Comic Dossier

Jacques Tardi's „Elender Krieg“

Tardi/Verney ELENDER KRIEG 1914-1919, (c) Edition Moderne 2014Der französische Comic-Autor Jacques Tardi beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit dem Thema des Ersten Weltkriegs. In „Elender Krieg“ von 2008/2009 schickt er einen Pariser Fabrikarbeiter in die Hölle der Schützengräben an der Westfront.

1914, 1915, 1916, 1917, 1918, 1919: Je fünfzehn Seiten folgen in Jacques Tardis Elender Krieg diesen diesen in grau gesetzten Jahreszahlen, die ein Drittel ihrer jeweiligen Seite einnehmen, gefolgt von zwei jeweils quer über die Seite gestreckten Panels. Dabei sind diese Jahreszahlen, die einen breiten historischen Assoziationsraum eröffnen, weniger Kapitelüberschriften als in ihrer graphischen Dominanz Taktschläge, deren Rhythmus sich die graphische Erzählung des Krieges unterzuordnen hat. Allein schon in der Gestaltung der ersten Seite eines jeden Jahresabschnittes entsteht so ein Spannungsverhältnis zwischen der grau und abstrakt repräsentierten historischen Wirklichkeit und ihrem Comic-Ab- und Gegenbild.

Schnittstellen zwischen Geschichte und Erlebnis

Aus der Perspektive eines Pariser Fabrikarbeiters, eingezogen zu Beginn des Krieges, werden die Kriegsjahre an der Westfront erzählt oder vielmehr berichtet. Denn Sprechblasen, die dramatische Dialogform des Comics auf der graphisch erzählten Bühne, findet man in Tardis Werk nicht. Vielmehr bedient er sich des filmisch anmutenden Stilmittels des Off-Kommentars, dem Bilder zugeordnet sind, die aus einer menschengemachten Hölle berichten – daran lassen bereits die ersten Seiten keinen Zweifel. Im Verlauf des Comics steigert sich dieser Charakter bis hin zu grausamen Momentaufnahmen einschlagender Artilleriegeschosse oder den Verstümmelungen französischer Kriegsversehrter – zwei Seiten allein widmet Tardi als Schlusspunkt des Abschnitts „1918“ den geules cassées (in Folge des Krieges entstellte Menschen). Comichaft verfremdet erheben sie stumm Anklage. Diese entstellten Gesichter konterkarieren das Ende des Abschnitts wie auch das des Krieges mit einem bitteren Verweis auf die Fortsetzung des Leids. Konsequenterweise ist das abschließende Jahr 1919 kein Bericht über den Frieden, sondern über die Verheerungen des Krieges.

Im Schlamm der Schützengräben

Tardi gelingt es meisterhaft, immer wieder exemplarische Bilder und auf das allgemeine Geschehen bezogene Berichte seines Chronisten mit dessen fiktiven Kriegserlebnissen zu verschalten: Mal berichtet er kurz vom Krieg in den Alpen oder der Situation der englischen Soldaten in Belgien, um dann den unüberlegten Todesschuss eines seiner Kameraden zu erzählen, der einen fatalen deutschen Artilleriebeschuss auf den Schützengraben seiner Kompanie zur Folge hat. Die großen historischen Geschehnisse werden so auf ihren unmittelbaren Grund zurückgeführt, der in Elender Krieg aus dem Schlamm der Schützengräben und dem darin vergossenen Blut besteht. Immer wieder wird von einer stetigen Enthemmung der Soldaten berichtet, ausgelöst durch die Grausamkeit moderner Kriegsführung. Indem der Chronist die Ebene der Historiographie mit dem direkten und brutalen Alltag der Soldaten verbindet, gewinnt seine Stimme allgemeingültigen Charakter. Tardi inszeniert seinen Protagonisten als Richter über den Krieg, der fußend auf der eigenen Erfahrung sein Urteil fällt.

Versunken in Grau und Braun

Das gleiche lässt sich auch über den Zeichenstil sagen: Wie im Falle der geules cassées sind die historischen Bildvorlagen oft mit Händen zu greifen. Da sie aber in einem sehr distinkten Comicstil, dem auch die Karikatur nicht fremd ist, verarbeitet werden, erlangen die Zeichnungen einen Grad an Individualität und Lebendigkeit, den eine zur Illustration verwendete historische Fotografie so nicht besitzen kann. Tardis eher grobe Linienführung bei gleichzeitig hoher Detailliertheit entfaltet in ihrer Wirkung eine große Wucht und führt den Leser direkt in das Geschehen an der Westfront. In Tardis Bildern wird ein Europa präsentiert, das in eben jenem Schlamm der Schützengräber versinkt. Entsprechend verhält sich die Farbpalette, die von den noch sehr bunten ersten Seiten sich immer weiter grau-braunen und schwarz-weißen Tönen annähert, bis schließlich auf vielen Seiten Rot als einziges Farbsignal übrigbleibt. Auch jenseits der durch den Ich-Erzähler zusammengehaltenen Geschichte spricht so jedes einzelne Panel für sich als eine je eigene Tonlage eines wahrhaft elenden Krieges.

Passend zu diesem Stil ist die beißende politische Kritik des Chronisten an den Herrschenden und Befehlenden, die nicht selten einen sarkastischen Ton annimmt, der manches Mal in Zynismus kippt. In dieser meint man das Echo von Tardis eigener Stimme zu hören, der aus seiner dem Anarchismus zugeneigten Einstellung nie einen Hehl gemacht und erst kürzlich die Aufnahme in die französische Ehrenlegion abgelehnt hat.

Schreckliches Erwachen

Jacques Tardi beschäftigt sich seit mehr als 40 Jahren mit dem Thema des Ersten Weltkriegs. In einem Interview berichtet er von seinen Erinnerungen an den Großvater, der an den Folgen des Gaskriegs starb, als der Zeichner fünf Jahre alt war. Seine Großmutter erzählte in der Folge Geschichten aus dem Krieg, die dem Jungen Albträume verursachten. Vielleicht kehrte Tardi diese frühe Erinnerung in seinem Erstling Adieu Brindavoine von 1974 um: Der Fotograf Lucien Brindavoine wird von einem mysteriösen Boten in den Nahen Osten auf ein Abenteuer geschickt, das sich als surrealistische Albtraumreise entpuppt, die schließlich in das koloniale Afghanistan und zu einer eisernen, auf Stelzen stehenden Stadt führt. Am Ende erwacht Brindavoine im Ersten Weltkrieg, flüchtet sich mit zwei französischen Kameraden und einem Deutschen auf einen verlassenen Hof und bricht schließlich, der Desertion angeklagt, zusammen. Die Frage am Ende sei erlaubt und wahrscheinlich in Tardis Sinne, wie oft man nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs noch aufwachen muss.

Tardi/Verney ELENDER KRIEG 1914-1919, (c) Edition Moderne 2014

Tardi/Verney ELENDER KRIEG 1914-1919, (c) Edition Moderne 2014Tardi/Verney ELENDER KRIEG 1914-1919, Copyright Edition Moderne 2014

Lorenz Wesemann
studierte Literaturwissenschaft und Geschichte, arbeitet als freier Redakteur und lebt in Offenbach am Main.

Copyright: Goethe-Institut e.V.
Dezember 2014

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    Jacques Tardi

    wurde 1946 in Valence geboren. Er gilt als einer der wichtigsten französischen Comiczeichner. Tardi setzt sich immer wieder mit historischen Themen auseinander, insbesondere mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Großen Erfolg brachten seine Adaptionen der Romane Léo Malets. In seinen Werken nimmt er oft eine herrschaftskritische Perspektive ein.