Paradoxien

Auffällig getarnt

Attraktion auf der Themse: Das ehemalige Kriegsschiff präsentiert sich in neuem Gewand | Foto: Chris Wainwright
Attraktion auf der Themse: Das ehemalige Kriegsschiff präsentiert sich in neuem Gewand | Foto: Chris Wainwright

Die HMS President sieht plötzlich so anders aus. Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs wurde das ehemalige Kriegsschiff neu gestaltet – in der Dazzle-Camouflage-Technik. Dass der Künstler ausgerechnet Tobias Rehberger heißt, ist kein Zufall. Von Jochen Wittmann

Siebeneinhalb Meter. Soviel beträgt der Tidenhub der Themse hier, im Zentrum Londons. Wenn die Flut hereinkommt, wird der Fluss zur Bühne. Dann hebt er haushoch das, was schwimmt, auf seine Schultern und präsentiert es wie auf einer Plattform. Am Victoria Embankment, kurz oberhalb der Blackfriars Bridge, zeigt die Themse jetzt ihre neueste Attraktion: ein Kriegsschiff, das zum Kunstschiff wurde.

Die Passanten halten ein und wundern sich. Was quillt da aus dem Rumpf des Schiffs? Röhren scheinen es zu sein, Schläuche vielleicht, oder gar Pipelines? Es ist, als ob die Innereien des Maschinenraums nach außen drängen. Stählernes Gedärm quillt, Leitungen in Schwarz-Weiß-Grau, dazwischen ein orangener Farbklecks. Assoziationen drängen sich auf: Torpedos, Periskope, verbogene Kanonenrohre. Ein Schlauchsystem. Röhren, in die eine oder die andere Richtung ragend. Es ist alles sehr verwirrend. Nur eines ist sicher: Die HMS President sieht ganz und gar nicht so aus, wie man sich ein ehemaliges Kriegsschiff vorstellt. Das ist Sinn der Sache. Es ist jetzt, so der Titel, ein „Dazzle Ship“.

Schon ganz am Anfang ihres Lebens, als die President 1918 – damals noch unter dem Namen HMS Saxifrage – im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs in den Dienst ging, hatte sie eine Dazzle-Bemalung, also einen Tarnanstrich, der gerade durch seine Auffälligkeit blenden und verwirren sollte. Das jetzige Dazzle-Design stammt vom deutschen Bildhauer Tobias Rehberger. Der in Esslingen geborene und in Frankfurt lebende Künstler schuf eine moderne Neuinterpretation zum Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor einhundert Jahren.

Der Reiz des Absurden

Rund 2000 Schiffe der Royal Navy wurden damals mit >Dazzle-Bemalung in den Ersten Weltkrieg geschickt. Kreuzer, Frachter, Zerstörer – so etwas lässt sich auf See nicht so leicht verstecken, dazu sind Schiffe einfach zu groß. Dazzle war eine paradoxe Tarnung. Es will das Schiff nicht unsichtbar machen. Doch die komplexen und stark kontrastierenden geometrischen Muster machen es schwierig für feindliche Späher, die Größe, den Umriss, die Fahrtrichtung und -geschwindigkeit des Schiffes zu bestimmen. Verwirren statt verstecken: Dazzle sollte helfen, den Angriffen feindlicher U-Boote zu entkommen.

„Ein Objekt in sich selbst verunklären“: Künstler Rehberger auf der HMS President | Foto: Getty Images

„Ein Objekt in sich selbst verunklären“: Künstler Rehberger auf der HMS President | Foto: Getty Images

Oder, wie es Tobias Rehberger ausdrückt: Bei der Dazzle-Technik gehe es darum, „durch bestimmte grafische Muster ein Objekt in sich selbst zu verunklären“. Rehberger lässt sich schon seit 20 Jahren von diesem Konzept inspirieren. Für die Biennale in Venedig entwarf er 2009 das Design einer Cafeteria ganz im Dazzle-Stil und gewann damit den Goldenen Löwen. Rehberger reizt das Absurde an dieser Camouflage-Technik: wie man Tarnung erreichen will durch eine sehr auffällige und starke Visualität. Für ihn geht es dabei auch um die Sichtbarkeit von Kunst: „wie das funktioniert mit dem Hingucken, nicht nur im physiologischen, sondern auch im geistigen Sinn“.

Kein Wunder also, dass Rehberger für die Kuratoren von 14-18 NOW der ideale Kandidat für die Kreation eines neuen Dazzle-Designs war. 14-18 NOW ist das offizielle britische Kulturprogramm, das, so erklärt die Direktorin Jenny Waldman, „zeitgenössische Kunstprojekte in Auftrag gibt, um eine neue Sichtweise auf den Ersten Weltkrieg zu gewinnen“. In Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut hat man das Projekt binnen einer Rekordzeit von knapp vier Monaten verwirklicht: Im März fiel die Entscheidung, im Juli wurden die letzten Vinyl-Folien auf dem Schiffsrumpf verklebt. „Es dürfte“, meint Waldman, „wahrscheinlich das schnellste riesige Kunstprojekt in der Welt geworden sein.“

Die Crew ist begeistert

Dabei hatte sich Rehberger zuerst noch Bedenkzeit ausgebeten, um herauszufinden, „ob ich das kann und ob ich das will“. Immerhin sei es für einen Deutschen etwas befremdlich, wenn man einen Krieg feiern will, immerhin hätten die Briten eine „ganz andere Einstellung dazu und einen anderen Umgang damit“. Mit seinem Entwurf zielt der Konzeptkünstler auf keine Nachbildung: „Früher war es dazu gemacht, um im Krieg zu funktionieren. Heute ist es dazu gemacht, um darüber zu reflektieren. Vielleicht kann man daran sehen, dass sich in den letzten hundert Jahren ein bisschen was geändert hat.“ Und: „Mein Muster geht ins Surreale, fast Lustige. Das, dachte ich, wäre eine Möglichkeit, mit diesem Thema auf eine zeitgenössische Weise umzugehen.“

Und gefällt es? Dem Rechtsanwalt, der auf dem Weg zur Kanzlei täglich am Schiff vorbeigeht, sicherlich: „Vorher sah die President doch etwas schäbiger aus.“

Seit 1922 ist das Schiff permanent in London vertäut. Zunächst diente sie noch als Ausbildungsschiff, heute ist sie so etwas wie ein Business-Center, bietet Büros für Kleinunternehmer und kann als Veranstaltungsort für private Festlichkeiten gemietet werden. Die zwölfköpfige Crew, die den Unterhalt und die Versorgung des Schiffes managt, ist von der neuen Optik begeistert. „Am Anfang waren wir noch etwas skeptisch“, sagt Kapitän Chris Cooper. „Aber als dann die Pläne auf dem Tisch lagen, waren alle im Boot.“ Cooper selbst hätte nichts dagegen, wenn das Dazzle-Design auch noch länger das Schiff verzieren sollte als die avisierten sechs Monate: „Es ist einfach wunderschön und wunderbar ausgeführt.“

Doch im Frühjahr nächsten Jahres sollen die Vinyl-Folien wieder verschwinden. Es ist ein wenig, als ob man dem Schiff dann das Fell vom Leibe zieht. Ohne Dazzle-Haut wird es wieder mit seinem langweilig in Schwarz gehaltenen Rumpf im Themse-Wasser liegen und ein wenig schäbig aussehen. Jetzt denkt Cooper darüber nach, ob man nicht in vier Jahren, wenn die President ihren 100. Geburtstag feiert, den Bauch des Schiffes erneut mit einer Dazzle-Camouflage versehen sollte. Dann hätte die Themse, wenn die Flut kommt, mal wieder etwas zu präsentieren.

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