Paradoxien

Für Gott und Vaterland

In seinem Bestseller über den Ersten Weltkrieg stellt der Politologe Herfried Münkler die Sinnfrage: Warum hielten die Deutschen so lange durch? Ein Gespräch über heilige Opfer, sprachlose Kaiser und schuldige Kirchen.

Christ & Welt: Welchen Sinn hatte der Erste Weltkrieg?

Münkler: Rückblickend muss man sagen: keinen. Deshalb ist dieser Krieg ja so interessant. Nicht einmal die in Deutschland Verantwortlichen wussten 1914, warum sie ihn führen und was sie mit ihm bezwecken. Die Franzosen hatten es da leichter. Sie konnten immerhin behaupten, sie kämpften für die Rückgewinnung des 1871 an Deutschland gefallenen Elsass-Lothringen.

C&W: Wenn der Krieg keinen Sinn hatte, wie konnten dann Millionen Menschen in ihm sterben?

Münkler: Weil sie sich Sinnkonstruktionen erschufen oder den von anderen erschaffenen bereitwillig folgten. Das ging auch gar nicht anders. Der Gedanke, für nichts zu fallen, war für die Menschen damals undenkbar.

C&W: Also kämpften sie für Gott.

Münkler: Zumindest behaupteten das viele Theologen und Intellektuelle in Deutschland; für Gott und Vaterland.

C&W: Gott steht aber auf der Seite der Opfer, nicht der Täter.

Münkler: Und die meisten Deutschen waren sich sicher, Opfer zu sein, die von böswilligen Nachbarn in einen Krieg gezwungen wurden, den sie nicht gewollt hatten.

C&W: Wie konnten sie das glauben?

Münkler: Kultur und Religion übernahmen die Deutungshoheit, wo die Politik sprachlos blieb. Den Kirchen als klassischen Opferbewirtschaftern kam dabei eine herausgehobene Bedeutung zu.

C&W: Warum ausgerechnet ihnen?

Münkler: Die Kirchen durchdringen alle gesellschaftlichen Ebenen. Ein Pfarrer erreicht mit einer Predigt einen sehr viel repräsentativeren und nach unten offeneren Durchschnitt der Gesellschaft als ein Universitätsgelehrter mit einem politischen Vortrag.

C&W: Außerdem muss der Pfarrer qua Amt an etwas glauben, was er nie völlig verstehen kann.

Münkler: Ja. Seit Anbeginn der Geschichte ist die Religion und ihr Reflexivwerden in der Theologie der Versuch, mit dem Nichtbeherrschbaren zu leben. Insoweit ist es nicht verwunderlich, dass gerade die Pfarrer zu Beginn eines Krieges so eine herausgehobene Rolle in der Deutung des Geschehens spielen. Jahrhundertelang waren sie die Instanz, die politische Vorgänge – vor allem, wenn sie mit Krieg und Gewalt verbunden waren – in ihren Gemeinden bekannt machen und erklären mussten. Sie nahmen die Rolle ein, die heute die Massenmedien innehaben.

C&W: Welche Gründe gaben die Kirchen den Menschen an die Hand, für Deutschland zu sterben?

Münkler: Religiöse Sinnstiftung und säkulare Sinnstiftung der Intellektuellen verbanden sich miteinander. Die Intellektuellen sahen den Sinn in der Befreiung vom englischen Materialismus oder im Kampf gegen die Despotie des Zarenreichs. Die Theologen überführten diese säkulare Vorstellung in eine Heilsgeschichte. Aus der viktimen wurde eine sakrifizielle Sinndeutung, welche die materiellen Verhältnisse relativieren half: Weil Gott auf der Seite Deutschlands und nicht auf der seiner übermächtigen Feinde steht, wird Deutschland den Krieg gewinnen. Es ist nicht mehr Opfer der Verhältnisse, sondern Erfüllungsgehilfe des göttlichen Willens. Gott bedient sich der Deutschen im Heilsgeschehen.

C&W: Wer Gott neben sich im Schützengraben weiß, braucht also keine anderen Alliierten mehr?

Münkler: Tatsächlich wirkt die Transformation Deutschlands vom Opfer zum Gottgesandten auf die Bevölkerung ungeheuer mobilisierend. Der Soldat, der mit gefälltem Bajonett gegen die feindliche Stellung stürmt, sieht sich dann nicht als Rädchen in einer Vernichtungsmaschine, sondern glaubt, ein kleiner, aber für den Herrn unübersehbarer Diener zu sein.

C&W: Und die Kirchen haben, wie Sie sagen, diesen Glauben ordentlich befeuert. Welche Kirche war eigentlich schlimmer damals, die evangelische oder die katholische?

Münkler: Sie haben sich beide nicht viel gegeben. Das ist ja das Erstaunliche.

C&W: Inwiefern?

Münkler: Im Falle der evangelischen Kirche war der jeweilige Landesherr auch der Summus Episcopus der Landeskirche. Die evangelische Kirche stand dem preußischen Staat und später dem deutschen Kaiserreich nicht nur näher als die katholische, sie war in großen Teilen mit ihm deckungsgleich. So war Wilhelm II. zwar nicht als deutscher Kaiser, aber als preußischer König Oberhaupt der unierten Kirche in Preußen.

C&W: Daran wird die evangelische Kirche nicht gerne erinnert.

Münkler: Stimmt. Seit den Siebzigerjahren, der Antiatomkraft- und der Friedensbewegung, mischt sie sich als zivilgesellschaftlicher Player und unter Inanspruchnahme einer religiösen Ritualität in die Politik ein – zumeist im Gegensatz zu den Regierenden. Womöglich eine Wiedergutmachung für die Kriegsbegeisterung von 1914.

C&W: Sie meinen, wenn Margot Käßmann behauptet: „Nicht ist gut in Afghanistan“?

Münkler: (lacht) Die Äußerung von Margot Käßmann ist die Strafe Gottes dafür, dass sich die evangelische Kirche vor hundert Jahren so fleißig für den Krieg engagiert hat.

C&W: Das ist aber böse! Dabei war die katholische Kirche keinen Deut besser.

Münkler: Mag sein. Und das ist sehr viel schwerer zu erklären als bei den Protestanten. Immerhin ist der Katholizismus eine nationalstaaten-übergreifende Organisation, weshalb er im Kaiserreich den Herrschenden lange verdächtig war. Er galt als von Rom ferngesteuert, politisch unzuverlässig und wurde im Kulturkampf von Bismarck systematisch aus dem Staat herausgedrängt.

C&W: Das war 1914 schon kalter Kaffee.

Münkler: Meinen Sie? Tatsächlich hat Wilhelm II. den Kulturkampf frühzeitig für beendet erklärt und stand, anders als Bismarck, von Beginn an für eine Politik der Integration. Doch wo man sich einmal unversöhnlich gegenüberstand, kann man nicht plötzlich gut Freund sein. Am 31.Juli 1914 erklärte Wilhelm II. in seiner berühmten Balkonrede: „Ich kenne keine Parteien mehr“ – womit er zugleich meinte: und keine Konfessionen –, „ich kenne nur noch Deutsche.“

C&W: Und davon hat sich die katholische Kirche einlullen lassen?

Münkler: Sie war jedenfalls sehr patriotisch. Und damit war sie nicht allein. Auch die Sozialdemokraten, gleichfalls von Bismarck verfolgt, wollten 1914 nicht als vaterlandslose Gesellen dastehen. Und auch die deutschen Juden waren entgegen späteren antisemitischen Behauptungen überaus patriotisch. Wie alle wurden sie von der gesamtgesellschaftlichen Begeisterung für das Vaterland mitgerissen.

C&W: Warum hat Papst Benedikt XV. seine katholische Kirche in Deutschland nicht diszipliniert? Anders als sie hat er im Krieg nur ein sinnloses Gemetzel gesehen.

Münkler: Das ist ihm mit der französischen Kirche auch nicht gelungen. Im August 1914 sind eben nicht nur die Internationale des europäischen Hochadels und die Internationale der europäischen Sozialisten gescheitert, sondern auch die katholische Internationale.

C&W: Dennoch hat Benedikt XV. versucht, zwischen den kriegführenden Parteien einen Frieden zu vermitteln. Warum ist er gescheitert?

Münkler: Weil die Bindekraft des Opfergedankens bei den kriegführenden Nationen zu stark war. Ein Verhandlungsfrieden, wie der Papst ihn vorschlug, hätte die Rückkehr zum Status quo ante bedeutet. Doch wofür wären dann Hunderttausende Soldaten gefallen? So hat die Transformation toter Leiber in heilige Opfer einen Friedensschluss über Jahre unmöglich gemacht.

C&W: Doch wie gottgewollt wäre überhaupt noch ein Sieg gewesen auf einem solchen Leichenberg?

Münkler: Je länger der Krieg dauerte, desto mehr verzehrte er die Sinnstiftungen des Anfangs. Die permanente Gegenwart des Todes, die Grausamkeit des Grabenkrieges desillusionierte alle Beteiligten. Mit dem Beginn der Materialschlachten 1916 mehren sich die Feldpostbriefe, in denen Soldaten den Predigern der Etappe wünschen, auch mal an der Front die Knochen hinzuhalten, damit ihnen das Geschwätz von der Heiligkeit Deutschlands vergeht.

C&W: Dennoch haben die deutschen Soldaten weitergekämpft. Bis 1918 sind in keiner Armee so wenige Soldaten desertiert wie in der deutschen. Was hat die Soldaten in all der Trostlosigkeit durchhalten lassen?

Münkler: Die Trostlosigkeit selbst. In ihr gibt es keinen äußeren Raum mehr für das Sakrale, keinen Soldatenfriedhof, auf dem man innehalten und der gefallenen Kameraden gedenken kann. Die Schlacht dauerte nicht mehr ein oder zwei Tage wie früher, sondern ging am gleichen Ort weiter und weiter. Das Schlachtfeld selbst wurde zum Friedhof, auf dem die Toten verscharrt wurden und beim nächsten Artilleriefeuer den Überlebenden um die Ohren flogen. In so einer Situation Atheist zu sein und nicht wahnsinnig zu werden dürfte nahezu unmöglich gewesen sein. Deshalb verlagert sich der sakrale Raum nach innen, in die Seele, die Psyche: Wer all das übersteht, sagten sich viele, aus dem wird ein neuer, besserer Mensch. Der Opfergedanke des Anfangs transformierte sich in eine Religion des Aushaltens unabhängig vom Kriegsausgang.

C&W: Spiegelt sich das auch in den Predigten der Feldgottesdienste?

Münkler: Dazu gibt es nur wenige Untersuchungen. Aber man kann davon ausgehen, dass ein Feldgottesdienst im Jahr 1914 anders aussah als einer vor Verdun 1916. Davon abgesehen waren die Feldgottesdienste keine Propagandaveranstaltungen im klassischen Sinne. So wie die Mediziner und Lazarette die Aufgabe hatten, den physisch versehrten Soldaten wieder kampffähig zu machen, sollten die Geistlichen für seine psychische Gesundung sorgen. Die Seelsorger konkurrierten an der Front so mit den Psychiatern. Oder positiv formuliert: Sie gaben den Kämpfenden Mut, durchzuhalten. Sinnstiftung ist hier, mehr noch als in der Heimat, ein seelsorgerischer Akt.

C&W: Konnten die Kirchen von der Religion des Aushaltens profitieren?

Münkler: Als Kirche eher nicht. Die Wendung nach innen war zwar keineswegs gleichbedeutend mit einer Abkehr von Gott, jedoch mit einer Abkehr von der Institution, die durch ihre exzessiven Sinnstiftungsbemühungen bei Kriegsbeginn mehr und mehr in eine Glaubwürdigkeitskrise geraten war. Gott wird von den Soldaten privatisiert. Das Religiöse entkoppelt sich von seinem institutionellen Gehäuse und fängt an, in den eigentümlichsten Varianten zu vagabundieren. Nach Kriegsende und in der Weimarer Republik kommt es aus diesem Grund zu einer schleichenden Charismatisierung religiöser und politischer Vorstellungen, die nicht mehr institutionell kontrolliert werden konnten. Vor allem die NSDAP schafft es so, eine neue sakrale Atmosphäre zu erzeugen, die die Weltkriegsüberlebenden anzieht. Und nicht nur die.

C&W: Lassen sich mit dieser Form des Sakralen auch heute noch Menschen verführen? In „Mein Kampf“ will Hitler den gestählten neuen Deutschen erschaffen. Sollte „Mein Kampf“ deshalb im Stahlschrank bleiben, statt, wie manche fordern, in einer historisch-kritischen Ausgabe zu erscheinen?

Münkler: Als Wissenschaftler bin ich natürlich der Auffassung, dass historisch-kritische Ausgaben der beste Modus sind, um gefährliche Texte zu desakralisieren. Die Editionsphilologie – das vergisst der Freistaat Bayern, der die Rechte an „Mein Kampf“ hält und von einer Veröffentlichung nichts wissen will – ist eine scharfe Waffe. Das beginnt mit Erasmus von Rotterdam, der über die Septuaginta sagte: „Der Heilige Geist schreibt ein schlechtes Griechisch.“

C&W: Dabei ist, zugegeben eine steile These, der Protestantismus schuld daran, dass „Mein Kampf“ überhaupt geschrieben werden konnte.

Münkler: Wie das?

C&W: Hätte Kaiser Wilhelm II. 1918 auf seine Ratgeber gehört und wäre an der Front gefallen, wäre die Monarchie möglicherweise nicht derart diskreditiert gewesen, dass sie kurz darauf sang- und klanglos unterging.

Münkler: Möglicherweise. Nur leider vertrug sich für den Kaiser der Heldentod nicht mit seinem Verständnis als Oberhaupt der evangelischen Kirche in Preußen. Deshalb ging er ins Exil.

C&W: Das war doch eine Ausrede.

Münkler: Wilhelm II. war als Mensch und als Führungsfigur schwach. Ihm fehlte der persönliche Mut eines Josef Stalin, der angesichts der heranrückenden Wehrmacht 1941 beschloss, in Moskau zu bleiben, komme, was wolle.

C&W: Der Kaiser hätte den berühmtesten Gefreiten des Ersten Weltkriegs also daran hindern können, zum Führer zu werden, wenn er mehr gewesen wäre wie Stalin?

Münkler: Wer kann das schon mit Bestimmtheit sagen? Jedoch hat das Gedankenspiel einen kleinen Haken.

C&W: Welchen?

Münkler: Dann hätte Deutschland möglicherweise heute statt einer protestantischen Kanzlerin und eines protestantischen Bundespräsidenten einen protestantischen Potentaten.

Herfried Münkler promovierte über die Geschichtsphilosophie und das politische Handeln Niccolò Machiavellis und lehrt heute Politische Theorie und Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin. Seine Bücher „Die neuen Kriege“ (2002) und „Die Deutschen und ihre Mythen“ (2008) gelten als Standardwerke und wurden mehrfach ausgezeichnet. Sein neues, mehr als 900 Seiten starkes Buch „Der große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918“, erschienen bei Rowohlt, ist seit Jahren die erste Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs eines deutschen Wissenschaftlers. Darin bestreitet Münkler wie sein australischer Kollege Christopher Clark in „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ die alleinige Kriegsschuld des deutschen Kaiserreichs und behauptet, dass die deutschen Historiker den Ersten Weltkrieg zu lange lediglich als Prolog des Zweiten gesehen hätten. Sowohl Clarks Buch über den Kriegsbeginn wie auch Herfried Münklers Gesamtdarstellung wurden in diesem Jahr zu Bestsellern.

Herausgegeber: Die Zeit – Christ & Welt, Ausgabe 06/2014
Redakteur: Raoul Löbbert

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