Initiative Kultur und Entwicklung - Berufliche Qualifizierung

Puppentheater in Kabul

Puppentheaterworkshop in Kabul © Goethe-Institut Kabul
Puppentheaterworkshop in Kabul © Goethe-Institut Kabul

Seit 2007 veranstaltet das Goethe-Institut Kabul jährlich jeweils vierwöchige Puppentheaterworkshops. Aus diesem Impuls heraus gründete sich 2009 Parwaz, das erste Puppentheater-Ensemble in Afghanistan. Abdulhaq Haqjoo, einer der Workshopteilnehmer und Mitbegründer der Gruppe, wurde im Oktober 2009 nach Berlin eingeladen. Er absolviert ein einjähriges Sonderstudium im Fach „Puppenspiel“ an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst-Busch“ (HFS) Berlin, unterstützt vom Goethe-Institut.

Improvisationen und Puppenbau – Probenalltag 2007

Der erste Workshop „Puppenspiel“ fand im Juli 2007 mit 14 Studentinnen und Studenten der Universität Kabul, Fine-Art-College, sowie acht Mitgliedern des Mobile Mini Circus for Children (MMCC) statt. Künstlerischer Leiter beider Workshops war Wieland Jagodzinski, Puppenspieler, Regisseur und freier Lehrbeauftragter des Studiengangs „Puppenspiel“ der Hochschule „Ernst-Busch“. Jeder Probentag begann mit einem Warm Up, um die beanspruchten Körperregionen und Muskeln zu trainieren. Daran schlossen sich Improvisationen an – anfangs mit den Fingern, dann mit der ganzen Hand, später mit den Puppen. Puppentheater in Kabul © Goethe-Institut KabulIm Workshop wurden zunächst die wichtigsten Puppenarten, Hand- und Stabpuppe, vermittelt. Vier „nackte“ Prototypen von Stabpuppen waren an der Hochschule „Ernst-Busch“ vorgefertigt worden, mit denen die Teilnehmer experimentieren und kurze Stücke entwickeln konnten. Nach dem neunten Workshoptag waren auf diese Weise insgesamt neun Minidramen entstanden, die aus der afghanischen Märchen– oder Fabelwelt sowie aus Begebenheiten des afghanischen Alltags schöpften. Anschließend begannen die Teilnehmer mit dem Puppenbau. Die Stab- und Handpuppen waren zum Teil aus hartem Schaumstoff „geschnitzt“ und wurden anschließend bemalt und mit selbst genähten Kleidern und Turbanen ausgestattet. Die Materialien für Puppen und Bühne, Schaumstoffe verschiedener Dicke, Kleister, Farben, Zeitungen, hatte man auf Märkten erstanden.

Puppentheater in Kabul © Goethe-Institut KabulTrotz aller Schwierigkeiten verliefen die Workshops samt Inszenierungsarbeit erfolgreich: Bei der Premiere am 18. Juli im MMCC präsentierte ein gut aufeinander eingespieltes Ensemble neun fantasievolle Stücke (z.B. Die Bettlerin, Verbotene Früchte, Der unzüchtige Alte, Flamingo & Fuchs), die musikalisch von Flöte, Tabla oder Harmonium begleitet wurden. Die Aufführung wurde ebenfalls im August 2007 beim Theaterfestival Kabul präsentiert.

Nachhaltige Wirkung – der zweite Workshop 2008

Das Projekt hatte nachhaltige Wirkung: Vier der Teilnehmer beschäftigten sich seither ausschließlich mit Puppenbau und -spiel. So lag es nahe, dass das Goethe-Institut Kabul in Kooperation mit der Universität Kabul, Fine-Art-College, im darauf folgenden Jahr einen weiteren Workshop unter der Leitung von Wieland Jagodzinski anbot. Gemeinsam mit 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmern erarbeitete er das Stück Hase und Igel nach der Stückvorlage von Peter Ensikat.

Puppentheater in Kabul © Goethe-Institut KabulParabelhaft und ohne erhobenen Zeigefinger reflektiert die Fabel den Zustand der afghanischen Gesellschaft – ein ebenso amüsantes wie hintergründiges Plädoyer für Toleranz und gegenseitige Akzeptanz. Auch hier wurden die Darsteller zunächst mit den Grundtechniken der Puppenspieltechnik vertraut gemacht. Das Körper- und Muskeltraining verband man spielerisch mit Etüden und Improvisationen zu vorgegebenen Themen, wobei zunächst die nackte Hand, später die Hand- und Stabpuppe als Darsteller menschlicher Verhaltensweisen dienten. Puppen und Bühnenbild wurden, wie beim ersten Workshop, zum größten Teil selbst hergestellt, ausgestattet und bemalt. Allerdings hatten die Teilnehmer bislang ausschließlich eigene Improvisationen auf die Bühne gebracht und waren es nicht gewohnt, mit einer schriftlichen Vorlage zu arbeiten. Entsprechend zeitintensiv war die Erstellung der Textfassung in Dari. Geduldig forderte der Dolmetscher immer wieder die richtige Übersetzung ein, um Witz, Philosophie und Hintergründigkeit der Vorlage beizubehalten.

Im dritten Workshop 2009 erarbeitete Parwaz unter der fachlichen Betreuung von Wieland Jagodzinski ein weiteres Stück, die afghanische Version vom Der Wolf und die sieben Geißlein, das beim 6. Theaterfestival in Kabul Premiere hatte.

„Parwaz“ – das erste Puppentheater-Ensemble Afghanistans

Die Premiere der Puppentheaterproduktion Hase und Igel eröffnete am 23. August 2008 das 5. Afghan National Theatre Festival. Damit wurde auch dem Genre „Puppenspielkunst“ in der jüngeren afghanischen Theatergeschichte ein neuer Stellenwert zugeordnet. Aus dem Impuls der Workshops gründete sich anschließend, unterstützt und betreut vom Goethe-Institut, das erste Puppentheater-Ensemble Afghanistans Parwaz. Mit Hase und Igel hatte es sein erstes Repertoirestück. Parwaz besteht aus neun Mitgliedern. Puppentheater in Kabul © Goethe-Institut KabulZielgruppe sind in erster Linie Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene. Durch mehrere Auftritte in Kabul, in den benachbarten Provinzen, aber auch im Ausland, konnte die Truppe ihre Erfahrungen erweitern und mehr Selbstsicherheit und Eigenständigkeit gewinnen. Parwaz nahm im Januar 2010 mit zwei Theaterstücken am 12. National School of Drama Theatre Festival New Delhi teil, mit Hase und Igel und Buzak-e-Chini, der afghanischen Version von Der Wolf und die sieben Geißlein. Die Gruppe hat auch die Möglichkeit, im Nationaltheater Kabul aufzutreten. Derzeit arbeitet Parwaz im Auftrag von UNICEF an der Entwicklung eines Stücks über die Rechte des Kindes. Anlass ist das 20-jährige Bestehen der UN-Kinderrechtskonvention. Ab Mai 2010 sind insgesamt 26 Aufführungen an Schulen in Kabul, Mazar, Jalalabad, Kandahar und Herat geplant.

Weitere Impulse darf sich Parwaz nun von dem Studienaufenthalt Abdulhaqs an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ erwarten. 2009 hatte Wieland Jagodzinski Abdulhaq nach Berlin zu einem Workshop eingeladen. Daraufhin bewarb sich Abdulhaq an der HFS für ein einjähriges Sonderstudium „Puppenspiel“, für das er nach einem erfolgreich absolvierten Eignungstest eine Zulassung erhielt. Seit Oktober 2009 lebt und studiert er als Stipendiat des Goethe-Instituts in Berlin, unterstützt im Rahmen der Initiative „Kultur und Entwicklung“. Das Goethe-Institut hat Wieland Jagodzinski auch 2010 zu einem Workshop nach Kabul eingeladen, der von Mitte Mai bis Mitte Juli stattfinden soll. Die Ziele sind die weitere Professionalisierung der Gruppe, die Erweiterung ihres Repertoires und die Stärkung ihres Zusammenhalts.

„Das ist eine große Chance für mich.“, Interview mit Abdulhaq Haqjoo

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