Perspektiven

Der Große Krieg

Prof. Dr. Bernd Hüppauf © Hüppauf/Transcript used with permissionBereits am Namen lässt sich das Exzeptionelle dieses Kriegs ablesen. Er war zunächst auf beiden Seiten der Front Der Große Krieg, wurde dann der Europäische Krieg und mit dem Eintritt der USA auf Seiten der Entente zum Weltkrieg. Für die militärischen Sieger ist er bis heute der Große Krieg. Die Verlierer vermeiden diesen Namen seit dem Kriegsende, denn sie mussten – der Einsatz bildete das Maß – den größten Verlust, den die Kriegsgeschichte bis dahin kannte, verarbeiten.

Es ging um die schiere Existenz

Der Krieg wurde, davon waren die europäischen Nationen bei Kriegsausbruch überzeugt, um die eigene Identität, um die schiere Existenz geführt. Kein Krieg zuvor hatte die Emotionen auf solche Weise erregt und öffentliche Auseinandersetzungen ausgelöst. Die Erregung schwächte sich während des Kriegs ab, flammte aber nach 1918, vor allem in Deutschland, wieder auf. Sie wurde dann vom Zweiten Weltkrieg überlagert. Der Erste Weltkrieg ist aber im kollektiven Gedächtnis bis in die Gegenwart so präsent wie kein anderer Krieg in Europa.

Radikale Veränderung

Dieser Krieg brachte das Ende der Monarchien in Österreich und Deutschland und veränderte die politische Karte Europas und verschob die Gewichte in der Weltpolitik zu Ungunsten der Verlierer. Er führte auch zu radikalen Veränderungen der Kultur und der Lebenswelt. Mit diesem ersten und im umfassenden Sinn modernen Krieg des Industriezeitalters entstanden Probleme des Zusammenhangs von Krieg und Zivilgesellschaft. Sie führten zu einer umfangreichen Literatur, zu philosophischen Versuchen, zu Mythen und Theorien über den Krieg. Die Perspektive zersplitterte: Einfache Soldaten, Frontoffiziere, Stabsoffiziere, Flugzeugpiloten, U-Bootkommandeure, Frauen, Kinder, Verweigerer, Patrioten entwickelten sehr unterschiedliche Bilder dieses Kriegs, die über die neuen Medien öffentlich wurden. Bilder extremer Subjektivität entstanden und ließen sich nur mit Teilen der öffentlichen Meinung vermitteln; ein neuer und kämpferischer Pazifismus begleitete eine zuvor unbekannte Militanz. Eine Gesellschaft entstand, die bald als Krieg im Frieden bezeichnet wurde. Eine Verehrung der Technologie und zugleich eine tiefe Angst vor der Kriegstechnik, vor Gas und Flugzeugen, waren mentale Folgen dieses Kriegs.

Die Frage der Kriegsschuld

Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg sind nicht ohne Berechtigung als Fortsetzung des Ersten Weltkriegs interpretiert worden; Enzo Traverso spricht vom „Europäischen Bürgerkrieg 1914–1918“ (2007). Die Kriegsschuld war ein Problem, das es in der früheren Geschichte nicht gegeben hatte und wurde seit dem August 1914 heftig und nach den Verträgen von Versailles in den europäischen Gesellschaften mit kriegsähnlicher Verbissenheit diskutiert. Die Beantwortung der Kriegsschuldfrage führte in virtuelle Kriege, unter Parteien in Deutschland und zwischen Deutschland und den Siegernationen. Sie ist einer der Gründe, warum es bis heute keine europäische Geschichte dieses Kriegs gibt, sondern auch im Zeitalter der Globalisierung nationale Unterschiede dominieren.

Vielfältige Perspektiven

Ein neues Buch: Christopher Clark, „The Sleepwalkers“ (2013), nimmt eine einst repräsentative Position dieser Debatte wieder auf. Lloyd George hatte in seinen Kriegsmemoiren (1934) geschrieben, Europa sei in diesen Krieg hineingeschlittert: the nations slithered over the brink into the boiling cauldron of war. Mit dieser aus der Politik und Diplomatie entwickelten These gelingt Clarks Buch noch 100 Jahre nach dem Kriegsausbruch der Sprung in die Feuilletons und die Sachbuch-Bestsellerlisten. Diese Sicht, sollte sie sich erneut durchsetzen, wäre unter den Bedingungen der Gegenwart eine gute Voraussetzung für die überfällige Internationalisierung der Perspektive auf den Ersten Weltkrieg.

Aus einer über-nationalen Sicht hat George F. Kennan diesen Krieg einmal als die Urkatastrophe (seminal catastrophe) des 20. Jahrhunderts bezeichnet und damit der weiteren Debatte ein Stichwort geliefert. Diese Sicht ist fragwürdig und durch Evidenz nicht zu stützen. Es gibt in der Erinnerung nicht den einen Krieg, sondern er zerfällt in viele verschiedene Kriege, die sich bis heute nicht zu einem zusammenhängenden (Katastrophen-)Bild fügen.

Australien

Australien war als Dominion des United Kingdom am Krieg beteiligt und sandte Truppen, die unter Britischem Oberkommando kämpften und hohe Verluste erlitten. Australien erfuhr den Krieg nicht als Urkatastrophe, sondern als Geburt der Nation, wie auch die neuen kleinen Nationen Mittel- und Osteuropas diesem Krieg ihr Entstehen verdankten. 1917 schickte das periphere Australien einen offiziellen Kriegsfotografen an die Westfront, und sein fotografisches Werk ist für das grundlegende Problem einer Kulturgeschichte dieses Kriegs repräsentativ: die Undarstellbarkeit. Kann es ein einheitliches Bild des Kriegs der Moderne unter der Beteiligung vollkommen heterogener Gesellschaften geben? Frank Hurley experimentierte mit schlichten Fotomontagen, um ein Bild des Kriegs zu erzeugen. Er hielt seine Montagen für authentisch, da die monströse Gewalt und schiere Größe die konventionelle bildliche Repräsentation sprenge. Das Oberkommando hielt sie aber für Fälschungen und entzog ihm nach wenigen Monaten die Position des Kriegsfotografen. Mit dem Problem der Repräsentation, das im Ersten Weltkrieg entstand, kämpft die Darstellung von Krieg bis in die Gegenwart.

Was ist Krieg?

Im Krieg nach 1914 stellte sich die Frage: Was ist Krieg? Die Gegenwart hat die Frage ererbt und radikalisiert. Herfried Münkler bezeichnet den symmetrischen und repräsentierbaren Krieg als ein „Auslaufmodell“. Wir leben, argumentiert er, in postheroischen Gesellschaften, die sich auf Arbeit, Handel und Tausch aber nicht auf Opfer und Werte wie Ehre und Stolz gründen. Das bedeutet aber nicht das Ende des Kriegs als Mittel internationaler Konfliktaustragung. Das Zentrum der Weltgeschichte verschiebt sich nach Asien. Dort ist die Fortsetzung des symmetrischen Kriegs von Nationen nicht unwahrscheinlich. Darüber hinaus hat sich der Krieg zu seiner Erhaltung stets neue Technologien erschaffen. Neue Formen des Kriegs, Infowar, Cyberwar oder Drohnenkriege könnten zum Ende des 3000 Jahre alten Kriegs und Kriegsbildes führen. Der Erste Weltkrieg war symptomatisch. Er war die Zeit der Eklipse, der Verdunkelung und eines radikalen Neubeginns, Zivilisationsbruch und Aufbruch in ein neues Zeitalter der technischen Zivilisation, dessen Zeugen wir sind.

Bernd Hüppauf, Dezember 2013
Copyright: Goethe-Institut Australien, 2014


Bernd Hüppauf, Was ist Krieg? Zur Grundlegung einer Kulturgeschichte des Kriegs. Bielefeld (transcript) 2013.

Um 1800 entstand der generische Begriff Krieg, und Carl von Clausewitz‘ „Vom Kriege“ (1832) war einer der ersten Versuche, das abstrakte Wort mit Inhalt zu füllen. Was meinen wir, fragte er, wenn wir von Krieg sprechen und das Wort auf Buchumschlag: Was ist Krieg? © transcript, used with permissionJahrhunderte der Vergangenheit beziehen? Er verstand das Wesen des Kriegs als einen Zweikampf, in dem sich Gegner zu Boden ringen wollen, so dass der Sieger dem Verlierer seinen Willen aufzwingen kann. Diese Antwort hat sich bis in die Gegenwart erhalten. Hüppaufs Buch setzt dieser Metapher eine andere Bestimmung entgegen. Von Krieg könne man nur sprechen, wenn der physische Kampf von Bildern des Kämpfens, von Strategie und Vorstellungen des Kampfes, von Mythen und Ritualen ergänzt wird. Damit aus Mord und Totschlag der Krieg entsteht, sei der gesellschaftliche Diskurs nötig, und der entstehe mit der Urbanisierung der frühen Städte in Mesopotamien und Ägypten. Im urbanen Milieu, in der ersten Öffentlichkeit und der Produktion von Waffen aus Metall in großen Mengen liege der Ursprung des europäischen Kriegs.

Angestoßen durch Innovationen der Waffentechnologie und des öffentlichen Diskurses in Medien durchlief der europäische Krieg grundlegenden Wandel. Das Buch verfolgt den Wandel mit Hilfe der Schwerpunkte: archaischer Krieg, Kriege des 17. Jahrhunderts (Dreißigjähriger Krieg und Türkenkriege) des 19. Jahrhunderts (Befreiungskriege und erste industrialisierte Schlachtfelder) und dem Ersten Weltkrieg, dem ersten umfassend modernen Krieg des Industriezeitalters. Es endet mit den kommenden Kriegen: Krieg der Drohnen, Cyberwar, Infowar, Lawfare.

Die Argumentation verfolgt die Frage, ob und wie aus der Militärgeschichte eine Gesamtgeschichte, die den Krieg in die kulturellen Zusammenhänge von Gesellschaft einbaut, entwickelt werden kann. Wie lässt sich eine Disziplin begründen, die die organisierte Gewalt in großem Maßstab als eine Kulturgeschichte beschreibt und zu verstehen sucht?
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Prof. Dr. Bernd Hüppauf

Prof. Dr. Bernd Hüppauf © Hüppauf/Transcript used with permission

Prof. Dr. Bernd Hüppauf ist Emeritus für Deutsche Literatur und Literaturtheorie der New York University. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Mentalitäts- und Kulturgeschichte der Moderne.

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