Florian Illies

1913 Der Sommer des Jahrhunderts - von Florian Illies
Audio- und Text- Passagen

Die Passagen stammen aus dem Buch „1913 - Der Sommer des Jahrhunderts“ von Florian Illies. Wir bedanken uns bei Der Audio Verlag GmbH für die Rechte an den Audioauszügen und bei S. Fischer Verlage für die Rechte an den Textauszügen.

JANUAR: EIN SILVESTERBRIEF VON FRANZ KAFKA

»Gerade der Mitternachtsschuss. Schreien auf der Gasse und der Brücke. Glockenläuten und Uhrenschlagen.« Aus Prag berichtet: Dr. Franz Kafka, Angestellter der Arbeiter-Unfall-Versicherung für das Königreich Böhmen. Sein Publikum sitzt im fernen Berlin, in der Etagenwohnung in der Immanuelkirchstraße 29, es ist nur eine Person, doch es ist für ihn die ganze Welt: Felice Bauer, fünfundzwanzig, etwas blond, etwas knochig, etwas schlaksig, Stenotypistin in der Carl Lindström A. G. Audio Symbol
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MAI: DIE PREMIERE VON „LE SACRE DU PRINTEMPS“

Genau zwei Wochen später, die nächste Generalprobe in diesem besonderen Mai in Paris – Strawinskys »Le sacre du printemps« im Théâtre des Champs-Élysées. Diesmal geht Harry Graf Kessler gar nicht erst auf die Probe, sondern kommt direkt zur Probenfeier bei Larue – mit Nijinsky, mit Maurice Ravel, mit André Gide, mit Djagilew, mit Strawinsky, »wo allgemein die Ansicht herrschte, dass es morgen Abend bei der Premiere einen Skandal geben werde«. Und so kommt es auch. Audio Symbol
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NOVEMBER: MARCEL PROUSTS „EINE LIEBE VON SWANN“ WIRD VERÖFFENTLICHT

Am 13. November erscheint »Eine Liebe von Swann«, der erste Teil von Marcel Prousts Romanwerk »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«. Nachdem das Buch außer von den Verlagen Fasquelle und Oldenbourg und der »Nouvelle Revue Française« auch von André Gide, dem damaligen Lektor im Verlag Gallimard, abgelehnt worden ist, hat Proust das Buch bei Grasset auf eigene Kosten verlegt. Doch kaum hält er das erste Exemplar in der Hand, trennt sich sein Chauffeur und Geliebter Alfred Agostinelli von ihm. Audio Symbol
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DEZEMBER: DAS GEDICHT „GROSSSTADT-WEIHNACHTEN“ VON KURT TUCHOLSKY

In der Nummer 52 der »Schaubühne« vom 25. Dezember erscheint das Gedicht »Großstadt-Weihnachten« von Kurt Tucholsky alias Theobald Tiger. Es erzählt Weihnachten als bürgerliches Schauspiel, bei dem die Menschen keine Gefühle mehr haben, sondern nur noch Rollen. Audio Symbol
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Florian Illies


Es ist ein Jahr, in dem alles möglich scheint. Und doch wohnt dem gleißenden Anfang das Ahnen des Verfalles inne. Literatur, Kunst und Musik wussten schon 1913, dass die Menschheit ihre Unschuld verloren hatte. Der Erste Weltkrieg führte die Schrecken alles vorher schon Erkannten und Gedachten nur noch aus. …

Malewitsch malt ein Quadrat, Proust begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit, Benn liebt Lasker-Schüler, Rilke trinkt mit Freud, Strawinsky feiert das Frühlingsopfer, Kirchner gibt der modernen Metropole ein Gesicht, Kafka, Joyce und Musil trinken am selben Tag in Triest einen Cappuccino – und in München verkauft ein österreichischer Postkartenmaler namens Adolf Hitler seine biederen Stadtansichten.