Palästinensische Gebiete

Bedeutsame Mauersteine

Studenten der Birzeit-Universität erläutern die Inspiration hinter ihren Entwürfen für die Mauerelemente

Mein Bleistift

„Dieser Gestaltungsentwurf soll zeigen, dass die Mauer nicht hierher gehört – und auch an keinen anderen Ort. Deshalb haben wir einen Radiergummi in das Bild aufgenommen: Er demonstriert, dass die Mauer leicht entfernt werden kann. Damit wird deutlich, wie lächerlich die Mauer eigentlich ist. Wir haben Graffiti-Spray verwendet, um die Farbe aufzutragen. Das ist ein Hinweis auf die Zerbrechlichkeit der Mauer; gleichzeitig wird damit die Absurdität ihres Vorhandenseins anschaulich. Die Mauer lässt sich leicht überwinden – man braucht dafür keine Armee und keine Planierraupen; ein Bleistift mit Radiergummi reicht schon, um den Lauf der Dinge zu verändern.

Bleistift. Foto: Mira Stobbe
Werk: Easily Erasable, Design: Baha Ghosheh, Sultan Nabil, Abeer Muthafar, Amani Barakat, Ahmad Batieh

Dort, wo der Radiergummi die Mauer ausgelöscht hat, erscheint das Bild einer ländlichen Gegend – leer und friedlich, unbeeinflusst von Menschen und ihren Fehlern. Für die Darstellung der Landschaft haben wir einen von van Gogh inspirierten, abstrakten Stil gewählt– als Zeichen für die Allgemeingültigkeit der Mauerproblematik, die ja nicht auf Palästina begrenzt ist. Der Weg zwischen den Bäumen gibt der Landschaft mehr Tiefe; er führt den Betrachter außerdem weg von dieser Szenerie und hin zu einer besseren Zukunft.“

Figuren

„In Palästina wurden viele Häuser abgerissen, um die Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland zu errichten. Unsere Grundidee für dieses Projekt war es, Menschen zu zeigen, die mit den Überresten ihres früheren Zuhauses die Mauer überwinden. Im Verlauf unserer Arbeit verlagerte sich der Schwerpunkt jedoch, und zwar hin zum Konzept von Gemeinschaft und von Hoffnung, selbst wenn es nur wenig Anlass hierfür gibt. Wir entschieden uns dafür, auf humorvolle Weise abstrakte Figuren zu zeichnen, damit sich jeder schnell mit den Figuren identifizieren und sich in ihre Lage versetzen kann. Im Vergleich zur Höhe der Mauer sind die Figuren sehr klein, und sie haben keine geeigneten Hilfsmittel zu ihrer Überwindung. Dennoch verlieren sie nicht die Hoffnung. Sie improvisieren stattdessen und nutzen gewöhnliche Alltagsgegenstände für ihren Aufstieg. Sie helfen einander, geben sich gegenseitig Halt, wenn es wacklig wird, und fangen sich gegenseitig, wenn sie fallen. Insgesamt besteht ein fragiles Gleichgewicht – die Handlung eines Einzelnen kann alles zum Einsturz bringen. Die erste Figur ist aber schon auf der anderen Seite angekommen, und die Chancen stehen ziemlich gut, dass auch die anderen die Mauer überwinden, wenn sie weiter in Bewegung bleiben.“

Figures. Photo: Mira Stobbe

Figures. Photo: Mira Stobbe
Werk:We can ... , Design: Marwa Tamimi, Aya Qirrish, Riham Marrar, Aiysha Kleib, Tarek Joudeh


Olivenbaum

„Der Olivenbaum ist charakteristisch für die Landschaft in Palästina. Diese Bäume sind extrem langlebig – von einigen wird gesagt, sie seien über 2.000 Jahre alt. Die Wurzeln sind tief im Boden Palästinas verankert. Im Zusammenhang mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wurde der Olivenbaum zum Symbol für das palästinensische Volk und seine Verwurzelung mit diesem Land. Unser Entwurf zeigt einen Olivenbaum, der durch die Mauer bricht. Der Olivenbaum – Verkörperung von Stabilität und natürlicher Stärke – bezwingt dieses zerbrechliche, von Menschenhand geschaffene Bauwerk mit Leichtigkeit.

Der Olivenbaum besteht aus Vierecken in unterschiedlichen Farben, angelehnt an den Stil von Piet Mondrian. Die Farben drücken die Hoffnung und die Lebensfreude der Menschen in Palästina aus. Einige Vierecke brechen aus dem Baum heraus, ähnlich wie Blätter, die durch starke Windböen hoch in den Himmel geweht werden. Die Blätter des Olivenbaums sind seit Hunderten von Jahren und über viele Kulturen hinweg das Symbol des Sieges – in Form eines Kranzes auf dem Kopf des Siegers, bei Spielen ebenso wie im Krieg.“

Olivenbaum. Foto: Mira Stobbe
Werk: Liberty, Bright And Outright , Design: Jana al Araj, Rana Hannouneh, Rula Zhour, Shadi Hoshieh, Maha Mohtasib, Ru'a Jaber


Die Geschichte von Faris

„‚Die Geschichte von Faris‘ ist die Geschichte jedes einzelnen Palästinensers, jedes einzelnen Menschen, der je unter einer Trennmauer zu leiden hatte. Wir haben die Geschichte in einem Comicstrip erzählt, damit Kinder und Erwachsene gleichermaßen Zugang dazu finden; außerdem ist diese humorvolle Ausdrucksform mal eine andere Art, mit diesem ernsten Thema umzugehen. Die Geschichte wurde zum Teil angeregt durch das Lied ‚Tefel wa Tayara‘ (Ein Junge und ein Flugzeug) von Marcel Khaleife. Am Anfang der Geschichte sieht ein kleiner Junge beim Ballspielen ein Flugzeug. Er freut sich und ruft seine Freunde herbei, damit sie sich den glänzenden Flieger ansehen können. Kurz darauf wirft das Flugzeug einen großen Klotz ab. Auf der anderen Seite des von uns gestalteten Mauerelements sieht man, wie der Klotz sich in Tausende andere einfügt und damit eine große Trennmauer bildet. Im nächsten Bild wird dem Jungen klar, dass sein Spielzeug – der Ball – verschwunden ist, worüber er sehr aufgebracht ist. Durch den Ball wird symbolisiert, wie die Mauer uns von dem trennt, was wir lieben: Verwandte, Freunde und selbst einfache, aber für uns kostbare Habseligkeiten. Faris trommelt seine Freunde zusammen, und gemeinsam versuchen sie, die Mauer umzustürzen. Da die Mauer in Palästina noch nicht gefallen ist, entschlossen wir uns, eine Mauer darzustellen, die gerade fällt, aber noch nicht am Boden liegt. Der Comicstrip endet damit, dass ein Junge (Faris) sich die Geschichte ansieht. Er sagt ‚My story is your story‘ (Meine Geschichte ist deine Geschichte) und baut damit eine Brücke zu anderen Ländern, die unter einer Trennmauer leiden oder gelitten haben. Darin liegt die Hoffnung, dass die Mauer in Palästina fallen wird, genau wie die in Berlin.“

die Geschichte von Faris. Foto: Mira Stobbe


Werk: Die Geschichte von Faris, Design: Rana Abu Ghannam, Riham Saadeh, Hiba Talalweh, Atheer Mir'ib, Maliha Muhammad, Dua' al Baba


Kufiya

„Wenn wir als Palästinenser die Mauer überwinden möchten, müssen wir Kraft aus unseren Wurzeln und Traditionen ziehen. Die Kufiya ist das Symbol der palästinensischen Widerstandsbewegung. Jassir Arafat, der nur selten ohne seine Kufiya gesehen wurde, hat dieses Symbol beliebt gemacht. Heutzutage tragen Menschen in aller Welt die Kufiya, um ihrer Solidarität mit dem palästinensischen Volk Ausdruck zu verleihen und gegen die israelische Besatzung zu protestieren. Unser Entwurf für ein Mauerelement zeigt eine traditionell gekleidete palästinensische Frau beim Weben einer Kufiya. Sie hat kein Gesicht, denn sie ist Sinnbild für jeden Menschen in Palästina. Die netzartige Struktur der Kufiya gleicht der palästinensischen Gesellschaft: Jeder einzelne Punkt – jede einzelne Person – wird von der Gemeinschaft unterstützt. Uns gefiel die Idee, mit einer friedlichen Tätigkeit wie dem Weben die Mauer zu überwinden, die ja ein starkes Symbol für Trennung und Verlust ist.“

Kufiya. Foto: Mira Stobbe
Werk: Stitch By Stitch – Woven Deliverance ... , Design: Hiba al Souki, Shifa' Salah, Rozan 'Imleh, Rinal Ghoul
Mira Stobbe
Goethe-Institut Ramallah

    Tagebuch: My story is your story

    ... oder wie neunzehnjährige Palästinenserinnen mit einem Stück Mauer umgehen.

    Alia Rayyan ist Deutsch-Palästinenserin und wohnt in Ramallah.

    28. Mai 2009: Birzeit Universität