Najat Bahakim: Das süße Wiedersehen

Die Kurzgeschichte von Najat Bahakim entstand aus Anlass des Essaywettbewerbs zum Projekt Mauerreise im Mai 2009 und wirft einen Blick zurück auf die jemenitische Gesellschaft zu Zeiten der Teilung.
Er erhielt einen Anruf von seinem Freund, der in der Hauptstadt Sanaa im nördlichen Teil des Jemen wohnte und ihn aufforderte, die Gelegenheit wahrzunehmen, in einem großen Unternehmen zu arbeiten. Das Reiseverfahren zwischen den beiden Teilen des Landes glich einem Gebüsch voller Dornen, auf denen man barfuß laufen musste. Er beschloss, mit Hilfe von Schleusern auf die andere Seite zu gelangen.
Sobald der Wagen das Grenzgebiet „Karasch“ im südlichen Teil erreichte, musste er eine Stunde lang im unebenen Bergland zu Fuß laufen, um den nördlichen Teil des Landes betreten zu können. Dadurch vermied er, in die Hände von Banden und Straßenräubern zu fallen. Er verabschiedete sich von seiner Frau und seinen Eltern. Und sobald er die Grenze überschritt, wartete schon sein Freund in einem Luxusauto auf ihn. Nach wenigen Stunden kamen sie in Sanaa an. Die Straßen waren breit, die Gebäude hoch, die Gesichter aus vielen verschiedenen Ländern. Die Stadt war gewachsen und hatte sich ins Unendliche ausgebreitet. All das erstaunte ihn sehr. Die Tage vergingen und alles verlief reibungslos. Die Welt mit ihren Freuden umarmte ihn und es fehlte ihm lediglich, in das Gesicht seiner Frau sehen zu können. Briefe brauchten sehr lange und das Telekommunikationsnetz ließ zu wünschen übrig. Seine Frau hatte einen Antrag auf Besuch ihres Mannes im Norden gestellt, doch das Verfahren schien unendlich zu sein. Jedes Mal, wenn sie sich auf die Reise vorbereitet hatte, wurde sie von neuen Hindernissen überrascht. Nach großen Anstrengungen erhielt sie endlich eine Besuchserlaubnis für maximal 20 Tage, unter der Bedingung, einen Bürgen zu haben, der, falls sie verspätet zurückkehrte, ins Gefängnis käme.
Ein anderer Planet
Sie hatte das Gefühl, auf einen anderen Planeten und nicht in den nördlichen Teil ihrer Heimat zu reisen. Vergeblich versuchte sie einen Bürgen zu finden. Beim Besuch eines kranken Verwandten, der sie nach ihrem Mann gefragt hatte, beschwerte sie sich über das, was ihr widerfahren war. Er erklärte seine Bereitschaft, ihr Bürge zu sein. Er litt nämlich sehr unter dem Verlust seines Sohnes, der ebenfalls mit seinen Freunden auf der Suche nach einer besseren Existenz in den Norden geflüchtet war. Er wusste nicht, welchen Weg er gegangen war; dreizehn Jahre waren nun seit seiner Flucht vergangen ohne eine einzige Nachricht von ihm. Fünf Nächte vergingen, um alle Formalitäten zu erledigen. Nun schwebte sie im Himmel, sah das Antlitz ihres Mannes in jeder Wolke, malte sich aus, wie wohl das Wiedersehen mit ihm aussehen würde. Das Flugzeug würde in Kürze landen, sodass sie aus ihren Träumen erwachte und wieder auf dem Boden der Realität landete. Drei Jahre waren seit seiner Abreise vergangen. Ihr Blick schweifte durch die Reihen der Wartenden, um ihn zu finden. Sein Aussehen hatte sich sehr verändert, seine Kleidung, seine Gesichtsfarbe, alles war anders. War es wirklich wahr, dass dieser Mensch ihr Mann war? Das Wiedersehen hatte eine nie dagewesene Süße. Der erste Tag verlief wie ein Hochzeitstag. Alles war neu, sie war überrascht, als er den Schrank öffnete, die vielen Kleidungsstücke ... in bunten Farben … einige sehr weiche ... einige fein und durchsichtig ... sie tastete ihre alte Kleidung ab … zu bunt ... ihre Tage mit ihm hatten einen besonderen Geschmack … in jedem Augenblick des Glückes fühlte sie die Abreise nahen … sie wünschte sich, dass diese Tage kein Ende nehmen würden. Wie schön doch die Welt war, wenn er bei ihr war. Heute war der vierzehnte Tag ihres Wiedersehens. Endlich hatte sie ein eigenes Zuhause ... gute Beziehungen zu den Nachbarn ... ungewohnten Luxus.
Ein weiterer Tag verging, sie erhielt einen Anruf von ihrem Bürgen, der sie an ihren Rückkehrtermin erinnerte, denn er wollte auf seine alten Tage nicht ins Gefängnis kommen, dessen Strapazen er nicht mehr gewachsen wäre. Er bat sie ohne Verspätung zurückzukehren. Das löste einen schmerzhaften inneren Konflikt bei ihr aus. Sie vergoss viele Tränen, weil sie ihren Lebensgefährten verlassen sollte. In diesem Augenblick wünschte sie sich, ein Vogel zu sein, der im Himmel, ohne Grenzen, schweben könnte. Ihr Mann kehrte von seiner Arbeit zurück und wischte ihr die kullernden Tränen aus dem Gesicht. Er wusste, dass ihre Abreise nahte und dachte an ihre baldige Rückkehr in ein unglückliches Leben, dass sie ihn verlassen musste und die damit verbundene Qual. Dort war alles verboten ... Sozialismus und Kommunismus ... Benachteiligungen durch die regierende Partei ... Unterdrückung und Zwang ... die Härte des Lebens auf der anderen Seite. Sie bat ihn, eine Lösung zu finden, sie flehte ihn an ... er weinte mit ihr vor Abschiedsschmerz. Aber sie musste zurückkehren, denn ihr Verwandter hatte nichts verbrochen, er hatte nicht verdient, in Schwierigkeiten zu kommen.
Am sechzehnten Tag erhielt sie einen Anruf: Es war die Nachricht vom Tod ihres Verwandten. Sie warf den Telefonhörer auf den Boden, fühlte ein unermessliches Glück. Sie schrie vor Freude, doch sie hatte ebenso ein schlechtes Gewissen. Sie nahm den Hörer erneut in die Hand, redete weiter, Tränen rollten wegen des Verlustes über ihr Gesicht, sie betete um Vergebung für ihn ... sie konnte sich nicht erklären, warum die Freude in ihr überwog ... sein Verlust schmerzte sie sehr ... sie vergoss viele Tränen. Es erfüllte sie ein Hauch von unbeschreiblichem Glück, sie war irritiert und wusste nicht mehr, ob sie eine gute oder eine schlechte Nachricht verbreiten sollte. Es war das erste Mal, dass sie sich über den Tod eines geliebten Menschen freute. Sie schrie laut ... klopfte an die Türen ihrer Nachbarn ... Nachbarn, die sie überhaupt nicht kannte und teilte ihnen mit, dass sie nicht mehr in den Süden zurückkehren musste ... sie würde für immer und ewig bei ihrem Geliebten bleiben dürfen.
Sie kehrte mit einem breiten Lächeln in ihre Wohnung zurück, entspannte sich auf dem Sofa ... ließ das Leben des Toten Revue passieren und weinte viel. Sie zeigte mit ihren Fingern auf die Grenzlinie zwischen den beiden Teilen eines Landes: die Söhne eines einzigen Vaterlandes sind getrennt ... wann werden wir wieder ein Land sein? Wann werde ich meinen Vater, meine Geschwister, meine Freundinnen wiedersehen können. Wann wird sich meine Heimat wiedervereinigen ... wann kann ich ohne Pass durch ihre Teile wandern? Sie hält diese Grenzlinie fest ... zieht ihre Wurzeln aus der tiefen Erde heraus ... kämpft gegen die Wächter, schreit ganz laut: „ Hilfe, Hilfe, ein Jemen und nicht zwei“. Das Echo ihrer Stimme erschüttert die Natur, die Berge, das Innere der Erde … von Osten nach Westen … Viele kommen flüsternd zu ihr … ihre Zahl nimmt zu … alle wollen die Grenze überschreiten … jeder von ihnen beschwert sich über Heimatlosigkeit … viele Hände reißen mit ihr die Grenzlinie heraus … die Soldaten beider Teile leisten Widerstand … jeder schaut auf den anderen … alle sehen gleich aus … alle reißen die Grenzen heraus … schreien vereint: „Ein Jemen … und nicht zwei!“ Ihre Stimmen erreichen die Führer. Wenn ein Volk den festen Willen hat, sich zu vereinigen, muss das Schicksal gehorchen.
Najat Bahakim,
Jahrgang 1974, veröffentlichte ihr erstes Werk „In einer Nacht“ im Jahre 2009. Außerdem veröffentlichte sie diverse Kurzgeschichten und Essays in Zeitungen. Demnächst erscheint ihr erster Roman mit dem Titel „Der Salzgeschmack“. Thematisch konzentriert sich Najat Bahakim auf die Auswirkungen der schlechten wirtschaftlichen Lage auf die Gesellschaft.
Übersetzung: Dr. Ola Adel Gawad
Bearbeitung: Asaad Al-Hashdi und Martin Linden (Deutsches Haus Sanaa & Aden)
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2009
Jahrgang 1974, veröffentlichte ihr erstes Werk „In einer Nacht“ im Jahre 2009. Außerdem veröffentlichte sie diverse Kurzgeschichten und Essays in Zeitungen. Demnächst erscheint ihr erster Roman mit dem Titel „Der Salzgeschmack“. Thematisch konzentriert sich Najat Bahakim auf die Auswirkungen der schlechten wirtschaftlichen Lage auf die Gesellschaft.
Übersetzung: Dr. Ola Adel Gawad
Bearbeitung: Asaad Al-Hashdi und Martin Linden (Deutsches Haus Sanaa & Aden)
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2009









