Wanderer zwischen den Welten

Nachdem der Direktor des Goethe-Instituts Kolkata von indischen Musikpädagogen gefragt worden war, wie sie diese westliche Klassik besser unterrichten könnten, beauftragte das Goethe-Institut vergangenes Jahr Bernd Clausen, Professor für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik in Würzburg, ein Fortbildungsprogramm für indische Instrumentallehrkräfte zu erstellen. Dessen erste Ausbildungsphase wurde nun in die Praxis umgesetzt, als nämlich im Mai 2010 vier Wochen lang 13 Inder an der Musikhochschule in Würzburg zu Gast waren, um sich neue Methoden für ihre Arbeit zuhause anzueignen.
„In diesem Modul in Deutschland ging es vorrangig darum, dass die indischen Kollegen das Musikschulleben hier vor Ort kennen lernen, wo sie hospitieren“, wie Professorin Barbara Busch erläutert, die das Projekt zusammen mit ihrer Kollegin Barbara Metzger und Bernd Clausen leitet. „Das war der eine Baustein. Der zweite war, dass die Kollegen an die Musikhochschule kamen und hier zum einen selbst Unterricht erhielten, zum Beispiel in ihrem Instrument oder im Bereich der Körperarbeit. Darüber hinaus nahmen sie aber auch hospitierend an Seminaren teil beziehungsweise bekamen speziell für sie konzipierte Seminare. Im Mittelpunkt standen da Themen wie Elternarbeit, Methoden im Instrumentalunterricht, Üben…“
Die Projektteilnehmer unterrichten in Indien die dort beliebtesten Instrumente – Geige, Gitarre und Klavier – und wurden mit Überlegung ausgewählt, wie Matthias Emmerling, Projektkoordinator des Goethe-Instituts in Indien, betont: „Es gab eine Ausschreibung vom Goethe-Institut und daraufhin wurden 14 ausgewählt aus vier, ursprünglich fünf indischen Städten, wobei wir versucht haben, immer einen älteren Lehrer mitzunehmen, der die Erfahrung mitbringt, der auch in der Schule dort anerkannt ist und neue Ideen dort leichter reinbringen kann, und einen jungen Lehrer, der durch seine Offenheit vielleicht noch leichter die Ideen, die er hier aufnimmt, für sich selbst adaptieren kann.“
Natürlich: Es gibt auch eine indische klassische Musik und eine entsprechende Didaktik. Aber die funktioniere anders als die westliche, erklärt Emmerlings indischer Kollege Surjodoy Chatterjee: „Indische klassische Musik lernt man normalerweise durch Imitieren. Wir haben dieses Konzept des Guru, das heißt eines Mannes, der ein erfahrener Musiker ist und selber spielt oder singt und dabei unterrichtet. Da sitzen die Schüler dabei, hören anfangs zu, singen manchmal auch selbst mit. Meistens imitieren sie aber nur und erst, wenn man selbst schon viel gelernt hat, dann muss man improvisieren.“ Und das bisherige Konzept für die westlich Musik in Indien sei dieser auch nicht unbedingt angemessen, meint Chatterjee: „Die Lehrer lernen einfach ein Instrument, und schon im nächsten Monat unterrichten sie das dann vielleicht.“
So eröffneten sich den Gästen in Deutschland teilweise wirklich neue Welten: etwa im Seminar mit Barbara Metzger und ihrer Kollegin Inge Rosar, Professorin für Klavier und Methodik, die den Indern ganze Paletten an Ideen vorstellten, um Kindern auf spielerische Weise etwas beizubringen, sie dabei noch zu motivieren und zu eigenen Versuchen mit Noten und Rhythmen anzuregen. Oder einfach bei der Hospitanz in diversen Musikschulen in der Umgebung. Und natürlich auch schlicht am eigenen Instrument. „Es war eine wunderbare Erfahrung hier, denn es gab so viel Neues zu lernen, für das ich sehr dankbar bin.“, erzählt ein Teilnehmer aus Delhi. „In den Seminaren haben wir so viele neue Sachen gelernt, von denen ich ehrlich nichts wusste! Ich werde versuchen, das auch in Indien anzubringen, sodass sowohl ich als Lehrer als auch meine Schüler davon profitieren.“ Und einer seiner Kollegen ergänzt: „Ich glaube, dass wir in Indien nicht so viele Möglichkeiten haben, neue Techniken zu lernen, denn die Welt mach täglich Fortschritte, aber wir beschäftigen uns immer noch mit ganz grundlegenden Dingen, die so schon vor 50 oder 100 Jahren gemacht wurden. Deshalb öffnet uns diese Fortbildung die Augen, wir lernen sogar Methoden, um schon Kinder mit zwei oder drei Jahren zu unterrichten.“
Und so freuen sich die Inder ebenso wie die ob des Engagements der Inder selbst ganz begeisterten deutschen DozentInnen nun bereits auf die beiden nächsten Fortbildungsmodule, zu denen die Deutschen im Juli und dann noch einmal im Herbst jeweils eine Woche nach Indien reisen werden. Nach dem letzten Modul werde Bernd Clausen dann zuerst einmal eine Evaluation durchführen, erklärt Matthias Emmerling, der die indischen Pädagogen auch in den Phasen zwischen den Modulen in Indien begleitet. „Wie es dann weitergeht, das müssen wir auch in die Hände der indischen Kollegen geben, weil es hier eben um Entwicklungszusammenarbeit gehen soll und nicht darum, dass die Deutschen ihr wohlbewährtes System ausbreiten. Wir wollen und müssen auch die Erfahrung der indischen Kollegen vor Ort einbeziehen, damit es ein langlebiges Projekt wird.“ Denn aus dieser Erfahrung ließe sich schließlich auch für uns Europäer eine Menge lernen, fügt Busch hinzu: „Nämlich einmal diese Aufmerksamkeit, die dem Lernen am Modell geschenkt wird: Das ist etwas, was wir auch tun, was aber vielleicht nicht immer so reflektiert eingesetzt wird, wie man es tun könnte. Und dann das Improvisieren. Das ist auch ein methodischer Ansatz, der zunehmend im Bereich der Western Classical Music entdeckt wird und der ein unglaubliches Potenzial beinhaltet. Also kurz gesagt: Es muss ein Erfahrungsaustausch stattfinden. Wir lernen auch von den indischen Kollegen!“
zuerst erschienen in: Üben & Musizieren 4/2010
Mit Genehmigung der SCHOTT MUSIC GmbH & Co. KG, Mainz - Germany







