Paradoxien

„Les Gueules Cassées“
Narben des Ersten Weltkrieges in der zeitgenössischen Kunst

Yael Bartana. Entartete Kunst Lebt (Degenerate Art Lives), 2010. Animation. ourtesy: Annet Gelink Gallery, AmsterdamYael Bartana. Entartete Kunst Lebt (Degenerate Art Lives), 2010. Animation. ourtesy: Annet Gelink Gallery, Amsterdam

Zur offiziellen Vertragsunterzeichnung im Schloss Versailles am 28. Juni 1919 nehmen fünf französische Kriegsveteranen im Spiegelsaal Aufstellung. Ihre Gesichter sind von Granatsplittern zerfurcht und entstellt. Die Versehrten stehen hier als am Leben gehaltene Kriegsdenkmäler, die sich in den barocken Spiegeln erbarmungslos vervielfältigen. Der Anblick der Männer bringt Ministerpräsident Clemenceau zum Weinen. Auch die deutschen Delegierten müssen an diesem „Mahnmal“ vorbeidefilieren. Keiner von ihnen wird je ein Wort über diese Inszenierung der Kriegsgräuel verlieren.

„Les Gueules Cassées“ wurden sie im Ersten Weltkrieg genannt: Die „zerfetzten Gesichter“ (eigentlich „zerschlagenen Fressen“) sind fortan fester Bestandteil der Ikonografie des „Großen Kriegs“. Die Kunsthalle Mainz nahm das Jahr 1914 zum Anlass, „Les Gueules Cassées“ in einer Ausstellung zu vergegenwärtigen. Sie zeigte Verwundung, Schmerz und Verlust aus dem Blickwinkel zeitgenössischer Kunst. Illustriert wurde weder die politische noch die militärische Geschichte des Ersten Weltkriegs. Vielmehr versammelte diese Ausstellung herausragende Positionen der Gegenwartskunst, die die Narben des Kriegs offenlegen: Angst, Trauma und prekäre Erinnerung.

Der Anblick von Gesichtsverletzungen erzeugt Schauer und Scham. Wenn mehrmals täglich US-amerikanische Black- Hawk-Helikopter das Gebäude der Kunsthalle Mainz überfliegen, wird der lokale Bezug offenkundig. Die Hubschrauber sind auf dem knapp zehn Kilometer entfernten Flughafen Wiesbaden-Erbenheim stationiert, dem Hauptquartier der US-Streitkräfte in Europa. Die Schwerverwundeten aus den Kriegen im Irak und in Afghanistan werden in den hiesigen Militärkrankenhäusern medizinisch versorgt. Die „Gueules Cassées“ der Gegenwart sind in unmittelbarer Nähe, jedoch anders als die Versehrten des Ersten Weltkriegs der Öffentlichkeit entzogen und aus Propagandagründen nicht sichtbar.

Ausstellung:
27. Februar - 8. Juni 2014
Kunsthalle Mainz

Kuratiert von Markus Schinwald und Thomas D. Trummer

Yael Bartana
Tacita Dean
Agnès Geoffray
Wade Guyton
Thomas Hombach
William Kentridge
Peter Piller
Doris Salcedo
Markus Schinwald
Anne Schneider
Karlheinz Stockhausen
Julian Zilz
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