Puppentheater in Afghanistan

„Das ist eine große Chance für mich.“

Abdulhaq Haqjoo © Ula Brunner
Abdulhaq Haqjoo © Ula Brunner
Abdulhaq Haqjoo, 27 Jahre alt, wurde in Kapisa, einer Provinz nördlich von Kabul geboren. Während seines Schauspielstudiums an der Kabul University, Faculty of Fine Arts, nahm er an Puppenspiel-Workshops des Goethe-Instituts Kabul teil. Unterstützt von Goethe-Institut absolviert er seit Oktober 2009 ein Sonderstudium im Fach Puppenspiel an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ (HFS) in Berlin.

Herr Haqjoo, Sie haben Schauspiel in Kabul studiert. Was interessierte Sie am Puppenspiel?

Ich liebe alle Arten von Kunst. Deswegen habe ich mich auch gleich für den Workshop bei Wieland Jagodzinski angemeldet. Wir haben mit Handpuppen angefangen, man konnte viel ausprobieren. Bei der Spieltechnik habe ich von meiner Ausbildung profitiert, denn auch eine Puppe hat einen Körper, Hände, einen Kopf, eine Sprache – wie ein Schauspieler. Ich glaube, wer kein guter Schauspieler ist, kann auch kein guter Puppenspieler werden (lacht). Es ist in unserer Kultur auch ein bisschen einfacher, Geschichten mit Puppen zu erzählen. Zum Beispiel kann ein Schauspieler auf der Bühne keine Frau küssen. Aber bei Puppen ist das kein Problem, da ist man ein wenig freier.

2009 gründete sich mit Unterstützung des Goethe-Instituts Kabul das Puppenspiel-Ensemble Parwaz. Sie sind von Anfang an dabei. Konnte die Gruppe an eine Puppenspieltradition in Afghanistan anknüpfen?

Abdulhaq Haqjoo im Fundus der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin © Ula BrunnerVor den Taliban gab es ein kleines Puppentheater in Kabul, aber das ist schon lange her und kaum jemand kann sich noch daran erinnern. Aber Parwaz spielt nicht nur in Kabul, wir gehen auch in andere Provinzen, vor allem an Schulen. Zurzeit produziert Parwaz im Auftrag von Unicef ein Stück über Kinderrechte, das in 26 Schulen in Afghanistan aufgeführt wird. Kinder lieben Puppentheater, sie staunen, sind begeistert. Aber wir spielen auch für Erwachsene.

Wer macht alles bei Parwaz mit?

Zurzeit sind neun junge Schauspieler bei Parwaz, die meisten waren auch beim Workshop von Wieland Jagodzinski dabei. Es sind alles sehr gute Spieler, die ein feines Gespür dafür haben, was man alles mit Puppen machen kann.

Wie sind sie zur Ernst-Busch-Hochschule gekommen?

Wieland Jagodzinski hat mich im Januar 2009 nach Berlin eingeladen. Ich habe den Unterricht an der Hochschule besucht, mit Studenten und Dozenten geredet. Nach drei Wochen habe ich gefragt, ob ich hier studieren darf und man hat mir gesagt, ich solle eine Aufnahmeprüfung machen. Ich habe ein kleines Stück, etwa fünf Minuten lang, in meiner Sprache eingeübt und vorgeführt. Alle fanden es sehr gut und ich hatte den Studienplatz. Das war ein großes Glück für mich.

War es anfänglich schwierig hier in Deutschland?

Seltsamerweise fand ich den Kulturunterschied gar nicht so gravierend. Vielleicht weil ich schon so viele Filme über Europa und Deutschland gesehen habe. Schwierig war es anfangs eher, weil ich niemanden gekannt habe. Aber mittlerweile fühle ich mich sehr wohl hier an der Hochschule.

Insgesamt drei Semester werden Sie in Berlin an der Ernst-Busch-Hochschule studieren. Was sind ihre Schwerpunkte?

Abdulhaq Haqjoo mit einer Zwergenmaske © Ula BrunnerEs ist eine Mischung aus Unterricht und praktischer Arbeit. Wir üben permanent Stücke ein und führen sie auf. Diese Woche zeigen wir „Schneewittchen“. Aber ich lerne auch sehr viel Handwerkliches – Puppentechnik, Akrobatik, Bewegung, Sprechen, Schauspiel, Szenenstudium, Maskenbau oder Animation. Für Puppenspieler ist es sehr wichtig, nicht nur Puppen, sondern auch Gegenstände zu animieren. Eine Kaffeetasse so zu bewegen, dass sie „lebt“, braucht Anleitung und Erfahrung. Das werde ich auch meinen Kollegen bei Parwaz zeigen.

Haben Sie denn zurzeit Kontakt zu Parwaz?

Aber ja. Wir mailen jeden Tag und ich helfe ihnen von hier aus. Ich kann ihnen Beispielsweise erklären, wie man eine bestimmte Puppe baut. Sie schicken ein Foto und ich schlage vor, was man machen kann. Anschließend bauen sie das dann in Kabul nach.

Werden sie das Puppenspiel zu ihrem Beruf machen, wenn Sie nach Kabul zurückkehren?

Ja. Wenn ich nach Kabul zurückkehre, werde ich als Dozent in der Kabul University, Fine Arts, arbeiten. Das ist eine große Chance für mich. Wir wollen zunächst eine Puppenspiel-Klasse aufbauen und dann schauen, ob sich daraus vielleicht ein ganzer Studienzweig entwickelt. Und natürlich werde ich auch weiter bei Parwaz mitspielen. Den Kontakt zur Ernst-Busch-Hochschule, aber auch zum Goethe-Institut oder zu Unicef will ich auf jeden Fall halten, denn Kontakte, Zusammenarbeit und voneinander Lernen sind wichtig – für beide Seiten.

Berlin, Mai 2010
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