Florian Illies

NOVEMBER: MARCEL PROUSTS „EINE LIEBE VON SWANN“ WIRD VERÖFFENTLICHT

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Am 13. November erscheint »Eine Liebe von Swann«, der erste Teil von Marcel Prousts Romanwerk »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit«. Nachdem das Buch außer von den Verlagen Fasquelle und Oldenbourg und der »Nouvelle Revue Française« auch von André Gide, dem damaligen Lektor im Verlag Gallimard, abgelehnt worden ist, hat Proust das Buch bei Grasset auf eigene Kosten verlegt. Doch kaum hält er das erste Exemplar in der Hand, trennt sich sein Chauffeur und Geliebter Alfred Agostinelli von ihm.

Alle anderen aber verfallen dem Autor. Rilke liest das Buch schon ein paar Tage nach Erscheinen. Es beginnt mit den goldenen Worten: »Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen« – und damit traf Proust den Nerv einer übermüdeten Avantgarde, die sich von Kafka bis Joyce, von Musil bis Thomas Mann in ihren Tagebüchern rühmte, wenn es ihr gelungen war, einmal vor Mitternacht zu Bett zu gehen. Früh zu Bett gehen – das erschien den immer unausgeschlafenen Vorreitern der Moderne als das mutigste Ankämpfen gegen Depression, Trinken, sinnlose Ablenkung und die voranstürmende Zeit.

Aus: Illies, Florian (2012): 1913 – Der Sommer des Jahrhunderts.
Frankfurt a. M.: S. Fischer Verlage. 267f.

Florian Illies


Es ist ein Jahr, in dem alles möglich scheint. Und doch wohnt dem gleißenden Anfang das Ahnen des Verfalles inne. Literatur, Kunst und Musik wussten schon 1913, dass die Menschheit ihre Unschuld verloren hatte. Der Erste Weltkrieg führte die Schrecken alles vorher schon Erkannten und Gedachten nur noch aus. …

Malewitsch malt ein Quadrat, Proust begibt sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit, Benn liebt Lasker-Schüler, Rilke trinkt mit Freud, Strawinsky feiert das Frühlingsopfer, Kirchner gibt der modernen Metropole ein Gesicht, Kafka, Joyce und Musil trinken am selben Tag in Triest einen Cappuccino – und in München verkauft ein österreichischer Postkartenmaler namens Adolf Hitler seine biederen Stadtansichten.