to think independently and critically, to be able to develop their creativity and take their initiatives“, so Ngyuen Trinh Thi, unabhängige Dokumentarfilmerin in Hanoi. Nach vielen Jahren in den Vereinigten Staaten, wo sie unter anderem Journalismus und Film studiert hat, kehrte Thi in ihre Heimat Vietnam zurück. Hier war der Dokumentarfilm bisher vor allem eine Domäne des Vietnam Documentary & Scientific Studio, das Filme im Regierungsauftrag produziert. Eine freie Dokumentarfilmszene war so gut wie nicht vorhanden, was viele Ursachen hatte: Es fehlte an Zugang zu Arbeitsmöglichkeiten, an Produktionsbudgets und Distributionskanälen, aber auch an Ausbildungsmöglichkeiten, an Kontakt zur internationalen Szene und Wissen über Entwicklungstendenzen des Dokumentarfilms in der Welt. Hinzu kamen der Druck der Zensur und das Desinteresse des Publikums, das Dokumentarfilm mit Propaganda gleichsetzte. Insgesamt also eine Vielzahl von Hindernissen, die der Entwicklung einer Dokumentarfilmkultur in Vietnam entgegenstanden.
Konzept für ein Center für Dokumentarfilm und Videokunst
Die Entschlossenheit der Filmemacherin Thi, etwas an diesen Verhältnissen zu ändern, traf auf die Initiative „Kultur und Entwicklung“ des Goethe-Instituts, die in der Region Südostasien den Dokumentarfilm als einen Schwerpunkt identifiziert hatte. Da sich aus den geschilderten Gründen in Vietnam keine Institutionen als Partner anboten, so beschloss man, dass in diesem besonderen Fall die Filmemacherin mit der großen Erfahrung und Kenntnis beider Welten, des Auslands wie auch Vietnams, die Partnerin für das Goethe-Institut wurde. Thi erarbeitete mit einer Gruppe Filmemachern und Kunstschaffenden ein Konzept für ein Center für Dokumentarfilm und Videokunst, „a center with its focus on education, art, research and experimentation“, so die Beschreibung. Der Name war plötzlich da, DocLab, ein Labor für Experimente und ein vietnamesisches Spiel mit dem Klang der Wörter und ihrer Bedeutungen, der Ort auch gleich gefunden: im Gebäude des Goethe-Instituts Hanoi, denn nur hier ist, aufgrund des Kulturabkommens, ein freier Zugang und ein zensurfreier Raum gegeben.
Das DocLab öffnete im September 2009 seine Pforten und ging systematisch all die Schwachpunkte an, die Thi für den Dokumentarfilm in Vietnam sah. Um eine Dokumentarfilmkultur aufzubauen und ein Publikum zu finden, ist es unerlässlich, Rezeptionserfahrung zu vermitteln. Und so wird am Doclab eine FilmBibliothek aufgebaut mit must-see Dokumentationen aus der ganzen Welt, die Filmemachern, Künstlern wie auch der breiten Öffentlichkeit offen steht. Das DocLab erstellt für die Filme Übersetzungen und Untertitel – mit einem Programm, das von den jungen Doclab-Mitarbeitern geschrieben wurde –, da eine Hürde für das Publikum auch die oft fehlenden Fremdsprachkenntnisse sind. Zudem finden regelmäßige wöchentliche Filmvorführungen statt, in denen neben Dokumentationen auch Videokunst und Experimentalfilme zu sehen sind.
Equipment, Basis-Kurse und Workshops
Neben dem Zugang zu Filmen eröffnet das Studio auch Zugang zu Ausstattung: Schnittplätze, Kameras und Sound Equipment stehen Filmemachern und Studenten kostenfrei zur Verfügung. Vor allem aber bietet das DocLab Qualifizierungskurse für Anfänger, aber auch Fortgeschrittene an. Für den Basiskurs melden sich durchschnittlich 200 Interessenten auf 10 Plätze, eine beeindruckende Zahl und zugleich eine Bestätigung für die Relevanz der Einrichtung. Die Teilnehmer sind oft Studenten und frisch Graduierte verschiedenster Studienrichtungen, aber auch Künstler und Filmemacher. „These young participants are truely hungry for learning, creating and expressing themselves through film-making“, so Thi.
Die Basiskurse erstrecken sich in der Regel über 3 Monate und vermitteln Wissen aus allen relevanten Bereichen des Filmemachens. Begleitend produzieren die Studenten einen eigenen Kurzfilm. Dazu stehen ihnen neben dem Team in Hanoi auch immer wieder Experten aus der Region wie auch Deutschland zur Verfügung. Nach dem „Train the Trainer“- Prinzip rückt bereits zunehmend Nachwuchs aus dem Umfeld des DocLab in den Tutorenpool, der die Kurse beratend begleitet. Mittlerweile hat das DocLab den 4. Basiskurs durchgeführt, mehr als 20 Filme sind entstanden, die auf ein begeistertes Publikum stießen. Keine Lehrfilme, kein Propagandamaterial, sondern persönliche Eindrücke, Sichtweisen und Auseinandersetzungen mit der eigenen Gesellschaft sind da auf der Leinwand zu sehen. Eine Innenansicht, die es zuvor so nicht gab.
Neben den Anfängerkursen bietet das DocLab auch spezialisierte Workshops an, beispielsweise für Sound Production, Postproduktion oder für Ideenentwicklung und Scriptwriting, je nach den Bedürfnissen, die sich im Laufe der Zeit herauskristallisiert haben. So haben manche Anfänger bereits einige Kurse durchlaufen und sich zu vielversprechenden Nachwuchsfilmemachern entwickelt. Ihnen dient das Doclab als Treffpunkt und Ort des Austauschs. Eine Szene beginnt sich zu bilden, die auch die Aufmerksamkeit von internationalen Filmemachern, Festivalleitern wie auch Kultureinrichtungen und Hochschulen – aus Vietnam wie auch aus dem Ausland – auf sich zieht. Das DocLab konnte somit ein dichtes Netz an Partnern aufbauen, sich in kürzester Zeit eine hohe Bekanntheit erarbeiten.
Regelmäßige Screenings und Vernetzung
Heute ist das DocLab kaum noch aus der Kulturszene Hanois wegzudenken. DocLab- Veranstaltungen versprechen hohe Qualität und immer den frischen Wind von etwas Neuem, Kontroversem, Anregenden. Die Screenings haben sich ein festes Publikum erworben, sie ziehen mehr und mehr junge Vietnamesen an, an einen Ort, an dem sie fragen dürfen, aufgefordert sind kritisch zu denken und mit Gleichgesinnten zu diskutieren.
Auch im Ausland repräsentieren nun Filme aus dem DocLab auf internationalen Filmfestivals wie Yamagata, Oberhausen und Visions du Réel die unabhängige Dokumentarfilmszene Vietnams und überzeugen durch einen ganz persönlichen Blick auf Vietnam und seine Probleme, der aber universal berührt. Mehrfach wurden DocLab-Produktionen bereits ausgezeichnet. Durch ihre guten Kontakte ist Thi in der Vernetzung mit der Region Südostasien und mit internationalen Experten unersetzlich.
Eine weitere Stufe der Vernetzung hat seit Anfang 2012 durch die Zusammenarbeit mit dem EU-geförderten, regionalen Dokumentarfilmprojekts DocNet Southeast Asia begonnen: DocNet Southeast Asia wird vom Goethe-Institut Hanoi aus koordiniert, und das DocLab mit seinen Filmproduktionen und als Ausbildungsstätte vielversprechender Filmemacher ist ein unverzichtbarer Partner. Eine für beide Seiten fruchtbare Zusammenarbeit: Die von der EU geförderte Initiative, die Filmemacher aus Südostasien vernetzen und die Bedingungen für Dokumentarfilmemacher verbessern will, bietet den DocLab-Studenten eine Plattform für interkulturellen Austausch und die Chance, ihre Filme auf einem regionalen Dokumentarfilmfestival zu präsentieren, das erstmals im November 2012 in Jakarta stattfinden wird. Andererseits vermittelt DocLab interessante Nachwuchstalente für das Netzwerk.
Neben den drei Mitarbeitern, von denen zwei selbst mit dem Basiskurs am DocLab angefangen haben und neben eigenen Filmprojekten auch Workshops, Filmbibliothek, Website und Screenings betreuen, hat sich zusätzlich ein kleines Produktionsteam gebildet, das erste Aufträge von anderen Institutionen und NGOsübernimmt. Die konzeptionellen wie auch operativen Abläufe liegen somit ganz in der Hand der jungen vietnamesischen Filmemacher.
Trotz vieler Widerstände ist es Thi und einer kleinen Gruppe von vietnamesischen Filmemachern und Kunstschaffenden mit Hilfe des Goethe-Instituts gelungen, Schritt für Schritt ein Zentrum aufzubauen, das nicht nur Ausbildungsangebote bereitstellt und Austausch im Dokumentarfilmbereich fördert, sondern auch eine Gemeinschaft von engagierten jungen Filmemachern hervorgebracht hat, die zunehmend Anschluss an die internationale Szene findet und damit für den vietnamesischen Dokumentarfilm eine Tür zur Welt aufgestoßen hat.









