Comic Dossier

Eine Südseeballade

Zeichnung von Corto Maltese; © SobohP, CC-BY-NC-SADer italienische Comicautor Hugo Pratt veröffentlichte 1967 „Una ballata del mare salato“. Die Abenteuererzählung führt Pratts Serienheld Corto Maltese in die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs südlich des Äquators.

Die Ballata beginnt direkt nach einer empfindlichen Störung des Gleichgewichts. Wie der Pazifik im ersten Panel des Comics selbst berichtet, habe er sich gerade von einem Zornesausbruch beruhigt und zuvor einiges an Zerstörung verursacht. Die Handlung setzt ein am 1. November 1913, Allerheiligen und „Tarowean, Tag der Überraschungen“.

Auf Rasputins Schiff

Auf der nun wieder ruhigen See treffen sich in der Folge die meisten Protagonisten dieses breit angelegten Comicromans — doch das Gleichgewicht wird so schnell nicht wiedergefunden. Stattdessen sammelt der Piratenkapitän Rasputin, ein russischer Deserteur und gesuchter Mörder, auf seinem Katamaran die Schiffbrüchigen Cain und Pandora Groovesnore auf. Diese beiden, Cousin und Cousine, sind Mitglieder einer anglo-amerikanischen Reederfamilie, einer „Dynastie der Meere“, wie Corto Maltese gegen Ende der Erzählung einmal sagen wird. Corto ist der nächste, der von Rasputin aus dem Wasser gefischt wird, ausgesetzt von seiner meuternden Mannschaft. Während Corto ebenso wie Rasputin zu einer Gruppe moderner Piraten gehört, die unter Führung des mysteriösen Monaco von der unbekannten Insel Escondida aus Kaperfahrten für die deutsche Marine unternimmt, sind die Jugendlichen Cain und Pandora Gefangene auf Rasputins Schiff, mit dem Ziel, Lösegeld für sie zu erpressen.

Es ist wohl angebracht, innezuhalten und diese Gischt an Personen und Verwicklungen ihrerseits sich etwas beruhigen zu lassen. Exakt datiert setzt die Erzählung ein, jedoch am „Tag der Überraschungen“. Überrascht wird als erstes derjenige, der an der Exaktheit eines Datums Halt sucht, erleidet er doch sofort durch den Wirbel der Namen Schiffbruch: Was macht ein 1916 in Petrograd ermordeter Wanderprediger, Rasputin, als Pirat auf einem Eingeborenenkatamaran 1913 in der Südsee, so weit entfernt von seinem historischen Wirken? Wie kann er zwei mythische Gestalten, nämlich Cain (Kain) und die Übel bringende, liebreizende Verführerin Pandora dort an Bord nehmen? All dies geschieht im Auftrag eines abwesenden Mönches, des Monaco, der von einer versteckten Insel Teile der Südsee kontrolliert. Nein, mit historischer Akkuratesse ist es dann nicht mehr weit her. Vielmehr ist die Südsee in dieser Südseeballade der Raum einer Erzählung, die sich an den Versatzstücken der Mythologie, der Geschichte und auch der Kolportage schadlos hält, um arabeskenhaft ein eigenes Abenteuer zu erzählen — in weiter Ferne (mare salato) und im ausschweifenden Ton (ballata).

Zeitsprünge

Umberto Eco hat in seinem Vorwort zur italienischen Neuausgabe der Ballata im Jahr 1991 sehr ausführlich die „verschlungenen Seerouten“ der Protagonisten herausgearbeitet, die von geographischen Ungenauigkeiten, gar Unmöglichkeiten nur so strotzen. Eco hat dies auf die schöne Formel gebracht, man reise im „Archipel der Unbestimmtheit“. Unbestimmtheit findet sich auch auf der Ebene der Zeit: Nach jenem schicksalsschweren 1. November 1913 vergeht ungefähr ein Jahr, bis Corto und die anderen zusammen mit dem deutschen Leutnant Slütter auf der Insel Escondida landen und endlich dem nun selbst für den Leser zur Legende gewordenen Monaco begegnen. Der Krieg hat mittlerweile begonnen.

Zuvor erleiden Corto, Pandora, Cain, der melanesische Pirat Cranio und der neu hinzugekommene Tarao Schiffbruch, werden von Kannibalen gefangengenommen, fliehen und treffen schließlich Rasputin wieder, als dieser mit Slütter auf dessen U-Boot unverhofft vor ihnen auftaucht. Diese Ereignisse aber folgen so rasch aufeinander, dass an keiner Stelle die lange Dauer, die sie füllen sollen, in der Erzählung erfahrbar wird. Zeitsprünge sind vielmehr einfach gegeben, wenn ein Datum genannt oder angedeutet wird. Die Grenzen von Raum und Zeit verschwimmen, so Eco. Alles ist hier Teil der Welt der Geschichten und Legenden, selbst der Krieg als Motor der Handlung.

Corto, der Abenteurer

Ist nicht selbst die Zeitspanne von der Jahrhundertwende bis 1918 zum mythischen Zeitraum der Moderne geworden? Man mag darüber streiten, doch die Figur des Corto Maltese legt dies nahe. Die Zeit ab 1900 ist eine Zeit des Endes: Die Kolonialisierung hat ihren Höhepunkt erreicht, die Welt bietet kaum noch Unentdecktes, der Rückzugsraum für Abenteurer ist klein geworden und das bürgerliche System ist dabei, die Welt bis zu den Salomon-Inseln zu verwalten. Etwaige Rückzugsräume liegen nicht mehr im geographisch, sondern im mythisch Unbekannten. So mag die Südsee kolonialisiert sein, ihre Geheimnisse und verborgenen Bedeutungen sind dennoch nicht entdeckt.

Die Sehnsucht nach Abenteuer, Arcanum und Mythos lässt sich ohnehin nicht kolonialisieren, ja, sie entzündet sich vielleicht umso stärker an dem Bewusstsein, dass die Welt entdeckt ist. Gleichzeitig aber betrauert diese Sehnsucht ihre eigene Verspätung. Die melancholischen Züge Cortos sprechen genau dafür, ohnehin ist die vorherrschende Stimmung der Bilder der Südseeballade elegisch, das Licht ist meist ein spätes. Kollabiert nun eine Ordnung wie im Ersten Weltkrieg, ergeben sich gerade an deren Rändern, an Orten also, die im europäischen Denken genuin mit Ferne und Fremdheit konnotiert sind, Bewegungsfreiheiten für Abenteurer — die bürgerliche Welt ist in der Ballata auf trügerische Weise suspendiert.

Es bedarf der Turbulenzen des Krieges, dass einer wie Corto verspätet in die Fußstapfen der Helden von Robert Louis Stevenson oder Herman Melville treten kann. Im Gegensatz zu diesen aber kann er nicht verbergen, Figur eines literarischen Traumes zu sein. Tatsächlich lesen die Protagonisten ausgesprochen viel, selbst Rasputin, der Mörder, kann Rilke zitieren und Shelley im Original lesen. Stärker als alle anderen aber stehen die Werke Melvilles im Vordergrund. Mehrfach wird Moby Dick erwähnt und Ausgaben von Melvilles frühen Abenteuerromanen stehen in der Bibliothek Slütters auf dessen U-Boot (das Cain übrigens beim Auftauchen mit Moby Dick verwechselt).

Kalligraphie

Speist sich die Welt der Südseeballade aus dem Fundus der Literatur, so bauen die Zeichnungen ihre ganz eigene Sprache auf. Das Licht und die Melancholie in Cortos Zügen, die Weite der See und die Verlorenheit der Figuren auf ihr, die immer wiederkehrenden Möwen, sie alle sind Teil einer getragenen Melodie der Linien und Farben, die sehr viel mehr als Chronologie und Datum Tempo und Rhythmus der Erzählung bestimmen. Jeder einzelne Strich trägt in sich die Aufforderung, ihn zu lesen. Es gibt Momente, in denen sich die Zeichnungen Pratts der Kalligraphie annähern: Die Piroge, auf der Tarao und Pandora gegen Ende entkommen können, wird lediglich mit wenigen schwarzen Strichen dargestellt, vor einem weitestgehend ungefüllten Himmel, auf einer schmalen Linie See; der Monaco besitzt erst gar kein Gesicht, unter seiner Mönchskapuze ist nur eine schwarze Fläche zu sehen. Seine Figur wird so zum Mysterium, das selbst die Aufdeckung seiner Identität nicht auflösen kann; Cortos Abschied von Escondida schließlich lässt die Figuren ganz zu schwarzen Schriftzeichen werden, die man lesen können müsste. Im Fortgang der weiteren Abenteuer Corto Malteses verstärkt sich auch dieser Zeichenstil und löst den mythischen Eklektizismus in die Schönheit graphischer Hermetik auf. Konsequenterweise wird die letzte Erzählung um Corto, Mu, durch sprechende Hieroglyphen eröffnet.

Ethik des Glücksritters

Ganz nebenbei erzählt Una Ballata del Mare Salato eine mögliche Geschichte der Versöhnung — nicht auf der großen Ebene des Krieges, sondern auf der der Freundschaft. Cain, im Namen schon der ewige Mörder seines Bruders, gelingt es an einer Stelle nicht, Corto Maltese zu töten. Vielmehr ist er es, der sich am Ende gegen die Möglichkeit zur Flucht entscheidet, um bei dem verletzten Corto zu bleiben. Ganz sacht, als Skizze, kündigt sich hier eine ethische Revision der conditio humana an. Auf diese Art kann dies nur in der Form der Abenteuererzählung geschehen, die sich die Freiheit nehmen kann, aus der großen Geschichte eine Bühne für den eigenen Auftritt zu machen.

Die Schönheit von Cortos Figur, sein feingeistiges Abenteurertum, bleibt der Geschichte mit all ihren realen Abgründen überlegen, weil er um deren Arrangement weiß und wie sich mit ihnen zu arrangieren ist. Da ist es nur passend, dass er Pandora rät, sie solle bei ihm bleiben, denn er bringe Glück. Auf ihre Nachfrage, wie er sich denn dessen sicher könne, erzählt er, ihm sei als Kind aufgefallen, im fehle in seiner Handfläche die Glückslinie. Also habe er kurzerhand das Rasiermesser seines Vaters genommen und sie sich selbst gezogen.

Lorenz Wesemann
studierte Literaturwissenschaft und Geschichte, arbeitet als freier Redakteur und lebt in Offenbach am Main.

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Dezember 2014

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    Hugo Pratt

    wurde 1927 in Rimini geboren und starb 1995 in Lausanne. Er gilt als wichtiger formaler Neuerer des Comics und schuf mit Corto Maltese eine der berühmtesten Comicreihen überhaupt. Seine Jugend verbrachte Pratt im italienisch besetzten Äthiopien. Nach einem Kunststudium in Venedig, ging er für einige Jahre nach Buenos Aires, wo er als Comiczeichner anfing. Ganz wie in seinen Werken, ist es auch in Pratts Lebensberichten schwierig, Wahrheit und Fiktion auseinanderzuhalten.